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Bemerkungen zur männlichen Homosexualität

Nie und nirgends waren Lust und Liebe zwischen Mann und Mann unproblematisch und selbstverständlich. So selbstverständlich nämlich, daß man nicht darüber zu reden brauchte. Im Gegenteil war und ist das Problem der Rede wert oder eines nicht weniger beredten Verschweigens. Jede Kultur, jede Epoche ist auf ihre Weise bemüht, sich der Beunruhigung durch mann-männliche Erotik zu entziehen. So können brutale Repression, wie etwa die Schwulenverfolgung im „Dritten Reich, und vorsichtige Integration, wie etwa die Institutionalisierung der Päderastie als Initiations- und Erziehungsmodell im antiken Griechenland, bei aller Verschiedenheit als zwei verschiedene Strategien in demselben Konflikt betrachtet werden. Sexuelle Beziehungen zwischen Männern sollen am besten nicht sein. Wo man sie dennoch duldet, muß man sie in besonderer Weise reglementieren. Ob männerliebende Männer geleugnet, belächelt, verlacht, verhöhnt oder verfolgt und vernichtet werden, immer gilt: ihre Lust ist ein Problem. Auch und gerade die abendländische Kultur hat sich dieses Problems angenommen und es auf den Punkt gebracht: sie entdeckte die Homosexualität.

Was ist Homosexualität? Was meinen wir eigentlich, wenn wir davon sprechen? Welche Wirklichkeit soll so bezeichnet werden? Ein bestimmtes Verhalten? Eine psychische Disposition? Eine physische Konstitution? Gebrauchen wir „homosexuell“ als Begriff der Biologie, der Medizin, der Psychologie, der Soziologie, der Kriminologie, der Rechtswissenschaft, der Moraltheologie? Die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns solcher Begriffe wie Homosexualität, Heterosexualität, Bisexualität bedienen, löst sich auf, wenn wie näher hinsehen und nachfragen.

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Muss man Hubert Fichte gelesen haben? PDF Drucken E-Mail

„Ich kann mir die Freiheit, wenn ich ehrlich bin, nur als eine gigantische, weltweite Verschwulung vorstellen.“ — Versuch einer Annäherung eines Lesers an das Werk des 1986 verstorbenen Schriftstellers Hubert Fichte, der am 21. März 2010 fünfundsiebzig Jahre alt geworden wäre. [Eine Version dieses Textes erschien unter dem Titel „Muß man? Hätte er?" in Gigi Nr. 66 (März/April 2010).]

Von Stefan Broniowski

Man könnte über Hubert Fichte schreiben, wie man eben über Schriftsteller schreibt. Man könnte die Einflüsse, die Wirkungen, den literarischen Rang benennen. Man könnte Titel und Inhaltsangaben aneinanderreihen. Man könnte Erfolge und Misserfolge schildern und beklagen, dass die Texte heutzutage viel zu wenig gelesen werden. Das könnte man. Ich will es hier aber ausnahmsweise persönlich angehen. Das erlaube ich mir jetzt mal. Damit es aber nicht zu persönlich zugeht, mische ich Zitate darunter — um ein Montageverfahren kommt man ja wohl bei an einer Annäherung an Hubert Fichte und sein Werk ohnedies nicht herum.*

„Das literarische Werk Hubert Fichtes fordert dazu auf, die globale Welt nicht nur von Europa aus zu denken. (…) Bald findet sich der Leser in einem Fischerdorf in Portugal, bald auf der Djemma el Fna in Marrakesch oder in einem psychiatrischen Krankenhaus in Dakar wieder, bald in einem Cadomblé- oder Vaudou- Tempel in Salvador der Bahia oder in Port-au-Prince oder in den schwarzen Vierteln von Miami und New York. Die Reisen an die fernen Orte — viele davon in einer Zeit, als der Massentourismus noch in den Kinderschuhen steckte und meist am Mittelmeer endete — wechseln mit Reisen in die fremden Regionen des eigenen Landes, in die Palette, eine Kellerkneipe der Beatniks in Hamburg, in das Palais d’Amour auf St. Pauli und damit in das Milieu der Prostituierten, Stricher und Bordellbesitzer oder in die im Sparatcus Guide verzeichneten Klappen, Kinos und Saunen — also in die Subkultur der Schwulen und all derer, die von der Norm der Heterosexualität abweichen.“ (Peter Braun)

