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Zuletzt einen Brief aus dem Jahr 2000 "Über den Poststrukturalismus". Davor aktuelle  "33 Vorschläge zur Verbesserung der Welt". Davor "Eine kleine Theodizeeverweigerung" und Anmerkungen dazu.
Was man auf diesen Seiten sonst noch so alles findet, ist leicht anhand des Hauptmenüs rechter Hand herauszubekommen. Kommentare zu den hier veröffentlichten Texten sind übrigens immer willkommen!
Stefan Broniowski

 
Brief über den Poststrukturalismus PDF Drucken E-Mail

Lieber Gerhard Scheit! Es ist schon bemerkenswert, dass wir beide dasselbe Buch — „Kritische Theorie und Poststrukturalismus” — gelesen und besprochen und eben doch zwei völlig verschiedene Bücher wahrgenommen haben. Manches, worauf Du eingehst, erscheint mir uninteressant, manches, was Du lobst, scheint mir bedenklich zu sein, und manches, was Du zurückweist, gehört für mich zum Besten des Bändchens.
Nun interessiert mich am allerwenigsten die Frage, ob Du Recht hast oder ich oder wie es anzustellen wäre, dass Du mich überzeugst oder ich Dich überzeuge. Mir geht es eher darum, aus Missverständnissen Verständnisse von Unterschieden zu machen. Es wäre doch gelacht, wenn es zwei intelligenten Menschen wie uns beiden nicht gelänge, miteinander im Gespräch zu bleiben.
Deine Rezension ist dabei für meine nachfolgenden Gedanken nur ein Anlass; sie befassen sich ohne Anspruch auf Vollständigkeit mit Grundsätzlichem und Nebensächlichem; sie sind auch nicht systematisch, weshalb ich sie einfach Durchnummeriert habe. Vieles wird Dir nichts Neues erzählen und steht sozusagen nur zur Abrundung der Thematik da.


