Fabelwesen Foucault PDF Drucken E-Mail

Wie bitte? „Foucault war nicht nur der Meisterdenker der Postmoderne, sondern sogar deren Begründer … Philosophiegeschichtlich gesehen hat er allerdings nichts anderes gemacht als den Nazi Heidegger, und dessen Vorbild: Nietzsche, so zu vereinfachen und zu popularisieren, dass die Linke — insbesondere die deutsche —, indem sie Marx in ihren Köpfen durch Foucault ersetzte, nazistisches Gedankengut für sich hat hoffähig machen können … Die aktuelle Einstellung der deutschen Linken zu Israel ist der konsequente Ausdruck dieser Ersetzung von Marx durch Foucault in der späteren Nachfolge von 68.”
Was diese Sätze — entnommen der Veranstaltungsankündigung einer Freiburger Theoriesekte — wirklich sagen möchten, kann wohl nur eine Fachperson klären. Wer psychiatrisch weniger geschult ist, wird sich damit begnügen müssen, die laienhafte Diagnose „völlig durchgeknallt” zu stellen. Foucault der Begründer einer Postmoderne? Ein 68er? Ein Nazismus-Popularisierer? Der Marx-Ersatz der zu Israel (vermutlich falsch) eingestellten deutschen Linken? Seltsam nur, dass hier die doch allgemein bekannte Tatsache keine Erwähnung findet, dass Foucault ein der Al-Qaida zuzurechnender drogensüchtiger Außerirdischer war, der kalifornische Kleinkinder sexuell zu missbrauchen pflegte, wenn er nicht gerade damit befasst war, jüdische Friedhöfe zu schänden …
Foucault als Fabelwesen. Zum Glück legt es die deutsche Anti-Foucault-Kritik nicht immer darauf an, so dermaßen ohne Sinn und Verstand auszukommen. Aber auch diesseits exzessiver Hasstiraden gibt es einen unverkennbaren Hang zu unproduktiven Missverständnissen. Hier reicht der Bogen von akademischen Autoritäten wie Jürgen Habermas und Axel Honneth zu eher unbekannten Autoren wie, um irgendeinen beispielhaft herauszugreifen, Tilman Reitz. Dieser erklärt Foucault allen Ernstes zum „Vordenker neoliberaler Vergesellschaftung” und zeichnet das bizarre Zerrbild eines politisch zerrütteten Theorieapostels, der, nachdem er daran gescheitert ist, Volksaufstände zu provozieren oder die Leute wenigstens zu exzessivem Sex und Drogenkonsum anzuleiten, den Rückzug ins Privatleben befohlen habe. Die, so Reitz, „Sorge um sich und niemand anderen” sei Foucaults letzte Botschaft gewesen, der sich demnach plötzlich als Propagandist der entsolidarisierten Ellenbogen- und Spaßgesellschaft entpuppt. Soll man solch blühenden Unsinn überhaupt noch kommentieren?
Die von Foucault selbst einmal anhand konkreter Beispiele herausgearbeiteten vier Methoden („Verfälschung des Textes, Verkürzung oder aus dem Zusammenhang Reißen, Einschiebung und Auslassung”) und drei Gesetze („Unkenntnis des Buches; Unkenntnis dessen, wovon sie sprechen; Unkenntnis der Tatsachen und der Texte, die sie zurückweisen”) solcher „Kritik” lassen sich bei Reitz und manch anderem tatsächlich wiederfinden. Mittels dekontextualisierter Zitatschnippsel und geschickt gesetzter rhetorischer Umakzentuierung wird ein widerspruchsfreies Bild eines sich selbst widersprechenden verblendeten Blenders entworfen, der entweder zu dumm ist, gesellschaftliche Zusammenhänge zu durchschauen, oder zu bösartig, um der gesellschaftlichen Zersplitterung etwas entgegensetzen zu können. Ästhetik der Existenz? Leben als Kunstwerk? Pfui, das kann doch nur auf neoliberalen Subjektivismus, auf Ich-AG, Wellnesswahn und Wohlstandsverteidigung hinauslaufen!