Als ich mit Anfang zwanzig Hubert Fichtes Texte zu lesen begann, war ihr Autor schon tot und auch die Zeit, über die und aus der er geschrieben hatte, war nicht nur chronologisch vorüber. Fichtes öffentliches Leben beginnt ja noch vor der Entkriminalisierung der männlichen Homosexualität in der BRD und endet kurz nach dem ersten Höhepunkt der AIDS-Hysterie. Soll man sagen, er habe Glück gehabt, habe die seit der Antike wohl beste Zeit in der Geschichte mitbekommen, um auf Männer zu stehen, das nach Herzenslust auszuleben und auch noch darüber zu schreiben? Das Bedrohliche, aber auch Verführerische des Verbotes noch zu erlebt zu haben, an den wilden Aufbrüchen in alle Richtungen beteiligt gewesen zu sein und dabei die Kommerzialisierung und Verspießerung noch zu bemerken: Was könnte für einen Liebenden und Schreibenden, dessen Thema und Methode die „Verschwulung“ ist, wünschenswerter sein?
Derlei aber ist Geschichte. Kann man sich einen Hubert Fichte im heutigen Mief der LBGT community überhaupt vorstellen? Hätte er, heute denkbar als rüstiger Mittsiebziger, gegen die Entpolitisierung, den Konsumismus, die unerträgliche Selbstgerechtigkeit rebelliert? Und wie? Wäre er konsequent zur Pädophilie oder zum Sex mit Tieren übergegangen? Zur Nekrophilie? Zur Asexualität?
Das sind so Fragen die ich mir heute stelle, die aber mit den ersten Lektüreerfahrungen selbstverständlich nichts zu tun haben. Die übrigens, obwohl ich seit über zwei Jahrzehnten immer wieder Texte von und über Fichte lese, von heutigen Lektüreerlebnissen so verschieden nicht sind, die sich immer noch, trotz aller Veränderungen um Einzelnen, im Großen und Ganzen um dieselben beiden Begriffe gruppieren lassen: Faszination und Befremdlichkeit.

Ich werde mit Hubert Fichtes Texten nicht fertig. Sie ziehen mich an und stoßen mich ab. Die Sekundärliteraturen verschlimmern nur das Problem. Vieles ist erklärbar, aber nur die Lektüre selbst — und was ist Schreiben als eine andere Weise des Lesens? — kommt an das Unerklärliche heran.

„Ein derartig vielgestaltiges und dynamisches Werk, das zudem auf einer komplexen Ästhetik beruht, macht es für Leser schwierig, einen Einstieg zu finden. Die Barriere ist sehr hoch. Durch die hohe Dichte der Anspielungen und Bezügen und verweisen auf andere Texte bleiben Lesen nach ihrer ersten Lektüre oftmals ratlos zurück. Auch ist in vielen Fällen ein bestimmtes Hintergrundwissen notwendig, um die literarische Gestaltung Fichtes nachvollziehen zu können. Das Vergnügen, Fichte zu lesen, wächst in dem Maße, in dem man sich als Leser in dieses Netz aus Bezügen verstricken lässt.“ (Peter Braun)

Befremdlich ist und bleibt für mich Fichtes Stil. Das Lakonische, Schmucklose, kunstvoll Ungekünstelte. Oft bietet er nur kurze, einfache Sätze, häufig nur eine Aneinanderreihung von Wörtern, manchmal bloß von Namen. Und dann das: Für eine Satz einen ganzen Absatz, manchmal sogar nur für ein einziges Wort. Was für eine Papierverschwendung!, dachte ich als  junger Leser. Anders gesetzt wäre viele Bücher Fichtes viel dünner. Und was spricht denn eigentlich so sehr gegen Adjektive und Nebensätze?
Erst kürzlich habe ich, Youtube sei Dank, zum ersten Mal Hubert Fichtes Stimme gehört, nämlich einen winzigen Ausschnitt aus dem legendären Auftritt im Hamburger „Starclub“, bei dem Fichte aus dem damals noch unveröffentlichten Roman „Die Palette“ las — ein, wie es immer heißt, geschickter Reklame-Einfall seines damaligen Lektors bei Rowohlt Fritz J. Raddatz., mit dem nicht wenig zur medialen Aufmerksamkeit und zum späteren Verkaufserfolg des Werkes beigetragen worden sei.
Fichtes Stimme also. Was hatte ich erwartet, was mir vorgestellt? Nichts eigentlich, und doch hat mich die zuweilen so unüberhörbare hamburgische Einfärbung überrascht. Hamburg war ja zeitlebens sozusagen Fichtes Heimathafen, der Ort, von dem er aufbrach und an den er von all seinen Reisen zurückkehrte.
Erklärt das also vielleicht die Lakonie? Aber einen maulfaulen Fischkopp kann man Fichte doch nun wirklich nicht nennen. Ich weiß das, ich habe einige Jahre lang (davon neun, ohne es zu ahnen, gar nicht so weit von Fichte entfernt) unter wortkargen Norddeutschen gelebt. Und auch wenn mir, dem Südosteuropäer, die heitere Eloquenz und das barocke Übermaß leiblich näher liegt, so höre ich aus Fichtes Sprechweise eben doch noch etwas anderes heraus, etwas das mir Germanisten auf dem Papier längst vorexerziert hatten, das ich aber dann doch endlich einmal hören musste, um es zu verstehen: Fichtes Texte sind Evokationen, magische Beschwörungen, Nennungen von Namen, um die Dinge und Personen anzurufen und sie so, wenn nicht dem Körper, so doch dessen Äquivalent, dem Text, einzuverleiben.

