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Anmerkungen zur „Theodizeeverweigerung“ PDF Drucken E-Mail

1. Heißt denn, sich mit Argumenten einer Theodizee zu verweigern, nicht gerade doch, sie zu betreiben? Es gar nicht zu einer Verhandlung in der Sache kommen zu lassen, sondern die Unzulässigkeit der Klage und die Unzuständigkeit des Gerichts (nämlich des menschlichen Urteilsvermögens) zu behaupten und nachzuweisen — das ist Theodizeeverweigerung. Aber sind die Argumente, die gegen die Berechtigung eines solchen Verfahrens sprechen, nicht notwendig auch solche, die für die Unschuld des Angeklagten oder seine grundsätzliche Schuldunfähigkeit plädieren?

2. Die Argumentation meiner „Kleinen Theodizeeverweigerung“ soll sowohl philosophisch („Gott übersteigt das menschliche Urteilsvermögen“) als auch theologisch sein („Wir glauben an und hoffen auf Gott“). Beides in einem milden, heiteren Sinne.

3. „Theodizee“ ist ein philosophisches Konzept (das Wort wurde bekanntlich von Leibniz eingeführt), kein theologisches. Theologie geht von der Erfahrung und damit vom Begriff der Güte und Allmacht Gottes aus, sie setzt diese beiden „Eigenschaften“ und ihre Widerspruchsfreiheit voraus und stellt sie so wenig in Frage wie das Dasein Gottes überhaupt. (Täte sie es, entzöge sie sich ihre eigene Grundlage: Ohne Offenbarung sinnvollerweise kein Glaube als Antwort darauf.)

4. Die philosophische Theodizee, die Gründe sucht, warum Schlechtes doch gut ist, und wie Gott zu rechtfertigen ist, wenn er zulässt, was nicht sein soll, da sie schon im Ansatz verfehlt ist. Gutes und Schlechtes, Sein und Sollen werden verrechnet, in der Hoffnung eine positive Bilanz zu bekommen. Aber der Mensch, der endliche menschliche Verstand hat keinen Einblick in Gottes „Buchhaltung“ und weder Möglichkeit noch Berechtigung einer Prüfung. Darum gilt es, sich jeglicher Theodizee zu verweigern. Alles andere wäre unvernünftige Anmaßung.

5. Man könnte auch einfach feststellen: Gott kann sich nicht rechtfertigen und kann auch von niemand anderem gerechtfertigt werden, weil es kein Maß gibt, an dem er gemessen werden könnte, weil es keine Norm gibt, der er zu entsprechen hätte, weil es keine Instanz gibt, vor der er angeklagt werden und die über ihn ein Urteil sprechen könnte. Gott ist das Maß, die Norm, die Instanz von allem anderen, aber er untersteht niemandem. Warum ist das so? Es kann nicht anders sein. Es ist schlechterdings mit dem Begriff Gottes gegeben.

6. Die Klage über Gottes Unzulänglichkeit („Warum lässt Gott das zu?“) setzt einen Begriff von Gott voraus, zu dem Güte und Allmacht gehören. Sonst gäbe es ja auch den von manchen behaupteten Widerspruch zwischen den beiden nicht („Wenn Gott das Übel verhindern kann, aber nicht will, ist er nicht gut, wenn er es verhindern will, aber nicht kann, ist er nicht allmächtig.“). An diesem Begriff ist sowohl philosophisch wie theologisch anzusetzen.

7. Theologie muss von einem bestimmten Begriff Gottes ausgehen, genauer gesagt: Sie muss eine Begrifflichkeit ausarbeiten, die als rationale Explikation des Glaubens die Erfahrung des unbegreiflichen Gottes dem Denken nachvollziehbar macht. Jeder Begriff von Gott verfehlt Gott, wie auch jede Vorstellung von ihm ihn verfehlt. Gott ist unfassbar. Trotzdem muss Gott vorgestellt werden, wenn man an ihn denken will, und man muss Begriffe von ihm verwenden, wenn man von ihm reden will. Solche Begriffe grenzen ab, womit man es zu tun hat, wenn man es mit Gott zu tun hat, und womit nicht. In diesem Sinne kann man sagen, dass Gott gut ist und der Urheber alles Guten, auch wenn der menschliche Verstand nie ganz erfassen kann, was das heißt. Ebenso ist kann man sagen, dass Gott die Welt geschaffen hat und erhält und dass bei ihm nichts unmöglich ist, auch wenn der menschliche Verstand nie ganz erfassen kann, was „Allmacht“ bedeutet. Güte und Allmacht gehören zum Begriff Gottes, das heißt, wenn man von Gott spricht, spricht man von dem unbedingt Guten und unbedingt Allmächtigen.

8. Der Vorwurf gegen Gott und den Abweisung dieses Vorwurfs sind sich also im Begriff Gottes insofern einig, als Gott als gut und allmächtig zu gelten hat. Allein damit wäre jedoch dem Vorwurf schon die Grundlage entzogen. Wer zugibt, dass Gott (seinem Begriff nach) gut und allmächtig ist, muss auch zugeben, dass Gottes Güte und Allmacht nicht im Widerspruch zueinander stehen können, sonst könnten sie ja nicht beide zu Gottes Begriff gehören. Der Begriff muss also entweder falsch sein — dann kann sich der Vorwurf nicht auf ihn stützen; oder er ist zwar richtig, aber ihm entspricht keine Realität, anders gesagt: Es gibt Gott gar nicht. Dann aber geht der Vorwurf erst recht ins Leere.

9. Die philosophische Argumentation unterschiedet sich davon nicht, nur dass die philosophischen Gottesbegriffe anders als die theologischen, die von der Erfahrung ausgehen, spekulativ sein können. Entscheidet man sich dafür, mit „Gott“ nicht einfach ein „höheres Wesen“, sondern das vollkommene Wesen schlechthin zu meinen, das unbedingt gut ist und für das nichts unmöglich ist, dann ist die philosophische Argumentation dieselbe wie die theologische: Ein solches Wesen kann nicht entweder gut oder allmächtig sein, es muss beides sein, oder es wäre nicht vollkommen. Oder aber ein solches Wesen existiert nicht, dann geht jeder Vorwurf an es ins Leere.

10. Allerdings stößt jede Abweisung einer Theodizee, so begründet sie theologisch und philosophisch sein mag, auf die Dringlichkeit der Verzweiflung derer, die Leid erfahren oder das Leid anderer miterleben. Ihr Unverständnis ist nicht primär intellektuell, kann also auch nicht primär rational überwunden werden. Aus seelsorgerischen Gründen muss die Theologie die Klage, die sie abweist, ernst nehmen. Der Klagende als am Übel in der Welt Leidender darf dabei nicht mit unverbindlichem Trost abgespeist werden („Für irgendetwas wird es schon gut sein“), sondern er muss gerade sein Leid als Verweis auf Gottes Liebe erfahren können.

11. Gerade aus seelsorgerischen Gründen ist jeder Vorwurf gegen Gott abzuweisen, jede Anklage zurückzuweisen. Um des Heiles seiner Seele willen muss der Zweifelnde und Verzweifelte begreifen, dass sein Leid (oder sein Mitleiden am Leid anderer) kein Argument gegen Gott ist, sondern gegen das Übel, das das Leid verursacht, und damit ein Argument für Gott, den allein Guten, der gegen das Übel ist. Jeder Versuch, sich zum Richter Gottes aufzuschwingen und ihm vorschreiben zu wollen, was er tun darf und lassen muss, muss scheitern. Nicht der Mensch ist Gottes Richter, sondern vor dem Ewigen und Barmherzigen, vor dem Allwissenden und alles zur Vollendung führenden muss sich der Mensch verantworten, auch für seinen Unglauben.

