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Schwule als Exoten PDF Drucken E-Mail

Was ist Exotismus? Ein Lexikon gibt darauf die eindrucksvolle Antwort, es handle sich um die „eurozentrische Sonderform des von Europa ausgehenden epistologischen Imperialismus, der sich vor allem auf Kulturen in Afrika, Asien und Südamerika bezieht und als Wegbereiter oder ideologische Legitimationsinstanz von politisch-ökonomischen Dominanzansprüchen fungiert. Im engeren Sinn ein zumindest oberflächlich positiv besetztes Heterostereotyp als normatives Korrektiv von Fehlentwicklungen in der zumeist europäischen Ausgangskultur, im weiteren Sinn jede imaginäre Überschreibung einer fremden Kultur. (…) Je nach dem Interesse des europäischen Beobachters konsolidieren sich die Wahrnehmungen zum Negativ-Heterostereotyp, vor dem die Herrschaftskultur ihre Überlegenheit in zivilisatorischer, moralischer, religiöser oder ökonomischer Hinsicht begründet und implizit oder explizit ein Eingreifen in die Autonomie des meist mit primitivistischer Naturnähe assoziierten fremden Kulturkreises legitimiert; historisch seltener wird die kulturelle Alterität als positives Gegenbild konstruiert, wie in Rousseaus ‘Edlem Wilden’ (…). Das ambivalente Heterostereotyp, dass dunkelhäutige Völker ein ‘spontaneres’ bzw. ‘ primitiveres’ Verhältnis zu ihrer Sexualität besitzen als die Weißen, taucht bereits in den ersten Reiseberichten des Mittelalters in diesem Zusammenhang auf. — Die Übergänge zwischen Exotismus und Xenophobie sind fließend, da sich im Exotismus angstbesetzte, aus dem kulturellen Autostereotyp verdrängte Wünsche konzentrieren, welche Begehren, aber zugleich Haßgefühle auf die fetischisierten Opfer der Projektionen als Repräsentanten des verbotenen Eigenen wecken.“1
Eine etwas schlichtere Beantwortung der Frage, was ein Exot sei, könnte die folgenden, sehr vorläufigen Kriterien nennen:
1. Der Exot kommt von außen (griech. exotikos — fremd, fremdländisch), er gehört einer fremden Kultur an.
2. Der Exot ist primitiv, entweder im Sinne völliger Unterlegenheit oder einer vorbildlichen Ursprünglichkeit.
3. Der Exot macht Differenz sichtbar, denn seine Präsenz stellt das Normale und Normative entweder in Frage oder bekräftigt es.
4. Der Körper des Exoten ist erotisch besetzt.
Werden sie so allgemein und einfach formuliert wie hier, lassen sich die vier Merkmale nun offenkundig nicht bloß auf Angehörige außereuropäischer Kulturen anwenden, sondern, gleichsam „inlands-ethnologisch“, auch auf solche Menschen, die in der öffentlichen Wahrnehmung nicht oder nicht vollständig mit den kulturellen Normen übereinstimmen, so dass sie eine grundlegende und ihre gesamte Existenz betreffende Abweichung repräsentieren. In diesem Sinne soll im folgenden argumentiert werden, dass und warum männliche Homosexuelle in der sie umgebenden heterosexuellen Kultur als Exoten fungieren. (Und wie etwas dagegen zu machen wäre.)

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Über Pasolini (2002) PDF Drucken E-Mail