Faszinierend an Fichte finde ich, wovon er fasziniert ist: Männer, Außenseiter, Randständige, Überschreitungen, Rituale, Grenzerfahrungen, aufgeladene Orte, Fremdheit. Faszinierend ist, wie Fichte die Formen von Romanen, Reportagen, Essays, Glossen, Interviews aufgreift, neu erfindet, verwebt und ineinander übergehen lässt.

„(In den auf „Das Waisenhaus“ folgenden Romanen) wird nicht nur die offene, fragmentarische Form des Erzählens beibehalten, es finden sich auch immer häufiger reflexive Passagen, in denen Sprache und Erzählen ausdrücklich thematisiert werden. Darin verdichtet sich, dass Fichte die Sprache niemals nur als Mittel oder Instrument begreift, mit dem er eine Geschichte erzählen kann. Die Sprache ist für ihn vielmehr ein Material, mit dem er die erzählte Welt immer erst erschafft.“ (Peter Braun)

Befremdlich und unverständlich ist und bleibt für mich Fichtes Bisexualität. Kann ich mir nicht vorstellen. Bei niemandem. Sowas gibt es gar nicht. Man lebt schwul oder lässt es bleiben. Mit Frauen vögeln gilt nicht.

Faszinierend finde ich Fichtes Konzept der „Verschwulung“, das, wenn ich es recht verstanden habe, mehr oder minder mit dem der „Empfindlichkeit“ (Empfindsamkeit, Sensibilität) zusammenfällt, dem Versuch also, sich unter Einsatz der ganzen Existenz, also auch es Körpers, offen zu machen für Erfahrungen und diese auch schreibend zu verarbeiten. Fichte habe sich, so heißt es, gewünscht, mit allen Männern dieser Welt zu schlafen. Vielleicht würde ich wohl nicht gehen wollen. Aber den Anspruch fasziniert mich. Er stammt aus einer Zeit, als Schwulsein noch keine Identität unter anderen war, keine Stammeszugehörigkeit, keine Konsumvariante, kein tödlich langweiliger Konformismus.

Hubert Fichte lebte und schrieb in einer Zeit, in der man noch schwul und politisch sein konnte. Und das in Verbindung mit umfassender Bildung und radikaler Sensibilität.

Über eine Reise nach Ostberlin schreibt Fichte:
Mich haben die S-Bahn, der Übergang Friedrichstraße, der Alexanderplatz nicht beeindruckt, die Ölfelder, der Stacheldraht, die kleine Mauer.
Ich erwartete nicht anderes von der Staatsmacht.
Ich war kein politischer Mensch.
Ich hatte vom Staat nur Entrechtung erfahren.
Die Drohung mit dem KZ bis zum zehnten Lebensjahr, weil ich Halbjude war.
Die Drohung mit dem Zuchthaus, weil ich schwul war.
Staat, das konnten nur Mauern, Maschinengewehre, Stacheldraht sein.
Was mich beeindruckte in Ostberlin waren die Straßen ohne Verkehr.
Als sei ich aus dem Technischen Zeitalter Walter Höllerers mit der S-Bahn über eine Mauer in das siebzehnte Jahrhundert von Andreas Gryphius gefahren.


Hubert Fichte muss man nicht gelesen haben. Hubert Fichte muss man lesen. Den Unterschied nennt man Literatur.