1. Der Ausdruck Poststrukturalismus kann, um es mal so zu sagen, freundlich oder unfreundlich verwendet werden. Die freundliche Verwendung nimmt ihn als eine Art Hilfskonstruktion, mit der bei einer Reihe von AutorInnen bzw. deren Texten trotz der offensichtlichen und womöglich sogar überwiegenden Unterschiede und Gegensätze ein Gemeinsames benannt werden kann, das vor allem darin besteht, dass jene AutorInnen bzw. Texte von anderen AutorInnen in anderen Texten kombiniert werden. Poststrukturalismus in diesem Sinne ist weder eine Schule noch eine Epoche oder dergleichen, sondern die Tatsache, dass jemand beispielsweise von bei Foucault und Derrida Gefundenem bei seiner oder ihrer eigenen Arbeit Gebrauch macht. Die unfreundliche Verwendung des Ausdrucks Poststrukturalismus nimmt diesen als mehr oder minder eindeutige Bezeichnung für einen theoriegeschichtlichen Ismus unter anderen, für etwas, das man überblickt, Durchschaut und prinzipiell widerlegt zu haben meint. Poststrukturalismus als Feindbegriff will nicht auf Gemeinsamkeiten trotz Differenzierung hinaus, sondern imaginiert eine Einheitlichkeit und Geschlossenheit, der die nachlesbare Textlage Hohn spricht.
2. Man könnte auch von einer „schwachen“ und einer „starken“ Verwendung des Ausdrucks Poststrukturalismus sprechen; einer solchen, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt, und einer solchen, die ohne eine fixe Identität für sich und ihr Objekt nicht auskommt. Die eine sagt immer ein bisschen weniger, als sie vielleicht könnte, die andere pocht darauf, mehr zu wissen als die in Rede stehenden AutorInnen und Texte — denn wer nennt sich schon selbst einen „Poststrukturalisten“ oder eine „Poststrukturalistin“?
3. Nun ist es nicht so, dass die unfreundliche oder starke Rede von „Poststrukturalismus” verboten gehörte oder doch wenigstens zu unterlassen wäre. Sie ist allerdings in größerer Beweisnot als die freundlich-weiche. Denn wer einfach nur auf das punktuelle gemeinsame theoriepraktische Funktionieren ansonsten unvereinbarer Ansätze verweisen will, darf großzügiger über Details und Zusammenhänge hinweggehen als jemand, der Divergierendes nur als Ablenkung von der zu Grunde liegenden Einheit ansieht. Im bürgerlichen Rechtsstaat liegt die Beweislast bei der Anklage, und auch in der Philosophie kann auf diesen Grundsatz nicht gut verzichtet werden — man gäbe denn das Argumentieren auf und beschränkte sich aufs Polemisieren.
4. Selbstverständlich ist der Vorschlag, zwischen „stark-unfreundlicher“ und „schwach-freundlicher“ Verwendung des Ausdrucks Poststrukturalismus zu unterscheiden, ungenügend. In die Quere kommt ihm eine tatsächlich vorhandene affirmative („freundliche“) Verwendung, deren Einheitlichkeits-Phantasma sich nur mäßig von dem der Anti-PoststrukturalistInnen unterscheidet. Derlei findet sich nicht selten in mäßig nützlicher Sekundärliteratur und im Tertiärgeschwätz. Nun gehört es allerdings auch zum Mehr-Wissen der unfreundlichen Verwendung, dem Gerede der Nachplapperer mindestens genauso viel Aufmerksamkeit zu schenken wie den Texten jener demgegenüber geradezu „seriösen“ AutorInnen, denen man das Etikett „Poststrukturalismus” dann gleichfalls anpappt. — Zu dieser Problematik gehört übrigens auch der Vorwurf des Modischen, der gerne gegen gewisse AutorInnen bzw. deren Texte erhoben wird. Von „Mode“ lässt sich leicht reden, wenn man vorab festgelegt hat, das „Mode-Zeitschriften“ und deren theoriebildnerische Äquivalente als Auskunftsquellen genügen.
5. Die Verwendungen des Ausdrucks Poststrukturalismus, ob nun freundlich oder unfreundlich, stark oder schwach, „hart“ oder „weich“, machen Sinn. Hilfreich für nachvollziehbare Argumentationen ist es jedoch, genau anzugeben, wovon man spricht. Die Rede von „dem Poststrukturalismus” oder den „den Postrukturalisten“ besagt nicht viel, wenn sie nicht sagt, wer (und womöglich: mit welchem Text) gemeint ist. Es hat sich zwar ein gewisser informeller Kanon herausgebildet, besser gesagt, es ist üblich geworden, als poststrukturalistisch Barthes, Baudrillard, Deleuze, Derrida, Foucault, Guattari, Irigaray, Kristeva, Lyotard zu bezeichnen. (Manche zählen noch Althusser oder Lacan hinzu, doch wenn das Post-Strukturalisten sind, wer geht dann — außer Lévi-Strauss, der fast alle überlebt hat — noch als Strukturalist durch?) Aber schon beim Aufstellen einer solchen Reihe wird mir mulmig. Die genannten AutorInnen selbst haben einander häufig öffentlich widersprochen und in ihren Texten sind zum Teil unüberbrückbare Gegensätze formuliert. Das sollen alles Köpfe derselben Hydra namens „Poststrukturalismus” sein? Schwer vorzustellen.

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Eine kleine Theodizeeverweigerung PDF Drucken E-Mail