Am 5. März wäre Pier Paolo Pasolini achtzig Jahr alt geworden. Also das ist doch nun wirklich noch kein Alter! Kein Grund jedenfalls, schon tot oder geistig weggetreten zu sein. Man kann sich also im Gegenteil gut vorstellen, Pasolini — heute ein kleiner, verhutzelter, aber hellwacher Greis — hätte die letzten siebenundzwanzig Jahre noch erlebt und mit seinen Einmischungen begleitet. Wie seine künstlerische Entwicklung weitergegangen wäre, was er als Maler, Lyriker, Dramatiker, Romancier und Filmregisseur noch hervorgebracht hätte, darüber zu spekulieren ist müßig. Was er als Sprach- und Literaturwissenschaftler, der er ja immer auch war, noch geleistet hätte, muß gleichfalls offen bleiben. Daß er aber als politischer Mensch und öffentliche Figur, als Journalist und Essayist weitergemacht und weiterhin allen möglichen Leuten gehörig gegen den Strich und auf die Nerven gegangen wäre, das steht wohl fest.
„Auf allen Ebenen, den kulturellen wie den persönlichen, handelte er als ein erbitterter Feind der etablierten Macht“, urteilte einer seiner Freunde, der Schriftsteller Paolo Volponi, über Pasolini. „Er handelte mit hartnäckiger Ausdauer, mit Unschuld und großer dichterischer Tugend, wenn auch zuweilen ohne sichere ideologische Basis oder eine große kritische Kraft origineller Argumente. Er spürte diese Mängel selbst und sagte zum Beispiel: ‘Ich habe keine Industrieerfahrung gemacht. Ich kenne die Welt der Industrie nicht, ich kenne mich nicht aus mit Ökonomie. Ich bin ein Marxist, der wenig Marx gelesen hat. Ich habe mehr Gramsci gelesen. Ich weiß nicht, wie es in der Fabrik zugeht, was da für Spannungen sind, ich weiß nicht, was es heißt, heute zu arbeiten. Ich ahne es. Vor Augen habe ich nur dieses große, alte, schwerfällige bürokratische Durcheinander, das in Rom herrscht. Vielleicht ist Rom nicht die beste Beobachtungsstation, wenn man unser Land verstehen will.’“
Ach was, könnte man einwenden, was soll’s. Die Fabrik ist längst nicht mehr das wichtigste Paradigma von Arbeit; je weniger man über Ökonomie gelesen hat, desto besser versteht man sie; und immer noch wird Italien von Rom aus regiert, das nach wie vor als großes, altes und schwerfällig bürokratisches Durcheinander erscheint.
Gewiß, ein paar neue Damen und Herren bevölkern den Quirinal, den Palazzo Chigi und den Palazzo Montecitorio. Die Democrazia Cristiana, der stets Pasolinis Verachtung galt und die zu seinen Lebzeiten drei Jahrzehnte lang in wechselnden Koalitionen an der Regierung war, gibt es längst nicht mehr, sie hat sich in ihre Bestandteile aufgelöst. Auch die KPI, der Pasolini auch nach seinem Ausschluß - wegen „moralischer Unwürdigkeit“ - drei Jahrzehnte lang in kritischer Solidarität verbunden blieb, gibt es nicht mehr. Wen oder was Pasolini heute wohl wählen würde?
Es ist nicht ohne Reiz, sich auszumalen, wie Pasolini den Aufstieg Berlusconis kommentiert hätte. Dieser Clown der Macht hätte ihn gewiß mehr als einmal an den Rand der Verzweiflung getrieben, denn er bestätigte alle seine Analysen und Prognosen. Berlusconi ist doch geradezu die virtuelle Inkarnation des von Pasolini beschriebenen „kulturellen Völkermordes“, der „anthropologischen Mutation“, des „hedonistischen Faschismus“, des Konformismus und Konsumismus, der Zerstörung des Einzelnen in der Massengesellschaft. Nichts an Cavaliere Berlusconi ist echt, alles ist irreal, und doch verkörpert er das, was herrscht, und das ist nichts Gutes.
Freilich, eines haben sie sogar gemeinsam, der regierende Medienzar und der Außenseiter, der vorgeschlagen hatte, das Fernsehen abzuschaffen: Beide hatten und haben viel mit Gerichten zu tun. Doch während Pasolini als Unschuldiger zum viel bestaunten und viel gelästerten Objekt einer Verfolgung mit den Mitteln der Justiz wurde, die ihn mundtot machen sollte, wird das Echo der unzähligen Prozesse gegen Berlusconi und Konsorten von einem medialen Rauschen verschluckt, das die Beschuldigten praktischerweise gleich selbst erzeugen. Während man im Namen der Mächtigen immer wieder aufs Neue versuchte, Pasolini zu skandalisieren, ist Berlusconi selbst ein kontinuierlicher Skandal, den die Mächtigen nur zu gern unter den Teppich kehren möchten.
Pasolini hätte also in der vergangenen drei Jahrzehnten kaum Anlaß gehabt, seine Kritik am „grauenhaft dreckigen Land“, seinem Land, zurückzunehmen. Er hätte sie vermutlich sogar verschärft. Aber er hätte sicherlich auch immer heftiger mit der Müdigkeit, der Verzweiflung und dem Verstummen ringen müssen, je älter er — der sich selbst eine „Kraft der Vergangenheit“ nannte — in dieser hoffnungslos schönen neuen Welt geworden wäre.
Und Genua? „… die Journalisten aus aller Welt / … lecken euch den Arsch. Ich nicht, Freunde (…) / als ihr euch gestern … geprügelt habt / mit der Polizei / habe ich mit den Polizisten sympathisiert! / Weil die Polizisten die Kinder armer Leute sind / (…) / gestern erlebten wir demnach ein Stück / Klassenkampf: und ihr, Freunde (obwohl auf der Seite der Vernunft) wart die Reichen / während die Polizisten (auf der Seite / des Unrechts) die Armen waren. Ein schöner Sieg also / den ihr da errungen habt!“ Das schrieb Pasolini 1968 der rebellierenden studentischen Jugend ins Stammbuch.
