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Bemerkungen zur männlichen Homosexualität

Nie und nirgends waren Lust und Liebe zwischen Mann und Mann unproblematisch und selbstverständlich. So selbstverständlich nämlich, daß man nicht darüber zu reden brauchte. Im Gegenteil war und ist das Problem der Rede wert oder eines nicht weniger beredten Verschweigens. Jede Kultur, jede Epoche ist auf ihre Weise bemüht, sich der Beunruhigung durch mann-männliche Erotik zu entziehen. So können brutale Repression, wie etwa die Schwulenverfolgung im „Dritten Reich, und vorsichtige Integration, wie etwa die Institutionalisierung der Päderastie als Initiations- und Erziehungsmodell im antiken Griechenland, bei aller Verschiedenheit als zwei verschiedene Strategien in demselben Konflikt betrachtet werden. Sexuelle Beziehungen zwischen Männern sollen am besten nicht sein. Wo man sie dennoch duldet, muß man sie in besonderer Weise reglementieren. Ob männerliebende Männer geleugnet, belächelt, verlacht, verhöhnt oder verfolgt und vernichtet werden, immer gilt: ihre Lust ist ein Problem. Auch und gerade die abendländische Kultur hat sich dieses Problems angenommen und es auf den Punkt gebracht: sie entdeckte die Homosexualität.

Was ist Homosexualität? Was meinen wir eigentlich, wenn wir davon sprechen? Welche Wirklichkeit soll so bezeichnet werden? Ein bestimmtes Verhalten? Eine psychische Disposition? Eine physische Konstitution? Gebrauchen wir „homosexuell“ als Begriff der Biologie, der Medizin, der Psychologie, der Soziologie, der Kriminologie, der Rechtswissenschaft, der Moraltheologie? Die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns solcher Begriffe wie Homosexualität, Heterosexualität, Bisexualität bedienen, löst sich auf, wenn wie näher hinsehen und nachfragen.

 

Homosexualität ist Homosexualität ist Homosexualität. Hüten wir uns vor allem davor, unseren Begriff von „Homosexualität“, was auch immer er erfassen soll, so einfachhin als immer und überall gegeben vorauszusetzen. Projizieren wir lieber nichts in andere Kulturen und frühere Epochen, was wir nicht zuvor als eigentümliches Produkt der Zeit und der Zivilisation, in der wir davon reden, durchleuchtet haben. Um dem von uns so oder so identifizierten Phänomen „Homosexualität“ eine sozusagen allgemeinmenschliche, übergeschichtliche und traditionsunabhängige Realität unterstellen zu können, müßten wir erst sehr genau wissen, was hier und heute den wirklich als „Homosexualität“ bezeichnet wird und in welcher ideengeschichtlichen Tradition beispielsweise gewisse Konzepte stehen. Alles andere wäre ein absurder und dummer Akt der Gewalt denjenigen gegenüber, die nicht das Glück hatten oder haben, als bürgerliche Intellektuelle im Europa des ausgehenden Zwanzigsten Jahrhunderts zu leben.

Homosexualität ist ein junges Wort. Der ungarisch-österreichische Arzt Károly Maria Benkert konstruierte es 1869. Scheinbar bloß beschreibend und zudem wissenschaftlich-abstrakt anmutend, konnte es sich rasch neben wertenden (z.B. Inversion, Konträrsexualität) und mythologisierenden Bezeichnungen (z.B. Sodomie, Uranismus) etablieren und diese nach und nach mehr oder wenige verdrängen. Zuweilen noch durch die abschwächenden Analogiebildungen „homoerotisch“, „homophil“ oder gar das entlegenere „homotrop“ ersetzt und gern mit „schwul“ oder „lesbisch“ überboten, ist „homosexuell“ doch längst ein gebräuchliches Wort. Gebräuchlich und nichtssagend, denn was heißt schon „gleich-geschlechtlich“?