Wie kann Gott das alles zulassen? Wie kann er zulassen, dass kleine Kinder an Hunger krepieren, dass völlig unschuldige Menschen in Kriegen zerfetzt und verstümmelt werden, dass Krankheiten, die eigentlich behandelbar wären, Unzählige dahinraffen? Wie kann Gott zulassen, dass Menschen in Elend und Not leben und ohne Aussicht auf Besserung? Wie kann Gott Ausbeutung und Umweltzerstörung zulassen, wie all den Hass und all die Hetze? Warum lässt Gott zu, dass Menschen einsam und unglücklich sind, dass sie Krebs bekommen oder bei einem Autounfall sterben? Wieso gibt es Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen? Wie kann es all das Unrecht und Leid auf der Welt geben, wenn es einen gerechten und liebevollen Gott gibt? Wenn er nichts dagegen tun kann, wie kann er dann allmächtig sein? Wenn er nichts dagegen tun will, wie kann er dann gut sein?
Ich finde all diese Fragen, ehrlich gesagt, ziemlich dreist. Sieht man sich die Übel dieser Welt nämlich genauer an, so erkennt man: In erster Linie sind es Menschen, die anderen Menschen Leid zu fügen. Menschen sind es, die Menschen töten, verstümmeln, quälen, entrechten, entwürdigen. Menschen sind es, die Menschen ausbeuten und unterdrücken, die einander belügen und bestehlen, die systematisch die Umwelt zerstören und mit Techniken hantieren, deren Risiken sie nicht beherrschen können. Menschen führen ihr Leben so, dass sie (und andere) krank werden, Unfälle haben, einsam sterben. Menschen bauen Häuser, die bei Erdbeben zusammenbrechen, Menschen siedeln am Rand von Vulkanen oder in Überschwemmungsgebieten. Dass sie all nicht immer ganz freiwillig tun, sei unbedingt zugestanden, aber auch dann sind es letztlich Menschen, die andere Menschen unmittelbar und mittelbar dazu zwingen, unter Bedingungen zu leben, die sie gefährden, schädigen oder töten.
Und da traut man sich im Ernst zu fragen, wieso Gott das zulässt? Er lässt es zu, weil er den Menschen einen freien Willen und ein Gewissen geschenkt hat, sodass sie handeln und ihr Handeln beurteilen können. Handlungen aber haben nun einmal Folgen. Und zwar nicht nur für den Handelnden. Wenn die einen ein Atomkraftwerk ans Meer bauen, um Profit damit zu machen, werden andere verstrahlt, wenn ein Tsunami über das Atomkraftwerk hinwegschwappt. Das ist nicht gerecht, das ist böse. Aber es sind Menschen, die etwas getan und gelassen haben, es waren ihre Entscheidungen, die zu bestimmten Folgen geführt haben. Verlangt man nun von Gott, dass er die Menschen am Handeln hindert? Dann wären sie keine Menschen, sondern Marionetten. Verlangt man von Gott, dass er nur gute Handlungen zulässt, aber böse verhindert? Dann wären die Menschen unfrei. Verlangt man von Gott, dass er zwar alle Handlungen zulässt, aber alle bösen Folgen verhindert? Dann lebten die Menschen nicht in der Wirklichkeit.
Ich bringe zur Veranschaulichung gern dieses Beispiel: Wenn ich einen Nagel in die Wand schlagen will und mir dabei mit dem Hammer sehr schmerzhaft auf den Daumen haue, wäre es ja wohl lächerlich zu fragen: Warum hat Gott das zugelassen? Ich muss es offensichtlich meinem eigenen Ungeschick zuschreiben, dass ich mir Schmerz zugefügt habe. Da geht es um etwas Prinzipielles: Wenn ich akzeptiere, dass die Welt so eingerichtet ist, dass ich mit ein wenig Geschick einen Nagel in eine Wand schlagen kann, dann muss ich auch akzeptieren, dass mein Ungeschick dazu führen kann, dass ich nicht den Nagel, sondern den Daumen treffe. So ist die Welt nun einmal eingerichtet, es sind dieselben physikalischen Voraussetzungen, auf die ich vertraue. Ich akzeptiere sie, wenn ich etwas kann und etwas klappt, also kann ich mich nicht bei ihrem Schöpfer beschweren, wenn etwas durch mein Unvermögen nicht klappt.
Dasselbe gilt, wenn jemand anderes für mich den Nagel hält, den ich einschlagen will, und ich den Daumen dieser anderen Person treffe. Für deren Schmerz bin ich verantwortlich, auch wenn ich ihn ganz bestimmt nicht wollte. Ihr widerfährt Leid, ohne dass sie daran schuld wäre. (Obwohl sie den Nagel vielleicht besser nicht gehalten hätte, aber vielleicht habe ich sie gezwungen oder überredet.) Wie lächerlich wäre es nun, in einer solchen Situation anklagend auszurufen: Gott, wie konntest Du zulassen, dass ich jemandem mit dem Hammer kräftig auf den Daumen haue!