Die Zeiten haben sich geändert. Die Polizisten und Polizistinnen gelten nicht mehr vorrangig als Kinder armer Leute und die Demonstrierenden lassen sich nicht mehr einfach als Bürgersöhnchen und Bürgerinnentöchter klassifizieren. Und so oder so hätte Pasolini polizeiliche Brutalität und politische Repression überhaupt niemals gebilligt. Aber er hätte sich dennoch geweigert, denen, die via Medien gerade die „Guten“ sind, den Arsch zu küssen, sondern hätte gerade denen, die er als seine Freunde betrachtete, ihre im Vergleich zur Lage der wirklich Benachteiligten privilegierte Position und ihr heimliches Einverständnis mit den herrschendes Verhältnis vorgehalten.
Pasolini, der schon ein Gegner der Globalisierung war, bevor es diesen Begriff gab, hätte gewiß den solidarischen Zweifel der hoffnungsfrohen Unverbindlichkeit vorgezogen; und vielleicht hätte seine Sicht derjenigen Pierre Bourdieus geähnelt, der aus Anlaß des Genueser Weltwirtschaftsgipfels in einem Interview auf die Frage, ob er sich in dem Radau noch Gehör verschaffen könne, antwortete: „Ich bin sehr pessimistisch. Die Krawalle ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich. Jede Analyse geht darin unter. Die Öffentlichkeit erkennt nur noch Anarchisten, Hooligans, rote Extremisten.“
Auf den Einwand, intellektueller Widerstand allein hätte aber wohl kaum derartige Massenaktionen zu Stande gebracht, erwiderte Bourdieu: „Die Gewalttäter mit ihren organisierten Eingreiftruppen haben zumindest eine Funktion: Sie zwingen die Protagonisten des Neoliberalismus, die sich gern den Anschein der Gelassenheit, der Vernunft geben, ihre eigene Gewalt vorzuführen.“ Und als der Interviewer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ fragte, ob also doch so etwas wie eine große Protestbewegung, vielleicht gar eine neue Form des Klassenkampfes entstehe, gab Bourdieu zurück: „Es ist eher eine noch chaotische Reaktion auf den konservativen Dogmatismus, der den räuberischen Kapitalismus in neuem, scheinbar zivilisiertem Gewand wiederaufleben lassen will. Immer mehr Menschen begreifen, daß Freiheit und Laissez-faire nicht dasselbe sind. Der Neoliberalismus ist eine Eroberungswaffe, er verkündet einen ökonomischen Fatalismus, gegen den jeder Widerstand zwecklos erscheint. Er ist wie AIDS: Er greift das Abwehrsystem seiner Opfer an.“
Apropos, dessen ist der Welt leider auch verlustig gegangen: Pasolini konnte sich nie zu AIDS äußern, weil er ja bereits 1975 ermordet wurde. Dabei wären der Tod, die Homosexualität, Heterosexualität, der gesellschaftliche Umgang mit dem Körper genau seine Themen gewesen.
Überhaupt ist das ja etwas, was eng zusammen gehört: Der Schwule und der Tod. Da Homosexualität in der gegebenen Kultur etwas ist, das es gibt, was aber nicht sein soll, besteht der Kompromiß darin, den Homosexuellen, wenn seine Sichtbarkeit sich schon nicht vermeiden läßt, konsequent sterben zu lassen. Darin sind sich Hollywood und die Weltliteratur einig. Der Tod, möglichst ein gewaltsamer oder sonstwie „unnatürlicher“, ist die Sühne für die abweichende Lust.
Nicht zufällig beginnen darum fast alle Darstellungen von Pasolinis Leben, ob in schriftlicher oder filmischer Form, mit seiner Ermordung. Oft wird diese sogar als indirekter Suizid gedeutet oder doch immerhin als Folge von Pasolinis Todessehnsucht. Man stützt das dann mit diesem und jenem Zitat aus seinem Werk — als ob Pasolini sich nicht auch immer wieder und mit großer Leidenschaft über das Leben geäußert hätte und dazu, wie sehr er es liebt.
Aber der tote Pasolini ist eben allen der liebste. Die einen atmen auf, die anderen seufzen tief, alle fühlen sich befreit und bestätigt. Jetzt können sie ihre Bücher und Filme und Skulpturen über ihn machen. Jetzt redet er ihnen nicht mehr dazwischen.
Hätte Pasolini sich wirklich umbringen lassen wollen, so hätte ihm diese Idee jedenfalls ganz plötzlich in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen kommen müssen, denn in den Wochen, Tagen und Stunden davor wies nichts auf Selbstmordabsichten hin. Sein Terminkalender war voll wie immer. Mitte Oktober reiste Pasolini zur Frankfurter Buchmesse, dann zurück nach Italien, wo er mit Lehrern und Schülern diskutierte und seinem Verleger ein fertiges Buch zur Veröffentlichung übergab. Kurz darauf war er in Stockholm beim Italienischen Kulturinstitut, dann in Paris, wo er die Synchronisation seines letzten Films prüfte, dann wieder zu Hause in Rom. Am Nachmittag des 1. November gibt er ein Interview, abends geht er mit Freunden essen und verabschiedet sich dann — wie immer —, um die Nacht auf der Suche nach Lust zu verbringen. Und dann Selbstmord durch die Hand eines Strichers?
Einer der letzten Texte Pasolinis, dem doch angeblich am Leben nichts mehr lag, war ein programmatischer Redebeitrag für den Kongreß des noch zu gründenden Partito Radicale, einer linken, entfernt den deutschen Alternativen und Grünen vergleichbaren Bürgerrechtsbewegung. Das Referat, das er nicht mehr halten konnte, aber zweifellos am 4. November gern gehalten hätte, endet mit diesen Sätzen: „Ihr müßt euch selbst treu bleiben, mit anderen Worten: auch in Zukunft nicht faßbar sein, nicht einzuordnen. Vergeßt unverzüglich die großen Siege. Macht weiter, was ihr bisher gemacht habt. Besteht — unerschrocken, dickköpfig, immer in Opposition — auf dem Anderen, schreit danach, identifiziert euch damit, macht Skandal, lästert, flucht.“ Recht hat er.