Homosexualität ist Heterosexualität. Nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. Der Schwule ist invertiert. (Verkehrt oder andersrum heißt es im Volksmaul.) Homosexualität wird von der Heterosexualität her konzipiert, weil diese im Grunde als die Sexualität überhaupt verstanden wird. Alles andere ist Abweichung, Sonderfall. Das Normale ist das Ganze. Der alles bestimmenden Paarungsideologie ist selbst noch jede Vorstellung von „Bisexualität“ und sogar von „polymorpher Perversität“ unterworfen. Eins und eins werden auf diese Weise zusammengezählt und ergeben: Partner. Die Vorherrschaft der Heterosexualität ist qualitativ und nur deshalb auch quantitativ. Nicht weil die Schwulen in der Minderheit sind, sind sie nicht gleichberechtigt — sondern umgekehrt.

Homosexualität ist Sexualität. Will sagen, die männliche Heterosexualität hat mehr mit der männlichen Homosexualität zu tun als diese mit dem Lesbianismus. Daß Schwule und Lesben unter den gemeinsamen Begriff „Homosexuelle“ fallen sollen, ist purer Formalismus und unterschlägt einen wichtigen Aspekt der Machtstruktur dieser unserer Gesellschaft. Schwule sind eben auch Männer. Und die offensichtliche Geschlechtszugehörigkeit ist in der real existierenden Kultur eine grundlegendere Kategorie als die leichter zu verbergende sexuelle Orientierung. Was nicht heißt, daß Lesben und Schwule keine gemeinsamen Probleme hätten und ihre Zusammenarbeit in den Homosexuellenbewegungen verfehlt wäre. Keineswegs.

Homosexualität ist Gleichgeschlechtlichkeit. Oft wird am Begriff „Homosexualität“ moniert, er betone allzu sehr das Sexuelle und vernachlässige so die anderen Aspekte dieses Phänomens. Das stört mich deshalb nicht, weil ich gar nicht weiß, was diese Sexualität, von der da dauernd gesprochen wird, denn ist. Geschlechtlich sein muß wohl heißen, Mann oder Frau zu sein. Männlichkeit und Weiblichkeit bilden stets zusammen ein binäre System aus lauter streng komplementären Elementen. Die beiden Geschlechter sind ungleich, eins ist das Gegenteil des anderen. So kann denn jedes „Paar“ daraufhin untersucht werden, welcher sexuellen Hemisphäre die „Partner“ jeweils angehören. Und sind beide Männer oder beide Frauen, scheint die Bestimmung gleichgeschlechtlich gerechtfertigt zu sein. Doch diese Akzentuierung der Gleichheit ist absurd. Denn daß zwei irgendwie miteinander zu tun habende Personen gleichen Geschlechts sind, interessiert sie kaum, eher schon, welches Geschlecht die andere Person hat. Vor allem aber ist bei der Wahl eines Sexualobjektes die Geschlechtszugehörigkeit weder die wichtigste noch die ausschlaggebende Kategorie. Begehrt den jeder Schwule jeden Mann? Genausowenig wie jeder Heteromann jede Frau. (Oder?)

Homosexualität ist ein Problem. Um den heutigen Stand theoretischer und praktischer Auseinandersetzung mit Homosexualität und Homosexuellen besser verstehen zu können, mag es hilfreich sein, sich die wichtigsten Stationen der (abendländischen) Geschichte dieser Problematisierung kurz vor Augen zu halten. Grob gesagt verbinden sich hier drei Traditionen: die griechisch-römische, die jüdisch-christliche und die germanische. Eine vierte, die rationalistisch-wissenschaftliche, kommt in der Neuzeit hinzu und absorbiert die bisherigen fast völlig.

