Hiermit trete ich aus der Homosexualität aus PDF Drucken E-Mail

Zum Problem der schwulen Differenzierung der Heterosexuellen Differenz

Wer Geschlechtliches zu denken versucht, läuft oft Gefahr, sich von den Kategorien Identität und Differenz gefangennehmen zu lassen. Einem Gefängnis aber entkommt man nicht schon, indem man dort die Wände bunt anstreicht. Lieber mal in der Häftlingsbücherei vorbeischauen und die Geschichte vom Hasen und vom Igel nachlesen. Dieses Grimmsche Märchen kann, wenn man nur will, als Allegorie des Verhältnisses von Homosexualität und Heterosexualität verstanden werden. Der schwule Hase läuft sich aus Leibeskräften zu Tode, weil der heterosexuelle Igel (samt Frau) ihn betrügt. Zu welchem Ende der Ackerfurche Meister Lampe auch kommt, immer trifft er dort auf eine Hälfte des Igelpaares, die vorgibt, früher dort gewesen zu sein. Gegen solche Konkurrenz hat der blindwütige Läufer eindeutig keine Chance. Was also, lieber Leser, liebe Leserin, kann dem armen Hasen geraten werden? Der lange Marsch durch die Geschlechterverhältnisse?

I. „Von der Hölle ...”
Im Prinzip ist alles schon entschieden. Die Heterosexualität ist das Ganze, alles ist heterosexuell. Was beispielsweise gemeinhin „sexuelle Differenz” genannt wird, muß genauer und richtig heterosexuelle Differenz heißen. Männliches und Weibliches sind ja nicht nur voneinander geschieden, sondern auch aneinander verwiesen. Als Mann gilt demnach, wer Frauen begehrt, Frau ist, wer von Männern begehrt wird. Zwar kann fast alles ihrem herrischen Differenzierungsgestus unterworfen werden: aktiv/passiv, stark/schwach, oben/unten usf.; die heterosexuelle Differenz selbst aber ist nicht weiter differenzierbar: Mann oder Frau, Mann und Frau, das wär’s.
Diese Logik bezieht ihre metaphysische Stringenz aus den willkürlich zur Natur erklärten Fortpflanzungsverhältnissen, in deren Dienst zudem die Lüste als bloße Nebeneffekte stehen sollen. Dergleichen wird gern als Sexualität ausgegeben, ist aber doch „nur” Heterosexualität. Die hier freilich nicht als beliebige individuelle Vorliebe zu verstehen ist, sondern als gesellschaftlich definiertes und kulturell omnipräsentiertes Wahrnehmungs-, Empfindungs-, Vorstellungs- und Handlungsraster. Gleichsam als transzendentale Matrix, die den konkreten erotischen Erfahrungen die Bedingungen ihrer Möglichkeit oder Unmöglichkeit diktiert.