Dieser Text erschien unter dem Titel „Macht weiter. Philosophie des Stattdessen: Was an Pier Paolo Pasolini unsterblich bleibt“ aus Anlass von Pasolinis 80. Geburtstag in der „Jungen Welt“ (18. 3. 2002).

 
Über Pasolini (2000) PDF Drucken E-Mail

Am 22. Oktober 1949 wird der Lehrer und Sektionssekretär der Kommunistischen Partei Italiens in San Giovanni di Casarsa, Pier Paolo Pasolini, wegen Verführung eines Minderjährigen und Unzucht in der Öffentlichkeit angezeigt. Was spätestens aus heutiger Sicht eigentlich kaum der Erwähnung wert ist ein Siebenundzwanzigjähriger wichst mit einem Sechzehnjährigen im Gebüsch, wird zum Skandal. Pasolini war damals bereits aufgrund seiner Tätigkeit als Schriftsteller, Pädagoge und Politiker eine „öffentliche Gestalt“ (Naldini); die Anzeige, der Skandal, der Prozeß und schließlich die Flucht aus dem heimatlichen Friaul in unbekannte Rom bilden einen biographischen Wendepunkt und bündeln einige Motive, die von da an mit Pasolini, ob er es will oder nicht, verbunden bleiben werden: persönliche Leidenschaft, politisches Engagement, öffentliche Erregung und nicht zuletzt: Homosexualiät.

