Was gibt es Neues? E-Mail

Zuletzt: Ein alter Zeitschriftenbeitrag (2006) über Klaus Mann. Davor: Ein unveröffentlichter Zeitungsartikel zum 20. Todestag von Michel Foucault.

Was man auf diesen Seiten sonst noch alles findet, ist leicht anhand des Hauptmenüs rechter Hand herauszubekommen.

Kommentare zu den hier veröffentlichten Texten sind übrigens immer willkommen!

Stefan Broniowski

 
Grundsätzliches zur „Homo-Ehe“ PDF Drucken E-Mail

Es beginnt für gewöhnlich mit einer Unwahrheit. Homosexuelle, so heißt es, seien Heterosexuellen gegenüber benachteiligt, weil sie nicht heiraten dürften. Tatsächlich aber gibt es, jedenfalls vor der Einführung der „Homo-Ehe“ in keiner je bekannt gewordenen Rechtsordnung irgendwelche Bestimmungen, die die Möglichkeit, die Erlaubnis oder das Verbot einer Eheschließung ausdrücklich an eine bestimmte sexuelle Orientierung der Heiratswilligen knüpfen. Anders gesagt, kein Paragraph hat je gefordert, man müsse heterosexuell sein, um heiraten zu dürfen. Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil besteht also im Hinblick auf das Recht zu heiraten keine Benachteiligung von Homosexuellen gegenüber Heterosexuellen. Heterosexuellen war es stets genau so wenig möglich, eine Person gleichen Geschlechts zu heiraten, wie Homosexuellen. Insofern nämlich die Ehe nie anders verstanden wurde denn als rechtliche Verbindung von Mann und Frau, war nicht die sexuelle Orientierung, sondern das Geschlecht, genauer: die Verschiedengeschlechtlichkeit der Eheleute das Kriterium. Erst der Wunsch mancher Homosexueller, eine Ehe mit einem (oder einer) anderen Homosexuellen einzugehen, trägt die sexuelle Orientierung in den Ehebegriff ein.
Tatsächlich gibt es unzählige Beispiele von Menschen, die, nach wessen Begriffen auch immer, heute für gewöhnlich als homosexuell gelten und die sehr wohl verheiratet waren (oder sind). Wenn man Beispiele braucht: Aus dem Bereich der Literatur fallen mir sofort Oscar Wilde, W.H. Auden und Yukio Mishima ein. (Ob die Gründe der Eheschließungen gut oder schlecht waren und ob es sich um gute oder schlechte Ehen handelte — wer hätte, genauso wie bei nichthomosexuellen Verheirateten, darüber zu richten außer den Beteiligten selbst?)
Nicht Homosexuelle also werden vom herkömmlichen Eherecht benachteiligt, sondern allenfalls Paare aus zwei Männern (oder zwei Frauen) gegenüber Paaren aus Mann und Frau. Das aber verschiebt die Thematik. Denn üblicherweise gelten Paare nicht als Träger von Rechten. Es ist also etwas ganz anderes, wenn mit „Homosexuelle dürfen nicht heiraten“, was streng genommen falsch ist, eigentlich „Paare von Homosexuellen dürfen nicht heiraten“ gemeint ist, was freilich für gleichgeschlechtliche Paare von Heterosexuellen genauso gilt.
Während es, um es nochmals zu sagen, falsch ist, zu behaupten, das Homosexuelle nach herkömmlichem Recht nicht heiraten dürfen, ist es richtig, dass Lebensgemeinschaften von zwei Männern (oder zwei Frauen) herkömmlicherweise nicht denselben Rechtsstatus erlangen können wie Lebensgemeinschaften von einem Mann und einer Frau (oder, in bestimmten Rechtsordnungen, eines Mannes und mehr als einer Frau oder einer Frau und mehr als einem Mann). Allerdings gibt es viele Formen der Lebensgemeinschaft, die nicht verrechtlicht und rechtlich nicht anerkannt sind. Menschen leben keineswegs nur paarweise miteinander und nicht alle Paare, die eine Lebensgemeinschaft haben, sind durch Liebe oder Sex verbunden.
Das Besondere an der Paarbeziehung zweier homosexueller Männer (oder zweier homosexueller Frauen) ist in diesem Zusammenhang jedoch, das sie analog gedacht wird zur Paarbeziehung eines heterosexuellen Mannes und einer heterosexuellen Frau. Diese wird als das schlechthin gültige Modell von Paarbeziehung überhaupt gesetzt und mit hohem symbolischen Wert aufgeladen, wobei als Krönung der Verbundenheit und Verbindlichkeit die Eheschließung gilt. Absurderweise, muss man sagen, denn die zunehmende Verklärung der Ehe steht in krassem Widerspruch zu zunehmenden Scheidungsraten. Keineswegs ist die Ehe realistischerweise noch eine auf Lebenszeit eingegangene Verbindung. Man gibt sich viel mehr das Versprechen, zusammen zu bleiben und einander beizustehen, in dem Bewusstsein, sich bei Schwierigkeiten jederzeit trennen zu können.