12. Welche Erfahrungen hat der, der angesichts von eigenem oder fremdem Leid, an Gott, an seiner Güte und Allmacht zweifelt, sonst mit Gott gemacht? Ist ihm Gott bisher nicht als beglückend, schützend, hilfreich erschienen? Sollte Gott sich gewandelt haben? Gerade angesichts negativer Erfahrungen gilt es, auf die positiven Erfahrungen zu vertrauen. Hält der Verzweifelnde jedoch jetzt seine frühere Erfahrungen für Täuschungen oder stellt er fest, dass er gar keine Erfahrungen mit Gott hat, die sich für unvereinbar mit seiner Verzweiflung erweisen, so ist zu fragen, von welchem Gott hier überhaupt die Rede ist, wem hier Vorwürfe gemacht werden sollen, wer hier angeklagt werden kann. Es scheint sich ja um einen bloß ausgedachten Gott zu handeln, der dann freilich ganz nach Belieben mal so, mal so verstanden werden kann. Zwischen der Verzweiflung darüber, dass einem unerträglichen Übel (etwa der tödlichen Krankheit eines Kindes) trotz inständigen Gebetes keine Abhilfe geschaffen wird, und der unverbindlichen Betrachtung über mögliche Inkohärenzen bestimmter Gottesbegriffe ist ein gewaltiger Unterschied. Der Gläubige hat es, hoffentlich, mit dem wirklichen Gott zu tun und dann eben auch damit, dass Gottes Wirklichkeit des Vermögen des Menschen übersteigt, sie zu fassen.

13. „Warum ist Gott nicht so, wie ich ihn gerne hätte?“ Wenn ich Gottes Tun und Lassen nicht verstehe, dann liegt das an mir, an meinem Unvermögen, meiner Beschränktheit, vielleicht sogar meinem Versagen, nicht daran, dass Gott an sich unverständlich wäre. Aber sein Sein übersteigt nun einmal meinen Verstand, und das muss ich annehmen, wenn ich es mit Gott (und nicht bloß einem Popanz, den ich als Gott ausgebe) zu tun haben will.

14. Welchen Gott hätten Sie den gerne? Wie müsste Gott sein, was müsste er tun, was müsste er unterlassen, damit sie mit ihm zufrieden sind? Wäre ein Gott, den Sie sich nach ihren Wünschen und (vermeintlichen) Bedürfnissen zurechtgelegt haben, wirklich ein Gott, an den Sie glauben könnten? Den Sie lieben würden, bedingungslos? Auf den sie all Ihre Hoffnung setzten, auf Gedeih und Verderb? Oder ist der wirkliche Gott nicht doch besser als ein ausgedachter, auch wenn so vieles an ihm unverständlich bleibt? Ist die Unfassbarkeit durch den Verstand nicht in gewisser Weise Garantin dafür, dass es sich nicht um einen ausgedachten, sondern um den wirklichen Gott handelt? Ein Gott, der in einer Welt voller Widersprüche und Sünde im Einklang mit dieser Welt wäre, ist kein Gott, sondern ein Popanz. Gottes Dasein widerspricht der Welt, wie sie ist, und dem, was die Leute so wollen. Gott stabilisiert nicht das Bestehende, sondern ruft zur Umkehr auf und bietet Erlösung an, ein Freiwerden von der Herrschaft der Sünde. Darum soll der Mensch Gottes Willen tun und nicht sich einen komfortablen Gott nach seinem Bilde schaffen.

15. Vielleicht kann man es als den Grundgedanken der „Theodizeeverweigerung“ bezeichnen, dass die Erfahrung des Leidens und die Erfahrung des Göttlichen insofern zusammengehören, als Leiden Erfahrung des Widerspruchs zwischen dem von Gott Gewollten und dem von Gott nicht Gewollten (aber „Zugelassenen“) ist. Gewiss erfährt der Gläubige Gott auch und vor allem in der Freude, in der Erschütterung, in der Zuversicht usw., aber er kann ihn eben auch in Leidem erfahren, im Schmerz des Widerspruchs von sein und Sollen.

16. Das Leiden als (mögliche) Gotteserfahrung zu denken, kann ein gefährlicher Gedanke sein, weil daraus der falsche Schluss gezogen werden könnte, es sei vom Gläubigen nach Leiden zu suchen, um darin Gott zu finden. Aber das Leiden als Ausdruck des Widerspruchs von Sein und Sollen soll wie dieser Widerspruch selbst nicht sein. Dass es ist, gehört zu dem, was Gott in der Vollendung aufhebt, wenn alles gut wird.

17. Auch das könnte in gefährlicher Gedanke sein, dass nach dem Ende der Zeiten von Gott alles von Gott vollendet und also gut gemacht wird. Dem ist zwar so, aber daraus darf nicht geschlossen werden, dass das Böse und das Leid nicht ernst genommen zu werden braucht. Es wird nur nicht das letzte Wort haben.

18. Wo war Gott in Auschwitz?, wird oft gefragt. Die Antwort scheint mir recht einfach: Er war beispielsweise in den Gaskammern. — Gott ist allgegenwärtig, aber sein „Platz“ ist inmitten seiner Geschöpfe, gerade auch dort, wo ihnen Unheil widerfährt. Gott, der Unveränderliche, leidet nicht in dem Sinne, wie Menschen leiden, aber man wird sagen dürfen, dass Gottes „Mitleiden“, seine Anteilnahme am Wohl und Wehe der Menschen, von denen er jeden einzelnen liebt, von Ewigkeit her zu seinem Wesen gehört. Gott ist also in Auschwitz gerade dort zu finden, wo Menschen gelitten haben, aber auch dort, wo sie ihr Gewissen ausgeschaltet hatten (oder Gewissensqualen litten). Der millionenfache Mord, für den der Name „Auschwitz“ steht, ist nicht nur ein Verbrechen an Menschen, sondern gerade deshalb auch eine Sünde gegen Gott. Ohne Gott ist das Monströse an Auschwitz gar nicht denkbar, er ist gegenwärtig in seiner Anrufung und im Vertrauen auf ihn, gegenwärtig in Verzweiflung, Schmerz und Todesangst, aber auch gegenwärtig in seiner Leugnung durch die böse Tat. Ohne den Widerspruch zwischen den, was sein soll, und dem, was nicht sein soll, zwischen Gottes Willen und Sünde, wären die grauenhaften Ereignisse einfach beliebige Vorgänge gewesen, weder gut noch böse. Ihre ungeheure Sinnwidrigkeit, die Maßlosigkeit des Verbrecherischen aber verweist auf die Verletzung einer höheren Ordnung als einer bloß von Menschen gesetzten Normativität. Dass Menschen einander Gutes und nicht Böses tun sollen, kann man auch glauben, ohne an Gott zu glauben. Überschreitet die Bosheit aber jegliches Maß, wird sie gleichsam absolut, so kann dem nur das absolut Gute entgegengehalten werden, genauer: der Glaube an den absolut Guten. Alles Andere überließe das Leiden der Menschen der Sinnlosigkeit. Ohne Gott gibt es keine Möglichkeit, dass das Leiden zwar war, aber nicht sinnlos, und dass alles gut gewesen sein wird.