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33 Vorschläge zu Verbesserung der Welt PDF Drucken E-Mail

1. Tut Gutes und unterlasst Böses.
2. Behandelt andere so, wie ihr von ihnen behandelt werden wollt.
3. Tötet keine Menschen.
4. Hört auf zu lügen.
5. Betrügt weder euch selbst noch andere.
6. Achtet das rechtmäßige Eigentum anderer.
7. Helft einander, wenn ihr könnt.
8. Nehmt Rücksicht.
9. Kümmert euch umeinander, aber belästigt einander nicht.
10. Seid höflich, aber nicht heuchlerisch.
11. Seid bescheiden und sogar demütig, aber nicht selbstquälerisch.
12. Seid großzügig, wenn ihr könnt, und sparsam, wenn ihr müsst.
13. Arbeitet miteinander, nicht gegeneinander.
14. Beutet einander nicht aus.
15. Belastet eure natürliche Umwelt so wenig wie möglich.
16. Greift in die natürlichen Verhältnisse nach Möglichkeit nur so weit ein, dass eure Eingriffe reversibel sind.
17. Nützt natürliche Ressourcen nach Möglichkeit so, dass das, was ihr verbraucht, erneuerbar ist.
18. Duldet keine Einkommensunterschiede, solange nicht alle gemeinsamen Aufgaben erledigt und die Grundbedürfnisse von jedem befriedigt sind.
19. Gestaltet euer Zusammenleben so, dass niemand von anderen beherrscht wird.
20. Entscheidet gemeinsam, was alle angeht.
21. Lasst jeden über seine eigenen Angelegenheiten selbst entscheiden.
22. Unterstützt die Schwachen und nützt die Starken.
23. Seht einander eure Schwächen nach und setzt eure Stärken füreinander ein.
24. Nützt eure schöpferischen Kräfte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
25. Erwerbt vorhandenes Wissen und versucht, neues zu entdecken.
26. Bewundert das Schöne und versucht, es zu vermehren.
27. Bedenkt eure Endlichkeit und die der anderen.
28. Empört euch über Unrecht und engagiert euch dagegen.
29. Kritisiert, damit etwas besser wird.
30. Lobt Gelungenes und gute Absichten.
31. Nennt Missstände beim Namen und geht gegen sie vor.
32. Seid aufrichtig, unbestechlich und selbstkritisch.
33. Trauert über Trauriges, lacht über Lustiges, aber seid vor allem heiter, freundlich und aufmerksam.

 
Kleines christliches Manifest PDF Drucken E-Mail

Christentum muss weh tun. Nämlich den Christen und auch den Nichtchristen. Ein Christentum, das nicht weh tut, ist keines. Was nichts kostet, ist auch nichts wert, und für die Nachfolge Christi ist unbedingt das ganze Leben daranzugeben. Gelegenheits- und Teilzeitchristentum zählt einfach nicht. Der Preis ist das Ganze. Ganz oder gar nicht, das ganze Leben bis zum Tod und darüber hinaus. Wer Christ sein will, muss deswegen nicht unbedingt sterben, aber er muss dazu bereit sein. Er braucht den Tod nicht zu fürchten. Vor allem aber soll er leben, voll und ganz leben für Christus, mit Christus und in Christus. Das ist ein unerhörter Anspruch. Christentum ist nämlich keine harmlose Sache. Es ist autoritär, totalitär, revolutionär, radikal und extremistisch.
Das Christentum ist autoritär, denn was Jesus Christus sagt, gilt, jetzt und für immer. Sein Evangelium ist Richtschnur für das Denken, Reden und Handeln. Es ist unveränderlich und unfehlbar. Der Christ soll nicht mehr dies und das wollen, was ihm halt so einfällt, sondern nur noch, was Gott will. Sein ganzes Tun und Lassen soll er am Willen Gottes ausrichten und sich in allem, wirklich in allem Gott unterordnen.
Das Christentum ist totalitär, denn es betrifft alles und jeden. Es lässt keine Ausreden gelten und gestattet keine Ausnahmen. Es fordert alles und duldet keinen Widerspruch. Es gilt immer und überall, Tag und Nacht, Jahr für Jahr, lückenlos und ohne irgendeinen Freiraum. Christ ist man ganz oder gar nicht. Ein bisschen Christ sein gibt es so wenig wie ein bisschen schwanger sein.
Das Christentum ist revolutionär, denn Jesus Christus fordert zur Umkehr auf. Das heißt, dass alles anders werden muss, dass jeder Einzelne anders werden muss, nämlich frei von Sünde. Das Evangelium fordert einen neuen Menschen und erfordert darum den Tod des alten. Um Christus nachzufolgen, muss man umkehren, sich von der Sünde abwenden und Gott zuwenden. Man muss sich von den hinderlichen Bindungen an diese Welt lossagen und frei werden für das ewige Leben. Das ist die größte Umwälzung von allen.

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