Die dominante Heterosexualität impliziert jedoch immer schon Homosexualität. Womit wiederum kein besonderes Schicksal, sondern eine generelle Struktur gemeint ist. Männliche Homosexualität ist geradezu der Inbegriff des — selbstverständlich strikt „heterosexuellen” — Patriarchats. Männer wollen Männer, als Kameraden, Konkurrenten und Idole, bei Arbeit, Sport und Spiel. In bestimmter Hinsicht allerdings substituieren die gleichgeschlechtlichen Subjekte einander durch Objekte anderen Geschlechts. (Also Frauen, die so in ihre Ungleichheit ein- und aus der Gemeinschaft der Männer ausgeschlossen werden.) Die implizite Homosexualität hat im persönlichen Bereich nämlich als Heterosexualität realisiert zu werden, weshalb dann die explizite Homosexualität als privates (Miß-)Geschick erscheint. Wer die verbindliche Einbindung ins gegengeschlechtlich verfaßte Paar verpaßt, macht sich verdächtig. Mit so einem stimmt doch was nicht.
Der Homosexuelle als Figur und die Homosexuellen als Spezies sind mehr oder minder erwünschte Nebenwirkungen der kollektiven und individuellen Verdrängungen, die die heterosexuellen Identitäten sichern müssen. Das „Problem Homosexualität” ist primär denen ein Problem, die keinesfalls „so” sein wollen. Erst die terroristische gesellschaftliche Praxis der zwanghaft heterosexuellen Mehrheit schafft Probleme für die, die demzufolge eine „Minderheit” sind. Unweigerlich repräsentieren sie, was unmöglich präsent sein darf.
Daher sind Homo- und Heterosexualität, auch wenn das noch so gutwillig behauptet wird, keineswegs gleichberechtigte Lebensweisen. Nicht solange diese an der Macht ist und alles beherrscht, was von jener gewußt werden kann. Wie es ja auch die alten Bezeichnungen „conträres Sexual-Empfinden” und „Inversion” bezeugen, vermag Homosexualität nämlich nicht anders als als eine irgendwie verkehrte Heterosexualität gedacht zu werden. Der Schwule ist, man weiß es, andersrum. Gerade weil er aber als Mann definiert wird, der Männer liebt (also keine Frauen), entkommt er der heterosexuellen Differenz nicht.
Selbst eine vorübergehende Entdramatisierung ephemeren homosexuellen Verhaltens — in der Jugend, in der Not, nur ab und zu — schreibt nochmals den marginalen und abgeleiteten Charakter von Homosexualität fest. In ein harmonisierendes Konzept universeller Bisexualität integriert, bleibt Homosexuelles erst recht auf Heterosexuelles als dessen Gegenstück fixiert. Gilt Bisexualität als „normal”, hat Heterosexualität bloß expandiert. Zudem ist Normalität stets repressiv und ihre Ausdehnung so wenig wünschenswert wie irgendein anderer Imperialismus. Mag die polymorph-heterosexuelle Angebotspalette auch um ein paar Häppchen Gleichgeschlechtliches erweitert worden sein, gerade hinter dem Vordergrund diversifizierter Erotik muß ausschließliche Homosexualität nach wie vor als unvollständig erscheinen. Wenn auch vielleicht, da exotisch, als chic.