Ein sozialer Tod
In den 40er Jahren hatte der aus dem norditalienischen Bürgertum stammende Pier Paolo Pasolini Marx und vor allem Gramsci für sich entdeckt. Seine Parteinahme für die gesellschaftlich Benachteiligten führte schließlich zum Parteieintritt. „Nach langen Zweifeln“ immerhin hatten Kommunisten seinen jüngeren Bruder Guido, einen leidenschaftlichen Antifaschisten und Kämpfer der Resistenza, in den Wirren des Jahres 1945 erschossen schrieb sich Pasolini 1947 (oder Anfang 1948, Anm.) in die KPI ein (…) viele Abende verbrachte Pasolini nun in den staubigen Vereinslokalen, viele Tage auf Demonstrationen, Delegiertenversammlungen, Hausbesetzungen, bei der Wahlpropaganda. Er war bald eine öffentliche Persönlichkeit, seine leidenschaftlichen und unorthodoxen Reden auf den Kongressen (nicht nur solchen der KPI, u.a. auch in Paris und Budapest, Anm.) verschafften ihm Anerkennung. Er schrieb für mehrere Tageszeitungen. Als Sektionssekretär erfand er so etwas wie die späteren maoistische Tatsebaos: zu jedem Thema klebte er handgeschriebene Wandzeitungen vor das Parteilokal, auf denen er in der Sprache der Bauern, aus ihrer Sicht und in ihrem Wortschatz, die Dorfleute agitierte, den Dialog mit ihnen suchte. (…) Vor allem die konservativen, katholischen Kreise sahen in dem Erfolg Pasolinis bei der Bevölkerung, bei den einfachen und armen Bauern, die er wirklich kannte, eine Gefahr. Es gab auch schon versteckte Warnungen und vage Bedrohungen durch seinen politischen Gegner. (Schweitzer) Pasolini schlägt die Warnungen in den Wind und ignoriert die sehr reale Bedrohung. Als es dann seinen Gegnern endlich gelingt, ihn bei seiner Homosexualität zu packen, verliert er mit einem Mal alles: seinen Ruf, seine Stelle als Lehrer und die Mitgliedschaft in der KPI. Unmöglich zu sagen, was davon ihn am meisten trifft.

Euer ungeachtet …
In der kommunistischen Tageszeitung „L`Unità“ wird schon eine Woche nach der Anzeige Pasolinis dessen Ausschluß bekannt gegeben, verbunden mit dem Hinweis auf „die verderblichen Einflüsse gewisser ideologischer und philosophischer Strömungen der diversen Gide, Sartre und anderer dekadenter Poeten und Literaten (…), die sich als Progressisten gebärden wollen, in Wirklichkeit aber die schändlichsten Seiten der bürgerlichen Verkommenheit auf sich vereinen“. Aber Pasolini läßt sich nicht beirren: „Ich wundere mich nicht über die teuflische Heimtücke der Christdemokraten“, schreibt er an einen seiner ehemaligen Genossen, „Ich wundere mich aber über eure Unmenschlichkeit; du weißt sehr wohl, daß es Blödsinn ist, von ideologischer Verirrung zu sprechen. Euer ungeachtet bin und bleibe ich Kommunist und zwar im echten Sinn des Wortes. Doch was sage ich da? Bis heute früh hielt mich der Gedanke aufrecht, daß ich meine Person und meine Karriere dem Glauben an ein Ideal geopfert habe; jetzt habe ich nichts mehr, worauf ich mich stützen könnte. Ein anderer an meiner Stelle würde sich umbringen; unglücklicherweise muß ich für meine Mutter weiterleben.“ Tatsächlich hat Pasolini den Kommunisten auch später seinen Hinauswurf nie vorgeworfen; Ende der 60er Jahre stellt er das Ende seiner Mitgliedschaft sogar so dar, daß er irgendwann bloß den „abgelaufenen Mitgliedsausweis nicht verlängert“ habe. Aber die Wunde saß tief. Zwar rief Pasolini bei jeder Wahl dazu auf, es ihm gleich zu tun und die KPI zu wählen, aber in einem dieser von „L`Unità“ abgedruckten Wahlaufrufe in Versen heißt es: „Ich habe mich der KPI immer mit Hingabe widersetzt und erwartete mir eine Antwort auf meine Einwendungen. Denn ich wollte ja dialektisch vorgehen! Diese Antwort ist nie gekommen: Eine brüderliche Polemik ist für eine blasphemische gehalten worden.“