Homosexualität ist Kultur. Das Subjekt der antiken griechischen Kultur war ausschließlich der freie Mann, der besitzende Polisbürger. Ihm wurde mit Selbstverständlichkeit zugestanden, daß sich sein sexuelles Interesse auf Personen männlichen wie weiblichen Geschlechtes richten konnte. Die von der männerbeherrschten Gesellschaft und allgemein akzeptierten Beziehungsmodelle orientierten sich nicht nur an der Geschlechtszugehörigkeit, sondern vor allem auch an den Fragen nach sozialem Status und Aktivität oder Passivität. Neben der Institution Ehe gab es auch die Päderastie, die Knabenliebe. Eine homosexuelle Praxis, die nicht nur nicht abgelehnt, sondern sogar erwünscht [war] und gefördert wurde! In engem Rahmen. Da es als unehrenhaft und schändlich galt, passives Sexualobjekt zu sein und dabei gar noch Lust zu empfinden, kamen keineswegs vollwertige Polisbürger, sondern nur Knaben, die sich auf ihre Rolle als (Ehe-)Mann und Bürger erst vorbereiteten, als Gegenstand der Lust in Frage. Die Beziehung mit einem solchen bartlosen Heranwachsenden durfte, um dem offiziellen Ideal zu entsprechen, freilich lediglich „pädagogischen“ Charakter haben. Was dabei an Sexuellem stattfand, unterlag nobler Diskretion. Männer hingegen, die etwa erwachsene Männer liebten, fielen aus der Rolle, wurden zum Gespött und verloren [unter Umständen sogar] ihre Bürgerrechte. Zudem denunzierte die aufstrebende Philosophie (Platons Sokrates) den sinnlich-fleischlichen Aspekt aller Liebesbeziehungen zugunsten hehren Wahrheitsstrebens. Hatte in klassischer Zeit mancher Text die Schönheit der Knaben sogar höher gepriesen als die der Frauen, so begannen hellenistische Autoren schon lange vor dem Auftreten des Christentums, die Knabenliebe gegenüber der Ehe abzuwerten. Die Sicherung der Fortpflanzung als Familienkonstituens war das bessere Argument als der schönere Hintern …

Homosexualität ist Sünde. Dies war die für die Spätantike neue Idee, die das Christentum, der jüdischen Tradition folgend, zur Problematisierung der Homosexualität beizutragen hatte. Nach mosaischem Gesetz bewirkte der sexuelle Verkehr zwischen Männern kultische Unreinheit, wie etwa auch die Berührung von Menstruationsblut oder das Essen von Schweinefleisch. Mit Hilfe einiger Textstellen bei Paulus und vor allem einer gezielten Fehlinterpretation der Legende von Sodom, wurden zu Beginn des Mittelalters die Homosexuellen als fabelhafte Sündenböcke entdeckt. Ihre Lasterhaftigkeit wurde für Erdbeben und Hungersnöte verantwortlich gemacht. Das gesamte Mittelalter hindurch galt dann jedes nicht fortpflanzungsorientierte Sexualverhalten als sündiger Verstoß gegen die gottgewollte Ordnung der Dinge. (Und weil man doch lieber möglichst wenig über solche Schweinereien sprach, konnte ein so undeutlicher Begriff wie „Sodomie“ entstehen, der neben Homosexualität auch heterosexuellen Analverkehr und Sex mit Tieren bezeichnete.) Begünstigt wurde diese Entwicklung nicht zuletzt durch das Einwirken der brutalen germanischen Moralvorstellungen, die jede Abweichung vom männlich-harten Kriegerideal am liebsten mit dem Tode ahndeten.

Homosexualität ist ein Verbrechen. Die säkularisierten Diskurse der Neuzeit rationalisierten schließlich die Sünde zum diesseitigen Verbrechen. Homosexuelle pflanzen sich bekanntlich nicht fort, breitete sich ihr Laster also ungehindert aus, stürbe die Menschheit nach und nach weg, niemand könnte mehr arbeiten, Steuern zahlen und in Kriegen sein Leben lassen. Und ein ganz neuer und wichtiger Aspekt kam hinzu. Da diese gleichsam volkswirtschaftlichen Erwägungen im Unterschied zu den theologischen Mythologemen von jedem vernünftigen Menschen eingesehen werden müssen, hapert’s bei den Homosexuellen offensichtlich mit dem gesunden Menschenverstand. Wer so vernunft- und naturwidrig handelt wie die Anhänger der „Sodomiterei“, der muß wohl krank sein.