 
Eine kleine Theodizeeverweigerung PDF Drucken E-Mail

Wie kann Gott das alles zulassen? Wie kann er zulassen, dass kleine Kinder an Hunger krepieren, dass völlig unschuldige Menschen in Kriegen zerfetzt und verstümmelt werden, dass Krankheiten, die eigentlich behandelbar wären, Unzählige dahinraffen? Wie kann Gott zulassen, dass Menschen in Elend und Not leben und ohne Aussicht auf Besserung? Wie kann Gott Ausbeutung und Umweltzerstörung zulassen, wie all den Hass und all die Hetze? Warum lässt Gott zu, dass Menschen einsam und unglücklich sind, dass sie Krebs bekommen oder bei einem Autounfall sterben? Wieso gibt es Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen? Wie kann es all das Unrecht und Leid auf der Welt geben, wenn es einen gerechten und liebevollen Gott gibt? Wenn er nichts dagegen tun kann, wie kann er dann allmächtig sein? Wenn er nichts dagegen tun will, wie kann er dann gut sein?
Ich finde all diese Fragen, ehrlich gesagt, ziemlich dreist. Sieht man sich die Übel dieser Welt nämlich genauer an, so erkennt man: In erster Linie sind es Menschen, die anderen Menschen Leid zu fügen. Menschen sind es, die Menschen töten, verstümmeln, quälen, entrechten, entwürdigen. Menschen sind es, die Menschen ausbeuten und unterdrücken, die einander belügen und bestehlen, die systematisch die Umwelt zerstören und mit Techniken hantieren, deren Risiken sie nicht beherrschen können. Menschen führen ihr Leben so, dass sie (und andere) krank werden, Unfälle haben, einsam sterben. Menschen bauen Häuser, die bei Erdbeben zusammenbrechen, Menschen siedeln am Rand von Vulkanen oder in Überschwemmungsgebieten. Dass sie all nicht immer ganz freiwillig tun, sei unbedingt zugestanden, aber auch dann sind es letztlich Menschen, die andere Menschen unmittelbar und mittelbar dazu zwingen, unter Bedingungen zu leben, die sie gefährden, schädigen oder töten.
Und da traut man sich im Ernst zu fragen, wieso Gott das zulässt? Er lässt es zu, weil er den Menschen einen freien Willen und ein Gewissen geschenkt hat, sodass sie handeln und ihr Handeln beurteilen können. Handlungen aber haben nun einmal Folgen. Und zwar nicht nur für den Handelnden. Wenn die einen ein Atomkraftwerk ans Meer bauen, um Profit damit zu machen, werden andere verstrahlt, wenn ein Tsunami über das Atomkraftwerk hinwegschwappt. Das ist nicht gerecht, das ist böse. Aber es sind Menschen, die etwas getan und gelassen haben, es waren ihre Entscheidungen, die zu bestimmten Folgen geführt haben. Verlangt man nun von Gott, dass er die Menschen am Handeln hindert? Dann wären sie keine Menschen, sondern Marionetten. Verlangt man von Gott, dass er nur gute Handlungen zulässt, aber böse verhindert? Dann wären die Menschen unfrei. Verlangt man von Gott, dass er zwar alle Handlungen zulässt, aber alle bösen Folgen verhindert? Dann lebten die Menschen nicht in der Wirklichkeit.
Ich bringe zur Veranschaulichung gern dieses Beispiel: Wenn ich einen Nagel in die Wand schlagen will und mir dabei mit dem Hammer sehr schmerzhaft auf den Daumen haue, wäre es ja wohl lächerlich zu fragen: Warum hat Gott das zugelassen? Ich muss es offensichtlich meinem eigenen Ungeschick zuschreiben, dass ich mir Schmerz zugefügt habe. Da geht es um etwas Prinzipielles: Wenn ich akzeptiere, dass die Welt so eingerichtet ist, dass ich mit ein wenig Geschick einen Nagel in eine Wand schlagen kann, dann muss ich auch akzeptieren, dass mein Ungeschick dazu führen kann, dass ich nicht den Nagel, sondern den Daumen treffe. So ist die Welt nun einmal eingerichtet, es sind dieselben physikalischen Voraussetzungen, auf die ich vertraue. Ich akzeptiere sie, wenn ich etwas kann und etwas klappt, also kann ich mich nicht bei ihrem Schöpfer beschweren, wenn etwas durch mein Unvermögen nicht klappt.
Dasselbe gilt, wenn jemand anderes für mich den Nagel hält, den ich einschlagen will, und ich den Daumen dieser anderen Person treffe. Für deren Schmerz bin ich verantwortlich, auch wenn ich ihn ganz bestimmt nicht wollte. Ihr widerfährt Leid, ohne dass sie daran schuld wäre. (Obwohl sie den Nagel vielleicht besser nicht gehalten hätte, aber vielleicht habe ich sie gezwungen oder überredet.) Wie lächerlich wäre es nun, in einer solchen Situation anklagend auszurufen: Gott, wie konntest Du zulassen, dass ich jemandem mit dem Hammer kräftig auf den Daumen haue!
Zweifellos gibt es unzählige Fälle, deren Dimension mein Nagel-Hammer-Daumen-Beispiel vielfach übersteigt. Der Tod eines Kindes oder sonst eines geliebten Menschen an einer Krankheit oder bei einer Naturkatastrophe. Wer solches miterleben muss, den wird es aus der Bahn werfen, das ist nur zu verständlich. Und verständlich ist es auch, wenn in Schmerz und Verzweiflung dann der Gedanke auftaucht: Wie konnte Gott das zulassen?
Wenn jemand als Opfer eines Verbrechens oder eines fahrlässig herbeigeführten Unfalls stirbt, dann gibt es eindeutig jemanden der an dem Unglück schuld ist, auch wenn man ihn nicht kennt, auch wenn der Schuldige das Unglück nicht beabsichtigt hatte. Wie aber soll man damit umgehen, wenn es keinen erkennbaren Schuldigen gibt? Wenn ein Kind krank wird, die Ärzte ihr Möglichstes tun, aber das Kind trotzdem stirbt? Wenn ein Bergabhang plötzlich ins Rutschen gerät und Menschen unter sich begräbt? Die Hinterbliebenen werden außer Trauer wohl auch Wut verspüren, denn was da geschah, ist nicht gerecht, niemand kann etwas dafür, am wenigstens die Toten. Jeder kann verstehen, wenn in einer solchen Situation mangels eines anderen Schuldigen Gott angeklagt wird. Immerhin hat er die Welt eingerichtet, wie sie ist. Eine Welt, in der es Viren und Erbkrankheiten gibt, giftige Tiere und Pflanzen, Wirbelstürme, Sturmfluten, Erdrutsche und Erdbeben, Vulkanausbrüche, Waldbrände. Und schlechte Menschen.