Seit unvordenklicher Zeit galten Ehen vor allem als Rechtsgeschäft — und zwar eher als solche zwischen zwei Familien denn bloß zwischen zwei Einzelpersonen, weshalb übrigens das Arrangieren von Ehen nichts mit Zwangsverheiratung zu tun hatte, sondern mit ökonomischer (oder politischer) Vernunft. Die Liebe der Eheleute zueinander bildete nicht die Voraussetzung, sondern ein wünschenswertes Ergebnis des Zusammenlebens. Die Ehe als Ausdruck romantischer Liebe hingegen ist, wie diese selbst, eine sehr junge Erfindung. Und heute absolut hegemonial geworden. Wobei bemerkenswerterweise weniger tatsächlich gelingendes Zusammenleben entscheidend für die Beliebtheit der Ehe zu sein scheint (da man sich im Fall des Scheiterns ja scheiden lassen kann), sondern der bloße Fakt der Eheschließung selbst. Der Hochzeitstag wird nach festen Regeln als „schönster Tag“ imaginiert; wobei man sich fragen darf, wie eine Ehe wohl aussieht, die ihren Höhepunkt schon am Anfang hatte …
Selbstverständlich ist die Ehe aber nach wie vor auch Rechtsinstitut und mit bestimmten rechtlichen und wirtschaftlichen Privilegien verbunden. Und selbstverständlich geht es bei der Forderung, auch Homosexuelle (nämlich: homosexuelle Paare) müssten heiraten dürfen, auch um diese Privilegien, genauer: um die Ausweitung dieser Privilegien von Partnerschaften von Heterosexuellen auf Partnerschaften von Homosexuellen, betreffe dies nun das Erb-, Miet- oder Steuerrecht. Dass wirtschaftlichen Aspekte vor allem dort eine Rolle spielen, wo Einkommen hoch und Vermögen groß sind, sei nur am Rande vermerkt. Von erheblicher Bedeutung können freilich auch bestimmte Rechte im Krankheits- oder Todesfall sein — Auskunfts- und Besuchsrechte etwa oder die Entscheidung über lebensverlängernde Maßnahmen oder Organentnahmen.
Die Verbindung von symbolischem Wert („unsere Partnerschaft ist genauso gut“) und juridisch-ökonomischer Funktion („unsere Partnerschaft soll sich genauso auszahlen“) kennzeichnet den Diskurs über die „Homo-Ehe“. Dabei sind zwei grundsätzlich verschiedene Politiken zu unterscheiden. Zum einen die Schaffung besonderer Rechtsinstitute, die der Ehe mal mehr, mal weniger entsprechen (zum Beispiel „registrierte Partnerschaft“ oder „Zivilpakt“). Oder die Schaffung der Möglichkeit für Paare aus zwei Männern oder zwei Frauen, eine vollgültige Ehe einzugehen.
Letzteres als „Ehe-Öffnung“ zu bezeichnen, ist übrigens irreführend. Die Ehe wird hier nicht, wie der Ausdruck suggerieren soll, für Homosexuelle geöffnet, denen sie ja, wie oben dargelegt, gar nicht verschlossen war. Vielmehr wird der Begriff von Ehe, der in keiner Rechtsordnung je anders denn als Verbindung von Mann und Frau verstanden wurde, neu definiert. Statt von „Öffnung“ wäre also besser von „Neudefinierung“ der Ehe zu sprechen.
Doch so oder so, ob nun „Homo-Ehe“ im engeren Sinne (eheähnliche Rechtsform) oder im weiteren (Ehe für Paare aus zwei Personen gleichen Geschlechts), entscheidend ist, ob diese rechtlichen Neuordnungen nur für Homosexuelle gelten oder auch für Heterosexuelle. Im ersten Fall wird Sonderrecht geschaffen — und also Ungleichheit gerade nicht beseitigt —, nur im zweiten Fall geht es tatsächlich um Rechtsgleichheit. Noch deutlicher gesagt: Dürfen zwei Männer (oder zwei Frauen) einander nicht heiraten (oder sich miteinander „verpartnern“), weil sie nicht homosexuell sind, schafft die angebliche „Gleichbehandlung“ von Homosexuellen in Wahrheit neue Ungleichheit.