„Rom ist göttlich!“
Nach dem „sozialen Tod im Friaul“ (Schweitzer) geht Pier Paolo Pasolini nach Rom. Er ist völlig mittellos und schlägt sich mit diversen Beschäftigungen durch: Er wird Privatlehrer, korrigiert Druckfahnen, arbeitet als Komparse beim Film. Daneben schreibt er: Zeitungsartikel und Gedichte. Erste Erfolge in Gestalt von Preisen stellen sich ein. Pasolini lernt zahlreiche SchriftstellerkollegInnen kennen. Und er erforscht Rom. „Rom ist göttlich“, verkündet der arbeitslose Hungerleider, denn er hat die Welt der Borgate, der Arbeitervorstädte, für sich entdeckt. „Nicht zu resignieren hieß vor allem, sexuell nicht zu resignieren. Er nimmt die Herausforderung der Großstadt an, er sucht die aggressive Freiheit der Jugend in den Armenvierteln.“ (Schweitzer) Pasolini hatte Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft studiert und war bereits durch seine Beschäftigung mit der Sprache des Friaul als Dichter und Sprachwissenschaftler bekannt geworden. Nun stürzt er sich mit dem Eifer eines sein Begehren als Antrieb nutzenden — Anthropologen auf die römischen Dialekte und Soziolekte. Die Körper, die Sprache, die sozialen Verhältnisse der jungen Männer interessieren in gleichermaßen. Aus Pasolinis freilich nie bloß persönlichen Erfahrungen gehen bald die Romane „Ragazzi di vita“ und „Una vita violenta“ hervor, die ihn berühmt machen. Und noch vieles an seinen späteren Filmen deren erster, „Accatone“, 1961 herauskommt ist eine mit den Mitteln der Ästhetik vorangetriebene bewußte Erkundung des mit allen Sinnen Erfahrenen.

Ein moralischer Antityp, ein Geächteter
Doch egal, was Pier Paolo Pasolini im letzten Vierteljahrhundert seines Lebens auch produzieren wird — er schreibt Gedichte, Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Drehbücher, er dreht Filme und er zeichnet und malt auch, und nicht zuletzt schreibt er Beiträge, manchmal sogar als Kolumnist für Zeitungen und Zeitschriften, seine öffentliche Existenz, seine Person ebenso wie sein Werk, erregt Ärgernis. Manchmal kommt es „nur“ zu heftigen Kontroversen in den Medien, nicht selten aber auch zu Verhandlungen vor Gericht: Immerhin mehr als dreißigmal wurde in nur fünfundzwanzig Jahren gegen den Schriftsteller und Filmemacher Anklage erhoben. Die Gesellschaft, in der Pasolini lebt, kann zwar die ästhetischen, ideologischen und politischen Abweichungen, die er sich zu Schulden kommen läßt, wenn schon nicht verzeihen, so doch tolerieren, seine sexuelle Abweichung jedoch provoziert immer wieder rasenden Haß. Dabei ist für Pasolini Homosexualität zunächst keineswegs etwas Erstrebenswertes: „Ich war dazu geboren, heiter, ausgeglichen und natürlich zu sein. Meine Homosexualität war überflüssig, lag außerhalb, hatte nichts mit mir zu tun. Ich habe sie immer wie einen Feind neben mir gesehen, ich habe sie nie drinnen in mir gefühlt.“Doch weil sich in dem Pasolini zugewiesenen und von ihm angenommenen Außenseitertum das Künstlerische und Politische untrennbar mit dem Homosexuellsein verschränken, kann es in seinem Fall hat der erste Skandal erst einmal stattgefunden keine reinliche Scheidung von öffentlicher Person und privatem Begehren mehr geben: „Seit zwanzig Jahren hat die italienische Presse, und an erster Stelle die schreibende Presse, dazu beigetragen, aus meiner Person einen moralischen Antityp zu machen, einen Geächteten. Es besteht kein Zweifel, daß zu dieser Ächtung seitens der öffentlichen Meinung die Homophilie beigetragenhat, die mir mein Leben lang angelastet wurde wie ein in dem von mir verkörperten Fall besonders emblematisches Schandmal: die Besiegelung einer menschlichen Verworfenheit, von der ich angeblich gezeichnet bin, und die alles, was ich bin, meine Sensibilität, meine Vorstellungskraft, meine Arbeit, die Gesamtheit meiner Gefühle, meiner Empfindungen und meiner Handlungen angeblich dazu verdammt, nichts anderes zu sein als eine Tarnung dieser Ursünde, einer Sünde und einer Verdammnis (…).“