Nicht immer ist menschliches Handeln als Ursache von Unglücksfällen erkennbar. Aber es ist auch nie weit entfernt. Nur dass es für die Eltern eines toten Kindes kein Trost ist, ihnen zusagen: Hättet ihr das Kind nicht gezeugt, hätte ihr ihm nicht euer Erbgut mitgegeben, es nicht bestimmten Umweltgiften ausgesetzt usw., dann wäre es nicht gestorben, weil es nie gelebt hätte. Und für die, die Angehörige und Freunde bei einer Naturkatastrophe verloren haben, ist es kein Trost, ihnen zu sagen: Hätten sie sich anderswo aufgehalten, könnten sie noch leben. Die Folgen menschlichen Tun und Lassens können so komplex und unüberschaubar sein, dass zwischen Handlung und Folge sehr oft gar kein Zusammenhang mehr erkennbar ist. Und vieles ist ja auch tatsächlich von Menschen nicht oder nicht zielgerichtet beeinflussbar. Die Welt ist nicht unserem Willen unterworfen. Was wir an ihr gestalten können, ist nur ein Teil von ihr. Was wir bewirken, übersehen und verstehen wir oft nicht. Die Ursachen dessen, was uns widerfährt, bleiben uns meist verborgen.
Ist also Gott an allem schuld, weil er die Welt geschaffen hat und sie erhält? Was für ein merkwürdiger Gedanke. Hätte aus dieser Sicht Gott die Welt nicht schaffen sollen? Wenn es keine Menschen gäbe, könnte ihnen auch nichts Schlimmes passieren … Oder hätte Gott die Welt anders einrichten solle? Wie hätten wir sie den gern? So, dass alle lieb und nett zueinander sind und böse Taten keine böse Folgen haben? Nun, es ist ja aber gerade so, dass Gott, der Ursprung alles Guten, will, dass wir Gutes tun und Böses lassen. Er überlässt es allerdings uns, uns für das Richtige zu entscheiden, und hindert uns nicht, wenn wir eine falsche Wahl treffen. Ließe er uns nicht diese Freiheit, so wären wie eben nicht frei zum Guten, sondern, wie gesagt, Gottes Marionetten, oder, modern gesprochen, Roboter, die darauf programmiert sind, etwas zu tun, was sie „wollen“ müssen, also nicht wirklich wollen, sondern bloß willenlos ausführen.
Das Böse ist das, was nicht sein soll. Der Widerspruch zwischen dem, was sein soll, und dem was nicht sein soll, bedingt das Leid. Gott liebt jeden einzelnen Menschen und will nur sein Bestes. Gott will, dass es den Menschen gut geht, er will nicht, dass Menschen hungern und dürsten, frieren, Schmerzen haben, einsam sind usw. usf. Dass ihnen das alles trotzdem widerfährt, ist nicht Gottes Wille. Wie er am Ende der Zeiten, wenn diese Welt ein Ende hat und gerichtet wird, den Widerspruch zwischen seine Willen zum Guten einerseits und andererseits der Freiheit des Menschen, die zu Unheil missbraucht werden konnte, auflösen wird, können und müssen wie ihm überlassen. Das ist der Gegenstand der christlichen Hoffnung: Dass am Ende alles gut gewesen sein wird.
Bis dahin sollten uns angesichts all des Grauens in der Welt, all der Ungerechtigkeiten, all des Leidens, an der eigenen Nase fassen: Wie nütze ich meine Freiheit? Was an meinem Tun und Lassen ist gut, was ist schlecht? Was widerfährt durch mein Handeln anderen unmittelbar und, soweit ich weiß, mittelbar? Und wir sollten, außer Selbstkritik, durchaus auch Kritik üben: Was tun Menschen Menschen (und ihrer Umwelt) an? Welche Politik hat welche Folgen? Welche Strukturen reproduzieren immer und immer wieder dasselbe Unglück? Welche Institutionen könnten das verhindern? Was lässt sich ändern? Was muss sich ändern? Was ist Gottes Wille?
Gott braucht sich vor den Menschen nicht zu rechtfertigen. Er macht alles richtig. Er beruft uns dazu, selbst auch Richtiges zu tun. Er weiß, dass wir fehlbar sind, schwach und manchmal einfach bösartig. Er kommt uns zu Hilfe. Er bietet uns Vergebung an und befreit uns von Bösem, das uns zu verführen und verderben droht. Christen sagen: Jesus Christus, Gottes Sohn, hat uns durch Tod und Auferstehung ein für alle Mal losgekauft („erlöst“) von der Sünde, also von dem Tun und Lassen, das nicht sein soll, von dem, was wir selbst falsch machen, wie auch von dem, was andere für uns falsch gemacht haben („Erbsünde“). Durch Gott hat das Übel in der Welt nicht das letzte Wort.
Warum Gott etwas zulässt? Die Frage ist falsch gestellt. Sie will darauf hinaus, Gott zur Rede zu stellen und letztlich in Abrede. Darum empfehle ich die Gegenfrage: Welchen Gott lassen wir zu? Und was hieße es wirklich, Gott nicht zuzulassen? Wenn es Gott nicht gäbe, könnten wir dann überhaupt das, was sein soll, von dem unterscheiden, was nicht sein soll? Es ist doch dann einfach alles, wie es ist. Wie erklären wir aber in dem Fall das Leid, das uns und anderen widerfährt? Wieso widerspricht dann da etwas, das Übel, dem, was eigentlich zu ein hätte, dem Guten?
Wenn es Gott nicht gäbe, gäbe es auch keine Chance, dass am Ende doch das Gute endgültige Wirklichkeit wird, dann wären die Übel dieser Welt unaufhebbar, kein Leidender könnte ehrlich getröstet werden und die Toten blieben tot, als wären sie nie lebendig gewesen. Eine solche Welt will jemand?
Dass Unrecht geschieht und Menschen leiden, ist unbestreitbar. Unbestreitbar ist aber auch, dass das zum Himmel schreit und der Himmel nicht stumm ist. Gottes Antwort ist schon im Voraus gegeben: Ich bin für euch da. Auch wenn es euch in der Dunkelheit eures Daseins anders scheint. Ich bin inmitten eures Unglücks bei euch, und euer größtes Unglück wäre es, nicht an mich zu glauben und daran, dass das Heil über das Unheil triumphieren wird.
Statt also mit eine gewissen Überheblichkeit zu fragen, warum Gott etwas zulässt, das mir falsch erscheint, sollte ich Gott demütig darum bitten, das ich nicht zulasse, nicht mehr an seine Güte und Allmacht zu glauben. Wer nämlich versteht, von wem die Rede ist, wenn von Gott die Rede ist, wird davon Abstand nehmen, Gottes Handeln („Zulassen“ versus „Eingreifen“) mittels des endlichen menschlichen Verstandes beurteilen zu wollen, und sich damit bescheiden, auf Gottes Liebe zu vertrauen, auch gegen allen Anschein, gegen alle Anfechtungen, gegen alle Widersprüche. 
Das menschliche Vermögen reicht gerade aus, um die Gotteserfahrung im Glauben so weit auf den Begriff zu bringen, dass mit Gewissheit gesagt werden kann, dass Gott gut ist und das Gute will. Dafür, Gott vor ein imaginäres Gericht zu stellen, ihn anzuklagen und Rechtfertigung von ihm zu verlangen („Theodizee“ nennt man das in der Philosophie), reicht es bei Weitem nicht aus. Wer derlei dennoch versucht, überschätzt sich und geht notwendig in die Irre. Dass der Widerspruch von Gottes Willen und irdischer Realität von den Menschen schmerzlich erfahren wird, ist nur zu verständlich. Aber man darf sich von Trauer, Wut, Selbstmitleid nicht überwältigen lassen, sondern der halbwegs nüchterne Verstand muss sich der Anmaßung verweigern, den Widerspruch dem anzulasten, der allein ihn aufzulösen vermag. Gott ist gut und auf unserer Seite. Mehr geht nicht.