II. „… übers Paradies ...”
Homosexuelles ist in Mode gekommen. Hätte ihm Schlimmeres passieren können? Nun, gewiß ist öffentliche Vereinnahmung weitaus angenehmer als offene Verfolgung. Aber wo, wenn man fragen darf, ist jene Subverisivät geblieben, die man sich Anfang der 70er Jahre von freigesetzter Homosexualität versprechen zu können glaubte?
Der schwule Traum von einer Sache namens „gesellschaftliche Veränderung” ist längst im kalkulierten Konsumrausch aufgegangen. Der vormals wenigstens potentiell revolutionäre Schwule ist zum glücklichen Szenezombie mutiert. Und die aus utopischer Transfiguration öffentlicher Einrichtungen gewonnenen Orte unverblümt namenloser Begegnungen (Parks, Klappen u.ä.) haben ihre Funktion als Leitstellen schwuler Selbstverständigung an behördlich konzessionierte Lokalitäten (Szenecafé, Lederbar, schwuler Buchladen, gay mailbox u.ä. abgetreten, deren meist problem-, aber selten kostenlose Benutzung den Erwerb gebrauchsfertiger Identitäten garantiert. Doch in „Freiräumen” ohne Widerstand dreht man leicht durch: Bewegung ist im Netzwerk zum umtriebigen Stillstand gekommen.
Freilich muß niemand der Unterdrückung auch nur eine Träne nachweinen. Denn wo Homosexualität normalisierungsfähig, talkshowkompatibel und boutiquenpflichtig geworden ist, kann sich der voreingenommene Betrachter ohnehin den guten alten Begriff der repressiven Entsublimierung nicht verkneifen. Ein Käfig voller Narren ist immer noch ein Käfig. Und Narrenfreiheit darf doch wohl nicht als Emanzipation durchgehen.
In der zeitgenössischen Dienstleistungsgesellschaft ist lediglich das veraltete Abnormitätskonzept durch neue Normen ersetzt worden. Erlaubt ist, was gefällig ist. „Da gibt es keine Fetten und keine Alten,” schreibt Elmar Kraushaar im schwulen Magazin „magnus” (September 1994), „keine Kranken und keine Schwachen, niemand ist unglücklich, und alle wollen nur das eine: ausgehen, feiern, gut drauf sein.” Sei, wie du willst, wenn du nur willst, wie du sollst. Im schwulen mainstream tanzt man zu Rhythmen, die einem Bekenntnispflicht, Vereinigungsfreiheit und Konsumzwang vorgeben.
Ohne coming out geht erstmal gar nichts! Ein Geständnis entlastet schließlich, wenn auch vielleicht am meisten die, denen man’s macht. Schon die alte Forderung „Mach dein Schwulsein öffentlich!” setzte die heterosexuelle Öffentlichkeit als unverändert akzeptierte Instanz ebenso voraus wie die Existenz einer inneren Wahrheit, die man bei Bedarf bloß aus sich herauszustülpen habe. Vom pragmatischen Essentialismus postindustrieller Identitätsfreudigkeit aber geht für die Geschlechterverhältnisse vollends keine Gefahr mehr aus.
Darum nur ruhig hinein in die gay community! Gleich und gleich gesellt sich gern. Früher mal galten Zweierkiste und Familie bei linken Spinnern als Horte bürgerlich-ödipaler Reaktion und waren daher pfui. Heute sehnt sich jeder Schwule nach der Nestwärme eines individualistischen Kollektivs und plant auch den passenden Partner fürs Leben in die erotische Karriere mit ein. Das Betteln um die „Homo-Ehe” ist da nur folgerichtig und die angemessene Schwundstufe schwuler Politik.
Nur immer her mit dem life-style! Man ist, was man hat oder gehabt hat, und muß sich schon ein wenig anstrengen, wenn man seinem Ruf als fröhlichste Vorhut des pluralistischen Konsumismus gerecht werden will. Ein inhaltsarmes Leben ist doch gleich viel erfüllter, wenn man dazu das richtige outfit trägt. Wo bitte geht’s hier zum nächsten event? Ob dance floor, outdoor cruising oder „Kultur”: fun muß, drugs dürfen, sex kann sein.
Here we are. Die Schwulen haben sich erkennbar gemacht, und die Gesellschaft zeigt sich erkenntlich. Wer sich bis zur Bewußtlosigkeit integrieren läßt, erhält dafür das Gütesiegel ganz besonderer Normalität. Eine schier obszöne Wohlanständigkeit hat allenthalben um sich gegriffen. Da fliegt schon mal ein Pädophilenverband aus dem International Lesbian and Gay Association, damit nur ja nicht der Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen gefährdet wird (von deren 184 Mitgliedern übrigens mindesten 74 offen schwulenverfolgende Strafbestimmungen haben). Mit schmuddeligen Knabenschändern hat man und frau selbstverständlich nichts gemein. Ach, wissen Sie, das ist doch bloß eine Minderheit … Tja, abgesehen davon, daß man eindeutig den besseren Geschmack hat, ist man als Schwuler im Grunde auch nicht anders als andere auch.
„Wenn ein Schwuler sich die Haare blau färbt,” ließ Jean Genet einmal in einem Interview wissen, „kann er durch sie ein revolutionäres Programm verkünden; doch wenn er, nachdem er sich die Haare blau gefärbt hat, sich mit Hormonen Brüste wachsen läßt und mit einem Mann zusammenlebt, parodiert er bloß das System. Er wahrt den Schein und provoziert überhaupt nicht. Die Gesellschaft ist belustigt. Er wird so etwas wie ein Kuriosum, das vom System rasch verdaut wird.” Und alles, so könnte man hinzufügen, was von dem bißchen Exzeß und Perversion übrigbleibt, ist die alte Scheiße.