Muss Foucault also als asozialer Avantgardist des Konsumismus und Konformismus erst entlarvt und dann verworfen werden? Andere, beispielsweise Hans Herbert Kögler, haben da anderes herausgefunden: „Das Selbstverhältnis, das Foucault im Zuge seiner letzten Denkbewegung als elementare und irreduzible Erfahrungsdimension ausweisen konnte, etabliert sich nicht in einer vom Sozialen abgetrennten Privatsphäre, sondern vielmehr im Verhältnis des Subjekts zu den in ihm wirkenden sozialen Strukturen und Mechanismen selbst … Nur wenn sich gleichzeitig mit der Betonung selbstgestalterischer Lebensführung und der Arbeit an sich selbst auch die gerechtere Verteilung von Bildungschancen, von ökonomischen Ressourcen und von politischen und rechtlichen Ansprüchen einhergeht, kann sich die ästhetische Lebensethik überhaupt auf den gesamten Gesellschaftskörper ausbreiten … Die an Selbstgestaltung und Freiheit orientierte Ästhetik der Existenz kann so nur die ethische Kehrseite einer gesellschaftskritischen Praxis sein ...”
Nun bleibt es Foucaults „Kritikern” freilich unbenommen, den ausführlichen Nachweis zu führen, dass er keine Antworten auf all jene Fragen gibt, die er sich ausdrücklich nicht stellt. Man kann so verfahren, aber es ist witzlos. Warum will man jemanden partout Unrecht haben lassen, der gar keinen Wert darauf legte, Recht zu haben? Warum will man unbedingt und um den Preis, ihn erst erfinden zu müssen, einen theoriepolitischen Feind mehr haben?
Wohlgemerkt, es kommt nicht darauf an, ob man für oder gegen Foucault ist. Es kommt darauf an, was man aus ihm macht. Dafür gibt es ja immer wieder anregende Beispiele, wie etwa neuerdings das lesenswerte Buch „Gouvernementalität im Postfordismus” von Sven Opitz, in dem Begriffe und Thesen Foucaults für eine Analytik einer auch unter Lohnabhängigen verbreiteten unternehmerischer Rationalität fruchtbar gemacht werden.
Andere aber halten sich eben lieber dabei auf, Foucault empört nachzuweisen, dass er nicht Hegel, Marx oder zumindests Adorno ist. Dass Foucaults Texte gelesen und seine Gedanken weitergedacht werden wird, ist ihnen verdächtig und versetzt sie ihn Wut. Sie fühlen sich von Foucaults paradoxer Popularität in ihrer komfortablen Position bedroht. Durchaus zu Recht. Denn im Unterschied zu ihnen wollte Foucault bekanntlich „auf keinen Fall die Rolle von jemandem spielen, der Lösungen vorgibt”. Er vertrat vielmehr die Auffassung, dass die Rolle des Intellektuellen heute nicht darin bestehe, Gesetze zu machen, Lösungen vorzuschlagen, zu prophezeien. „Ich versuche eher, Probleme zu formulieren, sie in einer Komplexität darzustellen, welche die Propheten und die Gesetzgeber zum Schweigen bringt, all jene, die für die anderen und vor den anderen sprechen … Die Leute sind politisch und moralisch erwachsen geworden. Es ist ihre Sache, individuell und kollektiv eine Wahl zu treffen. Es ist wichtig zu sagen, wie ein bestimmtes Regime funktioniert, worin es besteht, und eine ganze Reihe von Manipulationen und Mystifikationen zu verhindern. Aber die Wahl müssen die Leute selbst treffen … Ich denke, dass es tausend Dinge zu tun, zu erfinden, zu planen gibt von denen, die — in Kenntnis der Machtbeziehungen, in die sie verwickelt sind — beschlossen haben, ihnen zu widerstehen oder ihnen zu entkommen … Ich sage alles, was ich sage, damit es nützt.”

Dieser Text hätte 2002 zum 20. Todestag Michel Foucaults in einer Berliner Zeitung erscheinen sollen. Eine nicht zuständige Redakteurin warf ihn in letzter Minute aus dem Blatt. Weil ich dagegen aufmuckte, erhielt ich Schreibverbot.

 
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