 
Schwule als Exoten PDF Drucken E-Mail

Was ist Exotismus? Ein Lexikon gibt darauf die eindrucksvolle Antwort, es handle sich um die „eurozentrische Sonderform des von Europa ausgehenden epistologischen Imperialismus, der sich vor allem auf Kulturen in Afrika, Asien und Südamerika bezieht und als Wegbereiter oder ideologische Legitimationsinstanz von politisch-ökonomischen Dominanzansprüchen fungiert. Im engeren Sinn ein zumindest oberflächlich positiv besetztes Heterostereotyp als normatives Korrektiv von Fehlentwicklungen in der zumeist europäischen Ausgangskultur, im weiteren Sinn jede imaginäre Überschreibung einer fremden Kultur. (…) Je nach dem Interesse des europäischen Beobachters konsolidieren sich die Wahrnehmungen zum Negativ-Heterostereotyp, vor dem die Herrschaftskultur ihre Überlegenheit in zivilisatorischer, moralischer, religiöser oder ökonomischer Hinsicht begründet und implizit oder explizit ein Eingreifen in die Autonomie des meist mit primitivistischer Naturnähe assoziierten fremden Kulturkreises legitimiert; historisch seltener wird die kulturelle Alterität als positives Gegenbild konstruiert, wie in Rousseaus ‘Edlem Wilden’ (…). Das ambivalente Heterostereotyp, dass dunkelhäutige Völker ein ‘spontaneres’ bzw. ‘ primitiveres’ Verhältnis zu ihrer Sexualität besitzen als die Weißen, taucht bereits in den ersten Reiseberichten des Mittelalters in diesem Zusammenhang auf. — Die Übergänge zwischen Exotismus und Xenophobie sind fließend, da sich im Exotismus angstbesetzte, aus dem kulturellen Autostereotyp verdrängte Wünsche konzentrieren, welche Begehren, aber zugleich Haßgefühle auf die fetischisierten Opfer der Projektionen als Repräsentanten des verbotenen Eigenen wecken.“1
Eine etwas schlichtere Beantwortung der Frage, was ein Exot sei, könnte die folgenden, sehr vorläufigen Kriterien nennen:
1. Der Exot kommt von außen (griech. exotikos — fremd, fremdländisch), er gehört einer fremden Kultur an.
2. Der Exot ist primitiv, entweder im Sinne völliger Unterlegenheit oder einer vorbildlichen Ursprünglichkeit.
3. Der Exot macht Differenz sichtbar, denn seine Präsenz stellt das Normale und Normative entweder in Frage oder bekräftigt es.
4. Der Körper des Exoten ist erotisch besetzt.
Werden sie so allgemein und einfach formuliert wie hier, lassen sich die vier Merkmale nun offenkundig nicht bloß auf Angehörige außereuropäischer Kulturen anwenden, sondern, gleichsam „inlands-ethnologisch“, auch auf solche Menschen, die in der öffentlichen Wahrnehmung nicht oder nicht vollständig mit den kulturellen Normen übereinstimmen, so dass sie eine grundlegende und ihre gesamte Existenz betreffende Abweichung repräsentieren. In diesem Sinne soll im folgenden argumentiert werden, dass und warum männliche Homosexuelle in der sie umgebenden heterosexuellen Kultur als Exoten fungieren. (Und wie etwas dagegen zu machen wäre.)

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Über Pasolini (2002) PDF Drucken E-Mail