 
Wie falsch kann Wahrheit sein? PDF Drucken E-Mail

Das Internet, dieser Ozean fremder Gedanken, der Stunde um Stunde so viel Bedenkenswertes und Bedenkliches heranspült, hat mir heute auch diesen Satz gebracht: „Es gibt nur eine falsche Sicht: Der Glaube, dass meine Sicht die einzig richtige ist.“ (Als Quelle wird „Nagarjuna“ angegeben.) Ich bin überzeugt, dass dieser Satz vielen Menschen gefällt, dass sie ihm spontan zustimmen. Mir aber leuchtet er ganz und nicht ein, ja ich halte ihn, sofern ich ihn überhaupt verstehe, für falsch. Das möchte ich hier ausführen. Dabei interessiert es mich nicht, ob der Satz tatsächlich von Nagarjuna stammt und was dessen Philosophie eigentlich ist; ich nehme den Satz vielmehr so, wie er dasteht, ohne einen spezifischen Kontext.
„Es gibt nur eine falsche Sicht: Den Glauben*, dass meine Sicht die einzig richtige ist.“ Vielleicht kann man ja diesen Satz auch ganz harmlos und unprätentiös verstehen als Warnung, die eigene Sicht der Dinge nicht zu überschätzen, sondern stets der eigenen Beschränkungen eingedenk zu sein. Jeder ist anfällig für Täuschung und Irrtum, niemand, zumindest kein gewöhnlicher Sterblicher, der im eigenen Namen spricht, ist unfehlbar. Wenn der Satz nur das besagen wollte, wäre er wohl wahr, aber auch ein bisschen banal. Er sagt allerdings, wörtlich genommen viel mehr, nämlich nicht nur: Es ist möglich, dass man sich irrt, sondern er behauptet: Man irrt sich immer, wenn man glaubt, dass man die Wahrheit weiß.
Das ist nun offensichtlich paradox. Wie der Satz, alles sei unwahr, sich selbst widerspricht, denn wenn er selbst unwahr ist, ist nicht alles unwahr, und wenn er wahr ist, ebenfalls nicht, so ist auch die Behauptung, jeder Anspruch auf Wahrheit sei immer falsch, offenkundig widersprüchlich, sofern nämlich dieser Satz doch wohl selbst den Anspruch erhebt, wahr zu sein, und dann ja, sich selbst zufolge, eine falsche Sicht sein müsste, woraus wiederum folgt, dass dann eben doch nicht jeder Wahrheitsanspruch falsch ist. Anders gesagt, die Sicht, dass der Glaube, eine einzige Sicht sei die einzig richtige, sei falsch, ist selbst nur eine Sicht und wäre darum, wenn sie richtig ist, falsch und falsch, wenn sie richtig ist.
Freilich ergeben sich solche Paradoxa nur dann, wenn man an der üblichen zweiwertigen Logik festhält, also daran, dass eine Behauptung und ihr Gegenteil nicht beide wahr sein können. Es mag Menschen geben, die beanspruchen, über dieses gewöhnliche Denken hinaus zu sein und einer Logik zu folgen, nach der eine Aussage zugleich wahr und unwahr sein kann. Ich persönlich allerdings besitze diese erstaunliche Fähigkeit nicht, ich denke noch immer zweiwertig und halte alles andere für Unsinn.

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Warum ich Nichtwähler bin PDF Drucken E-Mail