Homosexualität ist eine Krankheit. Die Idee des Pathologischen bedeutet einen völlig neuen Typus der Problematisierung von Homosexualität. Antike, Mittelalter und frühe Neuzeit richteten ihr Augenmerk ausschließlich auf [die] Aktivitäten, nie auf ein aus diesen abzuleitendes Anderssein der Akteure. Sittliche Zerrüttung, Schäden an Leib und Seele und der Verlust des Gnadenstandes waren Folge, nicht Ursache eines Fehlverhaltens. Zur Sünde wie zu jeder Handlung muß sich einer noch frei entscheiden können. Die Auffassung der Homosexualität als Krankheit hebt diese Willensfreiheit auf. An die Stelle der moralischen und juristischen Sanktion soll jetzt die Therapie treten. Jedoch hat die theoretische Unterscheidung eines freiwilligen Verhaltens von einem unwillkürlich Sein nicht unbedingt auch praktische Bedeutung. Ohne Schwierigkeit betrachtet man homosexuelle zugleich als arme kranke und als verabscheuungswürdige Kriminelle. So oder so sind sie widerwärtig.

Homosexualität ist Ansichtssache. Ab dem Neunzehnten Jahrhundert gilt Homosexualität als entweder angeboren oder erworben, als somatisch oder psychisch im homosexuellen Individuum verankert. Neben die stets volkstümliche Verführungshypothese stellen emsige Wissenschaftler bis zum heutigen Tag zahlreiche Entstehungstheorien zur Homosexualität. Homosexuelles ist abwechselnd oder gleichzeitig Gegenstand der Vergleichenden Anatomie, Endokrinologie, Genforschung, Psychiatrie usf. Leider entfällt auf jede bahnbrechende Studie, die sehr fundiert irgendetwas beweist, mindestens eine andere, die das Gegenteil verbürgt. Mal haben Schwule breitere Becken als Heteromänner, mal schmälere, mal mehr männliche Hormone, mal weniger, mal bewegt die Zwillingsforschung dieses, mal nichts. Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast. Die Psychiater schließlich reichen das Problem an die diversen Psychologien weiter. Sehr verkürzt gesagt, haben auch deren einschlägige Theoriebildungen eher ornamentalen Charakter: mal zu viel Ödipus, mal zu wenig usf. Faßte man den sicheren Stand all dieser Wissenschaften pointiert zusammen, so erhebt sich das Niveau ihrer Erkenntnis nicht weit über das Niveau des Wissens Herrn und Frau Meiers von nebenan. Die haben’s nämlich immer schon gewußt: Schwule sind eben anders und irgendwie merkt man’s denen auch an.

Homosexualität ist ein politischer Begriff. Das Fragen nach den Gründen, warum jemand homosexuell sei, hat seinen Grund in der vorgängigen konkreten Situation der Homosexuellen in unserer Gesellschaft. Die Diskriminierung wird so aus der gesellschaftlichen Praxis einfach unreflektiert in die Theorie übernommen. Jede Auseinandersetzung mit Homosexualität, die nicht von den realen Erfahrungen der Homosexuellen abstrahieren will, muß von der Erfahrung des Unrechts ausgehen. Schwul sein heißt zunächst nichts anderes, als [als] Schwuler diskriminiert zu werden. Homosexualität ist in ihrem Kern ein politisches Problem.

Homosexualität ist ein Problem der Nichthomosexuellen. Und damit erst entsteht ein Problem für die Schwulen und Lesben. Homosexualität ist niemals bloß Sache einer Minderheit, die wie als „die Homosexuellen“ bezeichnen. Und das nicht wegen der Phänomene Bisexualität, Not- und Pubertätshomosexualität oder weil nach manchen Umfragen jeder dritte bis zweite Mann auch nach der Pubertät homosexuelle Kontakt bis zum Orgasmus hat, sondern weil Homosexualität primär kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem ist, zudem zunächst das der „Normalen“.

Was ist homosexuell — wenn nicht unser heißgeliebtes Patriarchat selbst? Unausgesetzt sind Männer mit Männern zusammen, teilen Beruf und Freizeit, tauschen Waren und Meinungen, unterhalten zueinander Beziehungen der Macht und Nützlichkeit, aber auch solche der körperlichen Nähe (etwa im Sport). Die Gleichheit des männlichen Geschlechtes ist eine wesentliche Grundlage unserer Kultur. Männer wollen Männer: männliche Gruppenbildung, männliche Kameraderie, männliche Solidarität schließt Frauen aus, sogar wenn sie auf der Verfügungsgewalt über diese aufbaut. Noch das Um-eine-Frau-Rivalisieren konstituiert ein Herrschaftsverhältnis im Rahmen mann-männlicher Gleichberechtigung. Männer dürfen mit Männern alles teilen, wenn sie wollen[,] und tun es sogar: nur konkrete sexuelle Praxis muß verschwiegen werden, weil Männer immer nur aktive Subjekte und niemals passive Objekte männlicher Lust sein wollen dürfen. Homosexuell zu sein bedeutet nicht, mit einem, Mann zu „schlafen“, sondern sich des Verlangens nach ihm bewußt zu sein.