Am 5. März wäre Pier Paolo Pasolini achtzig Jahr alt geworden. Also das ist doch nun wirklich noch kein Alter! Kein Grund jedenfalls, schon tot oder geistig weggetreten zu sein. Man kann sich also im Gegenteil gut vorstellen, Pasolini — heute ein kleiner, verhutzelter, aber hellwacher Greis — hätte die letzten siebenundzwanzig Jahre noch erlebt und mit seinen Einmischungen begleitet. Wie seine künstlerische Entwicklung weitergegangen wäre, was er als Maler, Lyriker, Dramatiker, Romancier und Filmregisseur noch hervorgebracht hätte, darüber zu spekulieren ist müßig. Was er als Sprach- und Literaturwissenschaftler, der er ja immer auch war, noch geleistet hätte, muß gleichfalls offen bleiben. Daß er aber als politischer Mensch und öffentliche Figur, als Journalist und Essayist weitergemacht und weiterhin allen möglichen Leuten gehörig gegen den Strich und auf die Nerven gegangen wäre, das steht wohl fest.
„Auf allen Ebenen, den kulturellen wie den persönlichen, handelte er als ein erbitterter Feind der etablierten Macht“, urteilte einer seiner Freunde, der Schriftsteller Paolo Volponi, über Pasolini. „Er handelte mit hartnäckiger Ausdauer, mit Unschuld und großer dichterischer Tugend, wenn auch zuweilen ohne sichere ideologische Basis oder eine große kritische Kraft origineller Argumente. Er spürte diese Mängel selbst und sagte zum Beispiel: ‘Ich habe keine Industrieerfahrung gemacht. Ich kenne die Welt der Industrie nicht, ich kenne mich nicht aus mit Ökonomie. Ich bin ein Marxist, der wenig Marx gelesen hat. Ich habe mehr Gramsci gelesen. Ich weiß nicht, wie es in der Fabrik zugeht, was da für Spannungen sind, ich weiß nicht, was es heißt, heute zu arbeiten. Ich ahne es. Vor Augen habe ich nur dieses große, alte, schwerfällige bürokratische Durcheinander, das in Rom herrscht. Vielleicht ist Rom nicht die beste Beobachtungsstation, wenn man unser Land verstehen will.’“
Ach was, könnte man einwenden, was soll’s. Die Fabrik ist längst nicht mehr das wichtigste Paradigma von Arbeit; je weniger man über Ökonomie gelesen hat, desto besser versteht man sie; und immer noch wird Italien von Rom aus regiert, das nach wie vor als großes, altes und schwerfällig bürokratisches Durcheinander erscheint.
Gewiß, ein paar neue Damen und Herren bevölkern den Quirinal, den Palazzo Chigi und den Palazzo Montecitorio. Die Democrazia Cristiana, der stets Pasolinis Verachtung galt und die zu seinen Lebzeiten drei Jahrzehnte lang in wechselnden Koalitionen an der Regierung war, gibt es längst nicht mehr, sie hat sich in ihre Bestandteile aufgelöst. Auch die KPI, der Pasolini auch nach seinem Ausschluß - wegen „moralischer Unwürdigkeit“ - drei Jahrzehnte lang in kritischer Solidarität verbunden blieb, gibt es nicht mehr. Wen oder was Pasolini heute wohl wählen würde?
Es ist nicht ohne Reiz, sich auszumalen, wie Pasolini den Aufstieg Berlusconis kommentiert hätte. Dieser Clown der Macht hätte ihn gewiß mehr als einmal an den Rand der Verzweiflung getrieben, denn er bestätigte alle seine Analysen und Prognosen. Berlusconi ist doch geradezu die virtuelle Inkarnation des von Pasolini beschriebenen „kulturellen Völkermordes“, der „anthropologischen Mutation“, des „hedonistischen Faschismus“, des Konformismus und Konsumismus, der Zerstörung des Einzelnen in der Massengesellschaft. Nichts an Cavaliere Berlusconi ist echt, alles ist irreal, und doch verkörpert er das, was herrscht, und das ist nichts Gutes.
Freilich, eines haben sie sogar gemeinsam, der regierende Medienzar und der Außenseiter, der vorgeschlagen hatte, das Fernsehen abzuschaffen: Beide hatten und haben viel mit Gerichten zu tun. Doch während Pasolini als Unschuldiger zum viel bestaunten und viel gelästerten Objekt einer Verfolgung mit den Mitteln der Justiz wurde, die ihn mundtot machen sollte, wird das Echo der unzähligen Prozesse gegen Berlusconi und Konsorten von einem medialen Rauschen verschluckt, das die Beschuldigten praktischerweise gleich selbst erzeugen. Während man im Namen der Mächtigen immer wieder aufs Neue versuchte, Pasolini zu skandalisieren, ist Berlusconi selbst ein kontinuierlicher Skandal, den die Mächtigen nur zu gern unter den Teppich kehren möchten.
Pasolini hätte also in der vergangenen drei Jahrzehnten kaum Anlaß gehabt, seine Kritik am „grauenhaft dreckigen Land“, seinem Land, zurückzunehmen. Er hätte sie vermutlich sogar verschärft. Aber er hätte sicherlich auch immer heftiger mit der Müdigkeit, der Verzweiflung und dem Verstummen ringen müssen, je älter er — der sich selbst eine „Kraft der Vergangenheit“ nannte — in dieser hoffnungslos schönen neuen Welt geworden wäre.
Und Genua? „… die Journalisten aus aller Welt / … lecken euch den Arsch. Ich nicht, Freunde (…) / als ihr euch gestern … geprügelt habt / mit der Polizei / habe ich mit den Polizisten sympathisiert! / Weil die Polizisten die Kinder armer Leute sind / (…) / gestern erlebten wir demnach ein Stück / Klassenkampf: und ihr, Freunde (obwohl auf der Seite der Vernunft) wart die Reichen / während die Polizisten (auf der Seite / des Unrechts) die Armen waren. Ein schöner Sieg also / den ihr da errungen habt!“ Das schrieb Pasolini 1968 der rebellierenden studentischen Jugend ins Stammbuch.
Die Zeiten haben sich geändert. Die Polizisten und Polizistinnen gelten nicht mehr vorrangig als Kinder armer Leute und die Demonstrierenden lassen sich nicht mehr einfach als Bürgersöhnchen und Bürgerinnentöchter klassifizieren. Und so oder so hätte Pasolini polizeiliche Brutalität und politische Repression überhaupt niemals gebilligt. Aber er hätte sich dennoch geweigert, denen, die via Medien gerade die „Guten“ sind, den Arsch zu küssen, sondern hätte gerade denen, die er als seine Freunde betrachtete, ihre im Vergleich zur Lage der wirklich Benachteiligten privilegierte Position und ihr heimliches Einverständnis mit den herrschendes Verhältnis vorgehalten.
Pasolini, der schon ein Gegner der Globalisierung war, bevor es diesen Begriff gab, hätte gewiß den solidarischen Zweifel der hoffnungsfrohen Unverbindlichkeit vorgezogen; und vielleicht hätte seine Sicht derjenigen Pierre Bourdieus geähnelt, der aus Anlaß des Genueser Weltwirtschaftsgipfels in einem Interview auf die Frage, ob er sich in dem Radau noch Gehör verschaffen könne, antwortete: „Ich bin sehr pessimistisch. Die Krawalle ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich. Jede Analyse geht darin unter. Die Öffentlichkeit erkennt nur noch Anarchisten, Hooligans, rote Extremisten.“
Auf den Einwand, intellektueller Widerstand allein hätte aber wohl kaum derartige Massenaktionen zu Stande gebracht, erwiderte Bourdieu: „Die Gewalttäter mit ihren organisierten Eingreiftruppen haben zumindest eine Funktion: Sie zwingen die Protagonisten des Neoliberalismus, die sich gern den Anschein der Gelassenheit, der Vernunft geben, ihre eigene Gewalt vorzuführen.“ Und als der Interviewer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ fragte, ob also doch so etwas wie eine große Protestbewegung, vielleicht gar eine neue Form des Klassenkampfes entstehe, gab Bourdieu zurück: „Es ist eher eine noch chaotische Reaktion auf den konservativen Dogmatismus, der den räuberischen Kapitalismus in neuem, scheinbar zivilisiertem Gewand wiederaufleben lassen will. Immer mehr Menschen begreifen, daß Freiheit und Laissez-faire nicht dasselbe sind. Der Neoliberalismus ist eine Eroberungswaffe, er verkündet einen ökonomischen Fatalismus, gegen den jeder Widerstand zwecklos erscheint. Er ist wie AIDS: Er greift das Abwehrsystem seiner Opfer an.“
Apropos, dessen ist der Welt leider auch verlustig gegangen: Pasolini konnte sich nie zu AIDS äußern, weil er ja bereits 1975 ermordet wurde. Dabei wären der Tod, die Homosexualität, Heterosexualität, der gesellschaftliche Umgang mit dem Körper genau seine Themen gewesen.
Überhaupt ist das ja etwas, was eng zusammen gehört: Der Schwule und der Tod. Da Homosexualität in der gegebenen Kultur etwas ist, das es gibt, was aber nicht sein soll, besteht der Kompromiß darin, den Homosexuellen, wenn seine Sichtbarkeit sich schon nicht vermeiden läßt, konsequent sterben zu lassen. Darin sind sich Hollywood und die Weltliteratur einig. Der Tod, möglichst ein gewaltsamer oder sonstwie „unnatürlicher“, ist die Sühne für die abweichende Lust.
Nicht zufällig beginnen darum fast alle Darstellungen von Pasolinis Leben, ob in schriftlicher oder filmischer Form, mit seiner Ermordung. Oft wird diese sogar als indirekter Suizid gedeutet oder doch immerhin als Folge von Pasolinis Todessehnsucht. Man stützt das dann mit diesem und jenem Zitat aus seinem Werk — als ob Pasolini sich nicht auch immer wieder und mit großer Leidenschaft über das Leben geäußert hätte und dazu, wie sehr er es liebt.
Aber der tote Pasolini ist eben allen der liebste. Die einen atmen auf, die anderen seufzen tief, alle fühlen sich befreit und bestätigt. Jetzt können sie ihre Bücher und Filme und Skulpturen über ihn machen. Jetzt redet er ihnen nicht mehr dazwischen.
Hätte Pasolini sich wirklich umbringen lassen wollen, so hätte ihm diese Idee jedenfalls ganz plötzlich in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen kommen müssen, denn in den Wochen, Tagen und Stunden davor wies nichts auf Selbstmordabsichten hin. Sein Terminkalender war voll wie immer. Mitte Oktober reiste Pasolini zur Frankfurter Buchmesse, dann zurück nach Italien, wo er mit Lehrern und Schülern diskutierte und seinem Verleger ein fertiges Buch zur Veröffentlichung übergab. Kurz darauf war er in Stockholm beim Italienischen Kulturinstitut, dann in Paris, wo er die Synchronisation seines letzten Films prüfte, dann wieder zu Hause in Rom. Am Nachmittag des 1. November gibt er ein Interview, abends geht er mit Freunden essen und verabschiedet sich dann — wie immer —, um die Nacht auf der Suche nach Lust zu verbringen. Und dann Selbstmord durch die Hand eines Strichers?
Einer der letzten Texte Pasolinis, dem doch angeblich am Leben nichts mehr lag, war ein programmatischer Redebeitrag für den Kongreß des noch zu gründenden Partito Radicale, einer linken, entfernt den deutschen Alternativen und Grünen vergleichbaren Bürgerrechtsbewegung. Das Referat, das er nicht mehr halten konnte, aber zweifellos am 4. November gern gehalten hätte, endet mit diesen Sätzen: „Ihr müßt euch selbst treu bleiben, mit anderen Worten: auch in Zukunft nicht faßbar sein, nicht einzuordnen. Vergeßt unverzüglich die großen Siege. Macht weiter, was ihr bisher gemacht habt. Besteht — unerschrocken, dickköpfig, immer in Opposition — auf dem Anderen, schreit danach, identifiziert euch damit, macht Skandal, lästert, flucht.“ Recht hat er.