Mit dem Lästern fortfahren
Aber Pier Paolo Pasolini suchte niemals den Skandal um des Skandals willen. Vielmehr sucht der Skandal unweigerlich ihn, denn jemand, der immer nur kompromiß- und konzessionslos seine eigene Meinung, seine eigene Auffassung vertreten wollte, muß damit unweigerlich auffallen, verstören, ärgern. Pasolinis vielbeachtetes Außenseitertum ist keine Pose, sondern die wie ein anachronistisches Martyrium (von griech. martys: Zeuge) auf sich zu nehmende Position eines ästhetischen, politischen und sexuellen Nonkonformisten; von dieser „exzentrischen“, also aus der Mitte verschobenen Position aus formuliert Pasolini seine ebenso fundamentale wie detaillierte Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Außenseiter hervorbringen. Die sich gleichsam vor seinen Augen und unter seinen Händen formierende Konsumgesellschaft stößt Pasolini ab. „Ich bin eine Kraft der Vergangenheit“, meint er einmal, doch ist er keineswegs der Nostalgiker für den manche ihn halten wollen, denn seine Liebe zum „Barbarischen“ ist niemals rückwärtsgewandt oder geschichtslos, sondern eine Option auf eine Zukunft, die mit dem Unrecht und der Häßlichkeit der Gegenwart bricht. Darum gilt Pasolinis leidenschaftliche und zärtliche Aufmerksamkeit dem Einzelnen in der Massengesellschaft, den „Lumpenproletariern“, den vernachlässigten Gegenden Roms und Italiens, den Menschen und Kulturen der sogenannten „Dritten Welt“. Nicht zufällig tragen seine Bücher Titel wie „Freibeuterschriften“, „Ketzterbriefe“ oder „Häretischer Empirismus“, denn er war ein „Dissident der Dissidenten“, einer, der es versteht, sich im Zweifelsfall bei allen unbeliebt zu machen, vor allem aber bei denen, die ihren Konformismus dadurch umso ungestörter leben zu können meinen, daß sie ihn hinter herrischem Gerede von Fortschritt und Gerechtigkeit verstecken. Pasolinis letzter Text, eine wenige Stunden vor seinem Tod verfaßte Ansprache an den Kongreß der Radikalen Partei, enthält, wenn schon nicht Pasolinis „Testament“, so doch in verdichteter Form ein von seiner ganzen Existenz beglaubigtes „Programm“: „Vergeßt unverzüglich die großen Siege und fahrt fort, unerschütterlich, hartnäckig, ewig in Opposition, zu fordern: fahrt fort, euch mit dem Andersartigen zu identifizieren, Skandal zu machen, zu lästern!“

Dieser Text erschien unter dem Titel „... che vivo di passione“ aus Anlass von Pasolinis 25. Todestag in der Volksstimme 43/2000. Dazu wurde auf die folgende Literatur verwiesen: Nico Naldini: Per Paolo Pasolini. Eine Biographie, (Wagenbach); Pier Paolo Pasolini: Wer ich bin, (Wagenbach); Otto Schweitzer: Pasolini, Reinbek 1986 (Rowohlt); Enzo Siciliano: Pasolini. Leben und Werk, Weinheim 1980 (Beltz & Gelberg).