Wer ist homosexuell — wenn nicht der „richtige“ Mann. Als Mann wird man zwar geboren, doch das genügt nicht. Man muß sich lebenslang darum bemühen, männlich zu werden und zu bleiben, im Urteil anderer Männer und der Frauen. Männlichkeit, die ja zunächst nie die eigene ist, wird zum begehrten Ideal. Alles Weibliche muß zurückgedrängt und bekämpft werden. Nur als passives Objekt ist Die Frau zugelassen, um Männlichkeit als aktive Subjektivität gewährleisten zu helfen. Die anderen Männer sind Vorbilder und Konkurrenten, jedenfalls aber Figuren der Beobachtung und Identifizierung. das Ein-Mann-sein-Wollen bleibt Quelle ständigen Selbstzweifels, die Konfrontation mit expliziter Homosexualität wird so zur Bedrohung der eigenen Identität.

Homosexualität ist ein Feindbild. Die Ablehnung der Homosexualität und der Homosexuellen hat viele Gründe. Homosexuelles Verhalten, sei es real oder bloß imaginiert, muß unter den Bedingungen der herrschenden Kultur stets ein[e] Normübertretung, eine Verletzung der Normalität bedeuten. Die „Normalen“ (oder die es sein wollen), reagieren nicht selten mit Angst, aus der Haß werden kann, [der] mitunter in Gewalt umschlägt. Die Schwulen können schon deswegen ein Ärgernis sein, weil sie als Männer die Erfüllung bestimmter Vorstellungen von Männlichkeit verweigern und so an die eigenen Schwierigkeiten mit dem Ein-Mann-sein-Müssen erinnern. Ganz gewiß aber gründet die Ablehnung der Homosexuellen nicht in einem „natürlichen Ekel“. Ein Mann, dem der Körper eines andere Mannes und die Vorstellung, mit diesem und durch diesen Lust zu erleben, nur Ekel einflößen kann, hat ein zutiefst gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper und zur eigenen Lust. (Wieso meint er dann eigentlich, Frauen zumuten zu dürfen, mit ihm zu schlafen?) Und sogar bestimmte Praktiken, die für Heteros als mehr oder minder akzeptiert gelten können, wie Analverkehr oder Fellatio, werden den homosexuellen Männern gern als besonders verächtliche Merkmale zugeordnet. Was normal ist, bestimmen eben die Normalen …

Jeder Mann kann. Nämlich einen anderen Mann schön, geil, zum Kotzen, uninteressant oder sonstwas finden. Die Frage ist nur, ob er sich solche Gefühle „eingestehen“ und mit ihnen umgehen kann. Was man vielleicht empfindet und wie man handelt, ist halt immer zweierlei. Da hilft auch das oft getane Gerede von den schwulen Anteilen nichts, die man gefälligst in sich aufzufinden und dann fortschrittlich zu bearbeiten habe. Als ob der Mensch eine Art Psychococktail wäre: neun Teile Hetero, ein Teil Homo [,] eine Prise Zoophiler und das Ganze mit etwas Sadomaso garniert servieren … Absurd, Die erotische Phantasie ist unteilbar. Und wenn teilbar, dann in mehr als die beiden faden Alternativen „mit Männern“ oder „mit Frauen“. Die wirkliche Alternativen heißen „mit mir“ und „mit mir nicht“. Das Gegenteil der Lust ist wahrscheinlich der Zwang. Ob Zwangsheterosexualität oder Zwangshomosexualität oder Zwangsbisexualität macht da wenig. „Der Mann ist nur ein Lustobjekt und sonst nicht zu gebrauchen.“ (Liedtext)