Dieser Text erschien unter dem Titel „Macht weiter. Philosophie des Stattdessen: Was an Pier Paolo Pasolini unsterblich bleibt“ aus Anlass von Pasolinis 80. Geburtstag in der „Jungen Welt“ (18. 3. 2002).

 
Über Pasolini (2000) PDF Drucken E-Mail

Am 22. Oktober 1949 wird der Lehrer und Sektionssekretär der Kommunistischen Partei Italiens in San Giovanni di Casarsa, Pier Paolo Pasolini, wegen Verführung eines Minderjährigen und Unzucht in der Öffentlichkeit angezeigt. Was spätestens aus heutiger Sicht eigentlich kaum der Erwähnung wert ist ein Siebenundzwanzigjähriger wichst mit einem Sechzehnjährigen im Gebüsch, wird zum Skandal. Pasolini war damals bereits aufgrund seiner Tätigkeit als Schriftsteller, Pädagoge und Politiker eine „öffentliche Gestalt“ (Naldini); die Anzeige, der Skandal, der Prozeß und schließlich die Flucht aus dem heimatlichen Friaul in unbekannte Rom bilden einen biographischen Wendepunkt und bündeln einige Motive, die von da an mit Pasolini, ob er es will oder nicht, verbunden bleiben werden: persönliche Leidenschaft, politisches Engagement, öffentliche Erregung und nicht zuletzt: Homosexualiät.

Ein sozialer Tod
In den 40er Jahren hatte der aus dem norditalienischen Bürgertum stammende Pier Paolo Pasolini Marx und vor allem Gramsci für sich entdeckt. Seine Parteinahme für die gesellschaftlich Benachteiligten führte schließlich zum Parteieintritt. „Nach langen Zweifeln“ immerhin hatten Kommunisten seinen jüngeren Bruder Guido, einen leidenschaftlichen Antifaschisten und Kämpfer der Resistenza, in den Wirren des Jahres 1945 erschossen schrieb sich Pasolini 1947 (oder Anfang 1948, Anm.) in die KPI ein (…) viele Abende verbrachte Pasolini nun in den staubigen Vereinslokalen, viele Tage auf Demonstrationen, Delegiertenversammlungen, Hausbesetzungen, bei der Wahlpropaganda. Er war bald eine öffentliche Persönlichkeit, seine leidenschaftlichen und unorthodoxen Reden auf den Kongressen (nicht nur solchen der KPI, u.a. auch in Paris und Budapest, Anm.) verschafften ihm Anerkennung. Er schrieb für mehrere Tageszeitungen. Als Sektionssekretär erfand er so etwas wie die späteren maoistische Tatsebaos: zu jedem Thema klebte er handgeschriebene Wandzeitungen vor das Parteilokal, auf denen er in der Sprache der Bauern, aus ihrer Sicht und in ihrem Wortschatz, die Dorfleute agitierte, den Dialog mit ihnen suchte. (…) Vor allem die konservativen, katholischen Kreise sahen in dem Erfolg Pasolinis bei der Bevölkerung, bei den einfachen und armen Bauern, die er wirklich kannte, eine Gefahr. Es gab auch schon versteckte Warnungen und vage Bedrohungen durch seinen politischen Gegner. (Schweitzer) Pasolini schlägt die Warnungen in den Wind und ignoriert die sehr reale Bedrohung. Als es dann seinen Gegnern endlich gelingt, ihn bei seiner Homosexualität zu packen, verliert er mit einem Mal alles: seinen Ruf, seine Stelle als Lehrer und die Mitgliedschaft in der KPI. Unmöglich zu sagen, was davon ihn am meisten trifft.

Euer ungeachtet …
In der kommunistischen Tageszeitung „L`Unità“ wird schon eine Woche nach der Anzeige Pasolinis dessen Ausschluß bekannt gegeben, verbunden mit dem Hinweis auf „die verderblichen Einflüsse gewisser ideologischer und philosophischer Strömungen der diversen Gide, Sartre und anderer dekadenter Poeten und Literaten (…), die sich als Progressisten gebärden wollen, in Wirklichkeit aber die schändlichsten Seiten der bürgerlichen Verkommenheit auf sich vereinen“. Aber Pasolini läßt sich nicht beirren: „Ich wundere mich nicht über die teuflische Heimtücke der Christdemokraten“, schreibt er an einen seiner ehemaligen Genossen, „Ich wundere mich aber über eure Unmenschlichkeit; du weißt sehr wohl, daß es Blödsinn ist, von ideologischer Verirrung zu sprechen. Euer ungeachtet bin und bleibe ich Kommunist und zwar im echten Sinn des Wortes. Doch was sage ich da? Bis heute früh hielt mich der Gedanke aufrecht, daß ich meine Person und meine Karriere dem Glauben an ein Ideal geopfert habe; jetzt habe ich nichts mehr, worauf ich mich stützen könnte. Ein anderer an meiner Stelle würde sich umbringen; unglücklicherweise muß ich für meine Mutter weiterleben.“ Tatsächlich hat Pasolini den Kommunisten auch später seinen Hinauswurf nie vorgeworfen; Ende der 60er Jahre stellt er das Ende seiner Mitgliedschaft sogar so dar, daß er irgendwann bloß den „abgelaufenen Mitgliedsausweis nicht verlängert“ habe. Aber die Wunde saß tief. Zwar rief Pasolini bei jeder Wahl dazu auf, es ihm gleich zu tun und die KPI zu wählen, aber in einem dieser von „L`Unità“ abgedruckten Wahlaufrufe in Versen heißt es: „Ich habe mich der KPI immer mit Hingabe widersetzt und erwartete mir eine Antwort auf meine Einwendungen. Denn ich wollte ja dialektisch vorgehen! Diese Antwort ist nie gekommen: Eine brüderliche Polemik ist für eine blasphemische gehalten worden.“