III. „ … ins Fegefeuer!”
„Hiermit trete ich aus der Kunst aus”, verkündete eins Joseph Beuys. Und schuf damit erst recht wieder Kunst. Wenn man sich für ein politisch wachen Menschen hält, der den Traum von Widerstand und Befreiung noch nicht ausgeträumt hat, können einem die schrille Biederkeit der warmen Mitbrüder einerseits und die heuchlerische Umarmung durch den Hetero-Zeitgeist andererseits das eigene Schwulsein ganz schön vermiesen. Was tun, fragt der Hase, dem man die Geschlechter erklärt hat. Aus der Homosexualität austreten, um erst recht wieder „ganz verteufelt homosexuell” zu sein? Die Inversion noch etwas weitertreiben, ohne sich dabei im Kreis zu drehen? Außer Konkurrenz dem Feld davonlaufen, indem man einfach mittendrin mal die Richtung wechselt? Wenn es doch nur gelänge, das Spiel der heterosexuellen Differenz nicht zu spielen!
Im Französischen konnte der Schwule zuzeiten l’indifférent genannten, wohl weil er auf die Reize des anderen Geschlechts nicht anspricht. Läßt vielleicht Indifferenz eine Chance, Differenz zu verwinden? Im sinne aktiver Teilnahmslosigkeit möglicherweise, als Versuch, beim regulären Verkehr der Geschlechter nicht mitzumachen.
Das Modethema gender-crossing bietet konzeptionell lediglich Vertauschungen innerhalb des vertrauten kategorialen Rahmens, nicht dessen Abschaffung, sodaß nach ein wenig Hin und Her bald alles wieder an seinem Platz sein dürfte. Schwule In-Differenzierung aber hätte die heterosexuelle Differenz nicht nur zu kreuzen und zu queren, sondern auch durchzustreichen und zu verlassen.
Die Heterosexualität schuf sich eine Homosexualität nach ihrem Bilde. Doch das kann nicht alles gewesen sein. Unter anderen existieren die Fetten, Alten, Kranken, Schwachen und Unglücklichen sehr wohl und sind nicht weniger schwul als die angepaßten Neonormalen. Sie sind eher die Wirklichkeit als die Schwulendarsteller, von deren Abweichung sie abweichen. Das bringt mich womöglich auf eine Spur:
Es gibt noch Differenzen diesseits und jenseits des Kleinen Unterschieds und seiner identitätsstiftenden Folgen zu durchleben, die ungemein vielfältiger und reichhaltiger sind als die schlichte Polarität der Geschlechter. Ein Körper beispielsweise ist nicht nur männlich und/oder weiblich. Er ist vielmehr auch etwas zu groß, angenehm warm, schön anzuschauen, ganz nah, eher kühl, erstaunlich beweglich oder merkwürdig fremd …
Wer mich als Mann identifiziert, hat selber schuld. Nicht weil ich keiner wäre, aber darum geht’s doch gar nicht, wenigstens nicht allein. Auch nicht bloß um eine Schwäche fürs starke Geschlecht. Vielmehr wünsche ich mir, In-Version wäre nicht einfach eine Version von „Sexualität”, die in sein kann oder out, sondern die leidenschaftliche Verneinung gängiger Fassungen, das große Ja zu erotischer Anarchie, der durchdachte Sprung aus der Furche. „Ick bün all hier”, ruft irgendeiner der Igel dem Hasen noch zu, aber der ist längst weitergelaufen und inzwischen ganz woanders. „Tschüs!”

Zuerst erschienen in der Volksstimme 44 / 3. November 1994, S. 20 f.

 
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