Heterosexualität ist spießig. Sie ist purer Konformismus. Etwas, was so sehr von Ansprüchen, Vorbildern, Idealen, Normen, Zwangsvorstellungen und fremden Interessen durchsetzt ist, wie es eben die Heterosexualität ist, an dem ist nichts Authentisches mehr. Heterosexualität ist ein Musterbeispiel für Heteronomie. Unter den Bedingungen der herrschenden Kultur hat sie immer etwas von „Unzucht mit Abhängigen“ an sich. Um die Lustfunktion (nach Freud bekanntlich das Primäre der Sexualität) vor der Fortpflanzungsfunktion (die der Sexualität bloß nachträglich untergeschoben ist) und gleichzeitig das Ideal der Vaginalpenetration retten zu können, bedarf es der Kalkulation und technischer Hilfsmittel: die „ungewollte Schwangerschaft“ ist das Schreckgespenst der Heterosexuellen. Und diese Problematik wird mir Vorliebe auf dem Rücken bzw. im Unterleib der Frauen ausgetragen — so oder so (… nur um zu zeigen, daß diese Polemik sich auch führen ließe).

Homosexualität ist Nebensache. „Was wollen die Schwulen eigentlich die ganze Zeit? An gut, sie werden hin und wieder ein bißchen diskriminiert, in manchen rückständigen Ländern sogar noch verfolgt. Aber im großen und ganzen sind sie doch eh schon gleichberechtigt, es muß halt nur die Praxis dem folgen, was auf dem Papier längst steht. Sicher, manche Homosexuellen schaffen es nicht, mit ihrem Anderssein klarzukommen. Aber viele haben sich doch ganz gut arrangiert. Es ist zwar noch nicht alles in Ordnung, aber nehmt ihr Schwulen euer Problem nicht etwas zu wichtig?“ — Selbst Männer, die sich gern Feministen nennen würden und regelmäßig den Satz „Das Private ist politisch“ im Munde führen, behandeln Homosexualität immer noch als Nebenwiderspruch. Viele neue oder doch schon wieder etwas gebrauchte Männer, denen die Freundin die neueste feministische Literatur aufs Nachtkastl legt, halten es weder für besonders notwendig, sich wirkliches Wissen über Homosexuelle anzueignen, noch sich als Person zur Homosexualität in Beziehung zu setzen. Man weiß sehr wohl und sagt es auch, daß man als Mann zu anderen Männern, gerade auch zu schwulen, ein etwas gestörtes Verhältnis hat, aber … Aber? Es fehlt der „Leidensdruck“, es fehlt die Belohnung durch Frauen (bevorzugt durch die „Partnerin“). Also was soll’s. Der Wille zur Emanzipation scheint wieder einmal schwächer zu sein als die Angst vor der Männlichkeit.

Homosexualität ist revolutionär. Schön wär’s. Doch leider … In der Regel sind, sagen uns die Soziologen, schwule Männer weit angepaßter und konservativer als vergleichbare Heteromänner. Aber wenn sie erstmal loslegen … Die zwiespältige Situation der männlichen Homosexuellen im Patriarchat (schematisch: einerseits Unterdrücker, andererseits unterdrückt) macht sie vielleicht in gewisser Weise zu besonders geeigneten Gegnern desselben. Ihnen kann man das „Leiden“ an der Männerrolle, an bestimmten Konzepten von Männlichkeit nun gewiß nicht absprechen. Und zugleich sind sie es, die Männlichkeit auch genießen. Ihre Besonderheit macht sie nicht zu „besseren Männern“, aber könnte sie überall dort herausfordern, wo „einfache“ Männer nicht weiterkönnen, weil ihnen Erfahrungen erspart blieben, die Schwule eben machen mußten. Der Beitrag der homosexuellen Männer zu einer imaginären „Männerbewegung“ könnte in einer besonderen Aufmerksamkeit für den Umgang mit Körperlichkeit, Emotionalität usf. bestehen, in einem gesteigerten Interesse am Erkennen und Bearbeiten dualistischer, binärer, komplementärer, polarer (usf.) Modelle sexueller Differenzen. Frauen wissen bekanntlich mehr über Männer als diese selbst. Und daß Schwule sich nicht auch ein bißchen auf Männer verstünden, wird ja wohl niemand behaupten wollen.