Allein schon, dass alle Welt will, dass man wählen gehe, ist doch wohl höchst verdächtig. Geh wählen, geh wählen, geh wählen, tönt es von überallher. Geh wählen, heißt es, egal was, Hauptsache, du wählst überhaupt. Wählen gehen sei wichtig, heißt es. Das glaube ich auch. Wählen gehen stärke die Demokratie, heißt es. Auch das glaube ich. Gerade deshalb bin ich ja dagegen.
Als Nichtwähler macht man sich im real existierenden Demokratismus nicht beliebt. Nichtwähler werden als passive Ignoranten, als faule Verweigerer, als überzählige Mitbürger betrachtet, die den anständigen und fleißigen Wählern und Wählerinnen politisch auf der Tasche liegen und am Wahltag, der bekanntlich Zahltag ist, ihren notwendigen Beitrag nicht leisten. Pfui. Wer nicht wählt, der soll eigentlich gar nicht existieren.
Dass man auch Nichtwähler sein kann, ohne politisch desinteressiert und inaktiv zu sein, darf nicht wahr sein. Wer nicht wählt, hat einen Defekt. Der kann vielleicht mit Verdrossenheit entschuldigt werden, bleibt aber ein Übel, das besser beseitigt würde. Nichtwählen aus Überzeugung aber, wo gibt’s denn so was!
Wahlen gelten als Kernbestandteil der Demokratie, und die Demokratie ist die Heilige Kuh (um nicht zusagen: das Goldene Kalb) der kapitalistischen Gesellschaft. Wer Demokratie nicht toll findet und nicht als die einzig vernünftige und erstrebenswerte Regierungsform anhimmelt, ist mehr als verdächtig. Der ist draußen. Nur Nazis und Kommunisten und solches Gesocks sind keine Demokraten. (Wobei man verdrängt, dass Hitler von der „germanischsten Demokratie“ schwärmte und die Bolschewisten ihre Gewaltherrschaft als „demokratischen Zentralismus“ betitelten.)
Undenkbar, dass man auch aus guten Gründen gegen Demokratie, so wie sie ist, etwas haben könnte. Also sage auch ich nicht etwa, ich sei Antidemokrat, sondern bezeichne mich als Demokratiekritiker. Das stimmt allerdings auch in der Sache, denn ich will nicht ja weniger als Demokratie, sondern mehr. Als Anarchist sähe ich gerne das an demokratischen Systemen, was an ihnen noch Herrschaft von Menschen über Menschen ist, überwunden. Wenn man also unter radikaler Demokratie verstehen kann, dass alles, was ihn betrifft, von jedem Mündigen mitbestimmt wird, dann bin ich radikaler Demokrat.

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Über Klaus Berndls „Feindberührung“ PDF Drucken E-Mail

Zwei jungen Soldaten, ein Deutscher und ein Russe, werden in einer vom Krieg völlig verwüsteten Gegend in einem Keller verschüttet. Aus Feinden werden Liebhaber, die ihr Zusammensein verteidigen, auch mit Gewalt. Am Ende kommen sie um. Das ist, knapp zusammengefasst, die in „Feindberührung“ erzählte Geschichte. Doch selbstverständlich ist nicht entscheidend, was, sondern wie erzählt und beschrieben wird
Um nun die Eigenart des Textes näher bestimmen zu können, muss man zunächst einmal ganz deutlich sagen: Es handelt sich bei „Feindberührung“ nicht, wie der Untertitel behauptet, um einen Roman, denn das epische Moment fehlt fast völlig. (Das Etikett „Roman“ hat der Verlag vielleicht nur deshalb hinzugesetzt, weil die Leute nicht gerne Literatur kaufen, die nicht so betitelt ist.) Es handelt sich auch nicht um eine Novelle, obwohl der Text durchaus deren bekannter Definition — „unerhörte Begebenheit“ — zu genügen vermöchte. Ja, es stellt sich die Frage, ob es sich bei „Feindberührung“ überhaupt um Prosa handelt oder nicht vielmehr um eine Art Gedicht.
Dafür spricht manches: Der Gestus des Textes ist höchst expressiv. Oft werden bloß Satzfetzen und Wörter aneinander gereiht, syntaktische Regeln gelten zuweilen nicht viel, worum es geht, ist die Intensität des Ausdrucks. Erzählt und beschrieben wird nicht aus epischer Distanz, sondern der Leser wird hineingetrieben in eine an alle Sinne appellierende Erfahrung. Zwar erscheint der Text, der ja doch einer narrativen Linie folgt, durchaus realistisch und will nicht vordergründig „poetisch“ sein. Doch die ungeheure Dichte vieler Stellen macht zu schaffen. — Woher der sprachmächtige Autor im Übrigen die Vorstellungskraft nimmt, die Wirklichkeit des Krieges vorzuführen, um sie nachvollziehbar zu machen, bleibt rätselhaft, denn aus eigenem Erleben kann derlei kaum stammen, er ist Jahrgang 1966.
Der starke Text gibt auch sonst Rätsel auf. Zum Beispiel könnte man sich fragen, welcher Krieg da eigentlich stattfindet. Zunächst wird man wegen der Erwähnung von Grabenkämpfen und von Deutschen und Russen (statt Deutschen und Sowjets) an den Ersten Weltkrieg denken wollen. Dann wiederum spricht manches, etwa das Vorkommen von Panzern, für den Zweiten Weltkrieg. Die eingestreute Jahreszahl 1937 scheint das zu bestätigen, aber dann wird auch 1953 genannt und der Leser verliert völlig den historischen Boden unter den Füßen. Die Uniforn des Russen weist einen Doppeladler auf, die des Deutschen den Bundesadler. Geht es also um einen russisch-deutscher Krieg der Zukunft? Oder will der der Autor das Geschehen einfach in unbestimmter Zeit ansiedeln, wie ja auch der Ort geographisch unbestimmt bleibt?

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