„Rom ist göttlich!“
Nach dem „sozialen Tod im Friaul“ (Schweitzer) geht Pier Paolo Pasolini nach Rom. Er ist völlig mittellos und schlägt sich mit diversen Beschäftigungen durch: Er wird Privatlehrer, korrigiert Druckfahnen, arbeitet als Komparse beim Film. Daneben schreibt er: Zeitungsartikel und Gedichte. Erste Erfolge in Gestalt von Preisen stellen sich ein. Pasolini lernt zahlreiche SchriftstellerkollegInnen kennen. Und er erforscht Rom. „Rom ist göttlich“, verkündet der arbeitslose Hungerleider, denn er hat die Welt der Borgate, der Arbeitervorstädte, für sich entdeckt. „Nicht zu resignieren hieß vor allem, sexuell nicht zu resignieren. Er nimmt die Herausforderung der Großstadt an, er sucht die aggressive Freiheit der Jugend in den Armenvierteln.“ (Schweitzer) Pasolini hatte Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft studiert und war bereits durch seine Beschäftigung mit der Sprache des Friaul als Dichter und Sprachwissenschaftler bekannt geworden. Nun stürzt er sich mit dem Eifer eines sein Begehren als Antrieb nutzenden — Anthropologen auf die römischen Dialekte und Soziolekte. Die Körper, die Sprache, die sozialen Verhältnisse der jungen Männer interessieren in gleichermaßen. Aus Pasolinis freilich nie bloß persönlichen Erfahrungen gehen bald die Romane „Ragazzi di vita“ und „Una vita violenta“ hervor, die ihn berühmt machen. Und noch vieles an seinen späteren Filmen deren erster, „Accatone“, 1961 herauskommt ist eine mit den Mitteln der Ästhetik vorangetriebene bewußte Erkundung des mit allen Sinnen Erfahrenen.

Ein moralischer Antityp, ein Geächteter
Doch egal, was Pier Paolo Pasolini im letzten Vierteljahrhundert seines Lebens auch produzieren wird — er schreibt Gedichte, Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Drehbücher, er dreht Filme und er zeichnet und malt auch, und nicht zuletzt schreibt er Beiträge, manchmal sogar als Kolumnist für Zeitungen und Zeitschriften, seine öffentliche Existenz, seine Person ebenso wie sein Werk, erregt Ärgernis. Manchmal kommt es „nur“ zu heftigen Kontroversen in den Medien, nicht selten aber auch zu Verhandlungen vor Gericht: Immerhin mehr als dreißigmal wurde in nur fünfundzwanzig Jahren gegen den Schriftsteller und Filmemacher Anklage erhoben. Die Gesellschaft, in der Pasolini lebt, kann zwar die ästhetischen, ideologischen und politischen Abweichungen, die er sich zu Schulden kommen läßt, wenn schon nicht verzeihen, so doch tolerieren, seine sexuelle Abweichung jedoch provoziert immer wieder rasenden Haß. Dabei ist für Pasolini Homosexualität zunächst keineswegs etwas Erstrebenswertes: „Ich war dazu geboren, heiter, ausgeglichen und natürlich zu sein. Meine Homosexualität war überflüssig, lag außerhalb, hatte nichts mit mir zu tun. Ich habe sie immer wie einen Feind neben mir gesehen, ich habe sie nie drinnen in mir gefühlt.“Doch weil sich in dem Pasolini zugewiesenen und von ihm angenommenen Außenseitertum das Künstlerische und Politische untrennbar mit dem Homosexuellsein verschränken, kann es in seinem Fall hat der erste Skandal erst einmal stattgefunden keine reinliche Scheidung von öffentlicher Person und privatem Begehren mehr geben: „Seit zwanzig Jahren hat die italienische Presse, und an erster Stelle die schreibende Presse, dazu beigetragen, aus meiner Person einen moralischen Antityp zu machen, einen Geächteten. Es besteht kein Zweifel, daß zu dieser Ächtung seitens der öffentlichen Meinung die Homophilie beigetragenhat, die mir mein Leben lang angelastet wurde wie ein in dem von mir verkörperten Fall besonders emblematisches Schandmal: die Besiegelung einer menschlichen Verworfenheit, von der ich angeblich gezeichnet bin, und die alles, was ich bin, meine Sensibilität, meine Vorstellungskraft, meine Arbeit, die Gesamtheit meiner Gefühle, meiner Empfindungen und meiner Handlungen angeblich dazu verdammt, nichts anderes zu sein als eine Tarnung dieser Ursünde, einer Sünde und einer Verdammnis (…).“

Mit dem Lästern fortfahren
Aber Pier Paolo Pasolini suchte niemals den Skandal um des Skandals willen. Vielmehr sucht der Skandal unweigerlich ihn, denn jemand, der immer nur kompromiß- und konzessionslos seine eigene Meinung, seine eigene Auffassung vertreten wollte, muß damit unweigerlich auffallen, verstören, ärgern. Pasolinis vielbeachtetes Außenseitertum ist keine Pose, sondern die wie ein anachronistisches Martyrium (von griech. martys: Zeuge) auf sich zu nehmende Position eines ästhetischen, politischen und sexuellen Nonkonformisten; von dieser „exzentrischen“, also aus der Mitte verschobenen Position aus formuliert Pasolini seine ebenso fundamentale wie detaillierte Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Außenseiter hervorbringen. Die sich gleichsam vor seinen Augen und unter seinen Händen formierende Konsumgesellschaft stößt Pasolini ab. „Ich bin eine Kraft der Vergangenheit“, meint er einmal, doch ist er keineswegs der Nostalgiker für den manche ihn halten wollen, denn seine Liebe zum „Barbarischen“ ist niemals rückwärtsgewandt oder geschichtslos, sondern eine Option auf eine Zukunft, die mit dem Unrecht und der Häßlichkeit der Gegenwart bricht. Darum gilt Pasolinis leidenschaftliche und zärtliche Aufmerksamkeit dem Einzelnen in der Massengesellschaft, den „Lumpenproletariern“, den vernachlässigten Gegenden Roms und Italiens, den Menschen und Kulturen der sogenannten „Dritten Welt“. Nicht zufällig tragen seine Bücher Titel wie „Freibeuterschriften“, „Ketzterbriefe“ oder „Häretischer Empirismus“, denn er war ein „Dissident der Dissidenten“, einer, der es versteht, sich im Zweifelsfall bei allen unbeliebt zu machen, vor allem aber bei denen, die ihren Konformismus dadurch umso ungestörter leben zu können meinen, daß sie ihn hinter herrischem Gerede von Fortschritt und Gerechtigkeit verstecken. Pasolinis letzter Text, eine wenige Stunden vor seinem Tod verfaßte Ansprache an den Kongreß der Radikalen Partei, enthält, wenn schon nicht Pasolinis „Testament“, so doch in verdichteter Form ein von seiner ganzen Existenz beglaubigtes „Programm“: „Vergeßt unverzüglich die großen Siege und fahrt fort, unerschütterlich, hartnäckig, ewig in Opposition, zu fordern: fahrt fort, euch mit dem Andersartigen zu identifizieren, Skandal zu machen, zu lästern!“

Dieser Text erschien unter dem Titel „... che vivo di passione“ aus Anlass von Pasolinis 25. Todestag in der Volksstimme 43/2000. Dazu wurde auf die folgende Literatur verwiesen: Nico Naldini: Per Paolo Pasolini. Eine Biographie, (Wagenbach); Pier Paolo Pasolini: Wer ich bin, (Wagenbach); Otto Schweitzer: Pasolini, Reinbek 1986 (Rowohlt); Enzo Siciliano: Pasolini. Leben und Werk, Weinheim 1980 (Beltz & Gelberg).

 
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