Epilog — Versuch über die Identität
Ich bin schwul. Dieser Satz ist mein Satz und ist nicht mein Satz. Er ist mein Satz, weil ich mit ihm das Verstecken aufgebe, das Verstellen beende, das Verschweigegebot breche. Er ist nicht mein Satz, weil er mich zum Bekennen und Festlegen zwingt. Er steht an der grenze zwischen einerseits dem Glück und der Freiheit, der zu sein, der ich bin, und so zu sein, wie ich bin — und das auch sagen zu können und zu wollen. Und andererseits dem Zwang, anstelle der von mir verweigerten Identität (des richtigen Mannes) eine andere (des Schwulen) annehmen zu sollen. Er ist der Satz einer Sprache/Kultur/Gesellschaft, in der streng, beinahe sauber und ohne erheblichen Rest nach männlich und weiblich, stark und schwach, hart und weich, oben und unten, aktiv und passiv und eben auch nach hetero und homo geschieden wird. Aber zugleich auch ein Satz des Widerspruchs, des Widerstands, der Verweigerung, der etwas Unerhörtes sagt. Der Satz wurde mir nahegelegt, aufgedrängt, zugewiesen, untergeschoben, auferlegt. Ich habe ihn angenommen. Weder will ich verschweigen, daß ich „so“ bin, noch „es“ begründen, verantworten, rechtfertigen, entschuldigen müssen.
Und doch kommt es mir manchmal so vor, als hätte ich obigen Text verfaßt, um mich zu rechtfertigen, um den Heteros etwas zu erklären, den intellektuellen Schulterschluß mit den Schwulen zu suchen, um mich an mir selbst vorbeizuschreiben. Nicht nur habe ich wichtige Themen wie Subkultur, Homosexuellenbewegung, schwuler Alltag usf. ausgelassen, ich habe schlau dahergeredet und so getan, als hätte ich die Homosexualität wenigstens theoretisch fest im Griff. Nichts von meinen Schwierigkeiten mit mir selbst, meinem Körper, meinem „Innenleben“, meinen Unzulänglichkeiten, nichts von dem „Unrecht, ich selbst zu sein“, nichts von Ängsten und Hoffnungen, nichts vom Unglücklichsein und vom Glück, geliebt zu werden. Ich, Liebe, Männer. Aber was geht euch das an?
Homosexualität ist nur eine der Positionen, deren Wechsel und Kontinuität mich machen. Schwul, hat mal jemand geschrieben., ist nicht alles, was wir sind, aber alles, was wir sind, ist schwul. Schwule Solidarität? Ja, meinetwegen. Schwule Identität? Nein, danke. Wie komme ich dazu, daß ausgerechnet mein Anderssein Anlaß zu einem So-und-nicht-anders-Sein sein soll. Ich habe mir meine Abweichung nicht ausgesucht, das Schwulsein nicht erfunden. Ihr meint, ich sei schwul: abartig, abnorm, anomal, asozial, degeneriert, effeminiert, entartet, gefährlich, krank, lasterhaft, neurotisch, pervers, schmutzig, sündig, todbringend, triebhaft, unanständig, unnatürlich, unzüchtig, verbrecherisch, verkümmert und wider die Natur. Gut, ich bin es: und ihr seht vielleicht ein, daß ich es nicht bin. Es gibt keine Homosexualität, also gibt es auch keine Homosexuellen. Ich bin einer davon. Ich bin nicht schwul.

Erschienen im Mai 1991 in „Wischi-waschi. Die Männerzeitung“, 1. Jg., Nr. 1 (herausgeben von der Fakultätsvertetung Geisteswissenschaften der Österreichischen HochschülerInnenschaft an der Universität Wien); die „Männerzeitung“ war ein aus einer 1989 an der Grund- und Integrativwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien gegründeten Männergruppe hervorgegangenes Projekt von Studenten und Nichtstudenten, das von vornherein auf diese eine Nummer beschränkt war. Dem Text war im Orginal die Widmung „für Lukas“ vorangestellt.

Einen aktuellen Kommentar von mir zu meinem alten Sext findet man hier.

 

 
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