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Mir scheint, mein Problem mit Peter Rehbergs „Fag Love“ ist im Grunde keines der Literaturkritik. Denn was diese betrifft, so bin ich ja sogar bereit zuzugeben, dass bei diesem Text Form und Inhalt perfekt zusammenpassen. Nur finde ich eben beides belanglos. Mein eigentliches Problem ist, wie ich vermute: Ich kenne solche Leute wie (die Romanfiguren) Felix, Sven, Anton, Jack usw. nicht. Das heißt, ich kenne sie sehr wohl oder könnte sie zumindest kennen, aber ich möchte sie nicht kennen und habe es, wenn ich ihnen im wirklichen Leben begegnete, stets vorgezogen, nichts mit ihnen zu tun zu haben. Das deshalb, weil wir sowieso nichts miteinander gemein haben und weder ich für sie noch sie für mich in irgendeiner Hinsicht interessant sind. Man mag es für überheblich halten, dass ich mit Leuten wie Felix, Sven, Anton, Jack usw. nichts zu tun haben möchte. Es könnte den Anschein haben, als hielte ich mich für besser als bestimmte Leute. Aber selbst wenn dem so wäre, geht es darum nicht. Tatsächlich handelt es sich bei meiner Abwehr vor allem um Selbstverteidigung eines Marginalisierten. Solche Leute, behaupte ich, sind für mich eine ernstzunehmende Bedrohung, denn sie sind in der Minderheit die Mehrheit. Sie beanspruchen und erhalten den Raum und die Aufmerksamkeit, den und die ich gern anders vergeben sähe. Sie bilden die konformistische Masse, die verhindert, dass die Schwulen eine revolutionäre Avantgarde sind.
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Joachim Bartholomae, bekannt als Verleger, Herausgeber, Kritiker und Autor, hat im September dieses Jahres bei der Diskussionsveranstaltung „Homosexualität als Katalysator dichterischer Kreativität oder gibt es eine schwule Ästhetik? Kleist als Exempel“ (im SchwuZ, Berlin) „Acht Thesen zur Außenseiterthematik bei Kleist“ vorgetragen und diese (in Kurzfassung) dann auch unter dem Titel „Von Kleist lernen heißt verlieren lernen (zum 200. Todestag)“ samt kommentierenden und erweiternden Ergänzungen und Weblog „Schwule Literatur“ nachlesbar gemacht. Diese Acht Thesen finde ich ungemein beachtenswert, sie bringen, so scheint mir, Wichtiges auf den Punkt und in aller Kürze und Dichte verweisen sie auf wertvolle Einsichten, die mir, der ich meinem Selbstverständnis nach kein Kleist-Kenner, sondern bloß ein Kleist-Leser bin, die Eigenart der Kleistschen Texte neu aufschließen und sie mich besser verstehen lassen. Auch, um mich bei Joachim Bartholomae für diese, wie ich finde, nachgerade lehrbuchreife Leistung zu bedanken, möchte ich hier mit viel Zustimmung, ein paar Einwänden und zwei Vorbehalten zu den Acht Thesen etwas sagen. Der erste Vorbehalt ist eigentlich nebensächlich, da ich meine, dass das, worauf er sich bezieht, für das Verständnis der Bartholomaeschen Thesen nicht wesentlich ist. Es geht bloß darum, dass ich den Ausdruck „doppelten Kontingenz“ (im Selbstkommentar im Anschluss an Luhmann auch „doppelte Komplexität“ genannt) nicht verstehe, denn er bezieht sich auf einen theoretischen Kontext, der mir mangels Interesse stets verschlossen geblieben ist. Das ist sozusagen mein Pech, aber mir scheint, man kann mit Bartholomaes Einsichten auch dann etwas anfangen, wenn man sie nicht im Luhmannschen Kontext liest. Der zweite Vorbehalt ist grundsätzlicher und hat vielleicht doch ebenfalls nur wenig mit Bartholomaes Thesen zu tun. In den Ergänzungen verwendet Bartholomae die Wendung „homosexuelle Künstler wie Kleist“. Aber war Kleist denn überhaupt homosexuell? Die Frage betrifft die Biographik, nicht die Literaturwissenschaft (sonst widerspräche Bartholomae in gewisser Weise seiner ersten These, siehe unten). Bartholomae schreibt: „Das Outing gegenüber bornierten Kulturwissenschaftlern war eine Sache der 90er Jahre und (ist) glücklicherweise weitgehend erledigt.“ Mit anderen Worten: Kleist kann als homosexuell gelten. Mit Verlaub, ich halte mich selbst nicht für borniert, aber auch Kleist nicht für homosexuell. Und das nicht nur, weil ein Begriff, der erst lange nach Kleist aufkam und sich durchsetzte, nur anachronistisch auf die Befindlichkeit oder gar das Selbstverständnis eines Mannes um 1800 angewendet werden kann, sondern vor allem, weil ein solches Vorgehen, dass bei Männern wie Winckelmann oder Platen vielleicht gerechtfertigt werden könnte, im Falle Kleists aus meiner Sicht keinen überzeugenden Anhalt in den biographischen Quellen hat. Auch in lange nach den 90er Jahren verfassten und wohl der Homophobie eher unverdächtigen Biographien wie denen von Jens Bisky (2007) oder Gerd Schulz (2007, durchgesehene und aktualisierte Neuauflage 2011) finde ich für die Homosexualitätsthese keinen Beweis. Ich werde jedoch an dieser Stelle nicht weiter auf dieses Thema eingehen, sondern meinen Vorbehalt hier nur in die schlichte These fassen: Kleist war nicht homosexuell. (Worüber man bei anderer Gelegenheit diskutieren könnte.) Damit nun zu den acht Kleist-Thesen Joachim Bartholomaes.