 
Kleines christliches Manifest PDF Drucken E-Mail

Christentum muss weh tun. Nämlich den Christen und auch den Nichtchristen. Ein Christentum, das nicht weh tut, ist keines. Was nichts kostet, ist auch nichts wert, und für die Nachfolge Christi ist unbedingt das ganze Leben daranzugeben. Gelegenheits- und Teilzeitchristentum zählt einfach nicht. Der Preis ist das Ganze. Ganz oder gar nicht, das ganze Leben bis zum Tod und darüber hinaus. Wer Christ sein will, muss deswegen nicht unbedingt sterben, aber er muss dazu bereit sein. Er braucht den Tod nicht zu fürchten. Vor allem aber soll er leben, voll und ganz leben für Christus, mit Christus und in Christus. Das ist ein unerhörter Anspruch. Christentum ist nämlich keine harmlose Sache. Es ist autoritär, totalitär, revolutionär, radikal und extremistisch.
Das Christentum ist autoritär, denn was Jesus Christus sagt, gilt, jetzt und für immer. Sein Evangelium ist Richtschnur für das Denken, Reden und Handeln. Es ist unveränderlich und unfehlbar. Der Christ soll nicht mehr dies und das wollen, was ihm halt so einfällt, sondern nur noch, was Gott will. Sein ganzes Tun und Lassen soll er am Willen Gottes ausrichten und sich in allem, wirklich in allem Gott unterordnen.
Das Christentum ist totalitär, denn es betrifft alles und jeden. Es lässt keine Ausreden gelten und gestattet keine Ausnahmen. Es fordert alles und duldet keinen Widerspruch. Es gilt immer und überall, Tag und Nacht, Jahr für Jahr, lückenlos und ohne irgendeinen Freiraum. Christ ist man ganz oder gar nicht. Ein bisschen Christ sein gibt es so wenig wie ein bisschen schwanger sein.
Das Christentum ist revolutionär, denn Jesus Christus fordert zur Umkehr auf. Das heißt, dass alles anders werden muss, dass jeder Einzelne anders werden muss, nämlich frei von Sünde. Das Evangelium fordert einen neuen Menschen und erfordert darum den Tod des alten. Um Christus nachzufolgen, muss man umkehren, sich von der Sünde abwenden und Gott zuwenden. Man muss sich von den hinderlichen Bindungen an diese Welt lossagen und frei werden für das ewige Leben. Das ist die größte Umwälzung von allen.

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Theologische Skizze IV PDF Drucken E-Mail

1.
Alles könnte so schön sein. Und auch gut werden. Aber die Wahrscheinlichkeit ist eher gering. Es liegt an uns. An jedem Einzelnen und allen zusammen. Was wir tun und was wir lassen, das sind, alles in allem genommen, die Verhältnisse, in denen wir leben. Und diese Verhältnisse bestimmen mit, was wir tun und was wir lassen. Ein Teufelskreis. Denn die Verhältnisse, wer wüsste es nicht, die sind nicht gut.
Dabei wäre alles ganz einfach. Das Gute tun und das Böse lassen. Um mehr geht’s eigentlich gar nicht. Das wär’s schon. Das läge im ureigensten Interesse jedes Einzelnen und aller zusammen. Wer andere behandelt, wie er selbst von anderen behandelt werden will (Goldene Regel), macht nichts verkehrt. Den Hungernden und Dürstenden zu essen und zu trinken geben, die Nackten kleiden, die Fremden hereinlassen und unterbringen, den Einsamen, Kranken, Gefangenen beistehen. Überhaupt: Sich um die Kümmern, um die man sich kümmern kann. Mehr ist es gar nicht. Anstand. Rücksicht. Wohlwollen. Demut.
Stattdessen passiert das: Wir wollen haben, haben, haben. Dinge. Aufmerksamkeit. Macht. Lauter dummes Zeug also. Auf Kosten der anderen, unvermeidlicherweise. Das kann nicht gut gehen.
Jeder ist mehr oder minder erbärmlich. Nur sehr wenige bleiben nicht hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die meisten bei weitem. Auch ich. Daraus folgt: Du musst dein Leben ändern. Irgendwas ist grundverkehrt, also muss da was grundsätzlich anders werden.
Etwas aus sich zu machen, heißt nicht, eine Stellung in der Welt einzunehmen. Sich einzurichten im Unrecht und es sich bequem zu machen im Vergänglichen. Denn wozu? Nichts bleibt. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Auch nicht für Siegerurkunden. Erst recht nicht fürs Sparbuch. Was man Diesseits nennt, wird eines Tages nicht alles gewesen sein können, spätestens nämlich, wenn das letzte Stündlein schlägt. Wenn dann mehr nicht ist, als das, was halt so war, ist alles nicht. Wenn aber noch was kommt, geht es schon jetzt um ganz etwas anderes.
Eine Pointe der Theologie ist ja, dass das, was Gott will, dasselbe ist, wie das, was jeder selber wollte, wenn er sich durchschaute und alles überblickte. Gott will das Beste für jeden. Wer auch das Beste für jeden will und danach handelt, tut also Gottes Willen. So einfach ist das. Es könnte so schön sein. Und alles würde gut.
Von selbst aber wird das nicht passieren. Es gibt nichts Gutes, sagt Kästner, außer man tut es. Allerdings gibt es eben auch Gott, den vollkommen Guten, und weil der, wie man so sagt, allmächtig ist, wird am Ende doch wohl das geschehen sein, was er will.

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