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Unter dem Titel „Systemkrise: Perfide Politisierung der Sexualität“ hat ein mir nicht weiter bekannter Larsen Kempf am 22. Juni 2010 im Weblog „www.dasgespraech.de“ einen Text veröffentlicht, den ich hier analysieren möchte, weil ich ihn gerade wegen und nicht trotz seiner gedanklich-sprachlichen Misslungenheit für lesenswert halte, wenn es darum geht, herauszubekommen, was die Rechten eigentlich gegen die Schwulen und Lesben haben (die es im Übrigen ja leider auch unter ihnen gibt). Man mag es für wohlfeil halten, einem so schlichten Textchen Satz für Satz seine Irrtümer, Missverständnisse, Vorurteile und Ressentiments vorzuhalten, aber erstens macht es Spaß und zweitens ist es doch auch lehrreich
Celebration politischer Emanzipation in der Politik Der Anlass für Kempfs Auslassungen ist der Berliner CSD 2010, der damals gerade „celebriert“ [sic] worden sei und zwar „wie jedes Jahr in zahlreichen Städten“ von „hundert Tausende[n] für die politische Emanzipation der Homosexuellen in Gesellschaft und Politik“. Ob die Städte mit einschlägigem Umzug nun wirklich so zahlreich sind, wie Kempf meint, und ob es nun wirklich hundert Tausende waren (oder Hunderttausende?; mit der Rechtschreibung hapert’s bei diesem rechten Schreiber ein wenig), die dort „für“ etwas „celebrierten“, kann man dahingestellt sein lassen; im Prinzip gibt Kempf das Anliegen der Christopher-Street-Day-Paraden nicht falsch wieder: Emanzipation der Homosexuellen. Ob aber nun politisch in Gesellschaft und Politik oder gesellschaftlich in Politik und Gesellschaft — wer will da rechten? Kempf, von dem man nicht erfährt, ob er eigentlich unter den hundert Tausenden von Paradierenden oder unter den tausenden Hunderten von Zuschauern zu verorten ist (oder, was wahrscheinlicher ist, die Veranstaltungen nur vom Hörensagen kennt), gibt dem Veranstaltungsmotto „Normal ist anders“ Recht, wirft einen „Blick auf die Skurrilitäten der vertretenden Zerrbilder homosexuell Emanzipierter“ und durchschaut unversehens: „Weder geht es dabei um die heutige Selbstverständlichkeit, homosexuell zu leben, noch um eine bloße ‘große und wilde Party’, wie sie der langjährigen Love-Parade unterstellt werden konnte. Stattdessen ist jeder CSD ein zutiefst politischer Akt.“ Das öffentliche Eintreten für politische Emanzipation in der Politik ist also, und noch dazu „zutiefst“, ein politischer Akt und nicht bloß ein Spaß-Event — wer hätte das gedacht! Wie anders da die Liebesparade, der man anscheinend eine Party unterstellen konnte, ohne dass sich irgendeine Parteilichkeit hätte einstellen müssen. (Von einer langjährigen love parade habe ich freilich zuvor noch nie etwas gehört, meines Wissens dauerte derlei höchstens einen Tag.) Nach der Einsicht in den politischen Charakter einer politischen Demonstration folgt nun in Kempfs Ausführungen nach der etwas vorgestrig klingenden Zwischenüberschrift „Überlebenswille einer Gesellschaft“ („Nation“ traut er sich anscheinend nicht zu sagen) etwas unvermittelt der Satz: „Aus konservativer Perspektive wäre zu fragen, ob die Veranstaltungen der CSDs ein Signum des zerfallenden Abendlandes darstellen.“ Heb dir mal keinen Bruch, Jungchen, würde man da spontan ausrufen wollen, wenn sich mit jemandem wie Kempf nicht alle Vertraulichkeiten von selbst verböten. Signum? Abendland? Geht’s noch?
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Über Theologisches und Atheistisches bei Günther Anders und Martin Heidegger
I.
Meinem Vortrag möchte ich jene von Günther Anders wohl im Jahre 1984 notierte Anekdote voranstellen, die auch den von Gerhard Oberschlick 2001 aus dem Andersschen Nachlass herausgegebenen Band „Über Heidegger“ eröffnet. Sie lautet:
„Persönlich habe ich Heidegger kaum gekannt. Einmal hab‘ ich in Marburg — wie es dazu kam, ist mir entfallen — bei H[eideggers]s übernachtet. Die Unterhaltung ließ sich nach dem sehr einfachen Nudel-Abendessen sehr gut an. Denn ich zitierte, erst einmal ohne den Autor zu nennen, Voltaires herrliches Wort: ‘Es genügt nicht zu schreien, man muß auch Unrecht haben’, das sogar ihn [Heidegger], den total Humorlosen, amüsierte. Als ich aber erklärte, daß das Wort von Voltaire stamme, machte zuerst sie, daraufhin auch er ein schiefes Gesicht. Völlig war der Abend aber dadurch verdorben, daß ich in harmlosestem Tone fortfuhr, natürlich gelte symmetrisch auch das Wort: ‘Es genügt nicht zu murmeln, man muß auch recht haben.’ Während sie natürlich überhaupt nichts verstand, blickte er mich einen Moment lang haßerfüllt an. Er fühlte sich durchschaut. Denn es war ja seine tägliche Taktik, durch nahezu unhörbares Murmeln eine totale Stille im Saal zu erzwingen und dadurch den Hörern einzureden, daß alles, was sie mindestens akustisch mitkriegten, auch ‘unverborgen’, also wahr, nein: die Wahrheit, sein müßte. (Anders 2001, S. 11)
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