* Wer sich für Hubert Fichtes durchaus bemerkenswerte Biographie interessiert, bekommt im Internet rasch unter www.hubertfichte.de und ww.prignitzlexikon.de einen ersten Eindruck. Eine der besten Einführungen in Leben und Werk ist meiner Meinung nach Peter Brauns „Eine Reise durch das Werk von Hubert Fichte“ (Frankfurt a.M. 2005); dort finden sich auch eine Werkliste und kommentierte Hinweise auf Sekundärliteratur.

 
Über Peter Rehbergs „Fag Love“ PDF Drucken E-Mail

I.

Dass „Fag Love“ von Peter Rehberg als „Roman“ bezeichnet wird, wäre eine Täuschung, nähme irgendein Leser diese Bezeichnung ernst. Aber was bedeutet ein solches Etikett denn heutzutage schon? Mag sein, dass alles, was kein Comic, Bildband oder Sachbuch (und keine „Erzählungen“) ist, als Roman firmieren muss, damit das Publikum ein Buch überhaupt als „Literatur“ einordnen kann. Und diese Bezeichnung hält ja auch einiges aus, ist traditionell für allerhand Formen offen. Aber hier liegt der Fall doch etwas anders. „Fag Love“ ist nämlich schlicht deshalb kein Roman, weil es gar keiner sein soll. Wie die Figur Sven darin ganz richtig sagt: „Die Geschichte von Felix und Anton, von Felix und Jack, nichts als Anmerkungen, Fußnoten eigentlich. Weil ihre Geschichten in Wirklichkeit schon zuvor von der Popmusik erzählt worden sind.“ Das stimmt, meine ich, und bezeichnet auch bemerkenswert treffend die Schwierigkeit, die ich mit „Fag Love“ habe: Dieses Buch ist nicht für mich geschrieben, ich gehöre nicht zur Zielgruppe, da ich nichts von Popmusik verstehe und auf diesem Ohr völlig taub bin. Ob Madonna oder Marianne und Michael, mir ist das alles gleich, und ich halte, elitärer Schnösel, der ich bin, all diese „populäre“ Musik, ohne übrigens ein Gefühl der Entbehrung zu haben, nicht im mindesten für etwas, das mich etwas angeht. Jeder hat eben so seine Beschränkungen.
Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich „Fag Love“ auch gar nicht zur Hand genommen hätte, wenn in einer Diskussion über literarische Außenseiterperspektiven nicht der Name Peter Rehbergs gefallen wäre. Ich musste passen und gestehen, dass ich von diesem Autor noch nie gehört und also nichts von gelesen hatte. Verdammt gute Literatur sei das, wurde mir beschieden. Nanu, das gibt’s doch nicht, dachte ich mir, wenn das so ist, wenn das also ein relevanter Autor ist, auf dessen Bücher man sich beziehen kann, als müsse man sie als gebildeter, literaturkundiger Schwuler gelesen haben, dann kann dir das doch nicht so völlig entgangen sein. Das gibt’s aber doch und hat auch seine Richtigkeit. Das konnte ich nicht wissen, bevor ich „Fag Love“ las, aber ich muss es in meiner instinktsicheren Ignoranz geahnt haben, und jetzt weiß ich es. Es ist einfach so, um es nochmals zu sagen: Rehberg hat nicht für mich geschrieben, ich bin für „Fag Love“ der ganz und gar falsche Leser.
Das ist ja auch völlig in Ordnung so und kann dem Autor und seinem Text nicht zum Vorwurf gemacht werden. Wäre ja noch schöner, wenn einer für alle und jeden schreiben müsste! Aber andererseits, da ich „Fag Love“ jetzt nun schon einmal gelesen und allerhand Eindrücke davon getragen habe, will ich, wie ich es gewohnt bin, das Erlebte auch reflektieren; und das kann ich, zumindest zunächst, nur, indem ich Kriterien anlege, die ich aus anderen, ganz anderen Leseerfahrungen gewonnen habe.
Wenn „Fag Love“ ein Roman wäre, wie sollte man dann das nennen, was — ach, wen erwähn ich jetzt?, warum nicht gleich: — Thomas Mann, Marcel Proust, Hans Henny Jahnn, Jean Genet, James Baldwin oder Detlev Meyer geschrieben hatten? Die Hauptfigur in „Fag Love“ erwähnt einmal Hubert Fichte, und siehe da, an den hatte ich beim Lesen auch schon denken müssen, aber bloß wegen der mich bei Fichte schon und erst recht bei Rehberg nervenden Manie, nach ein paar Wörtern immer gleich eine neue Zeile beginnen zu müssen, nach ein paar Zeilen oder auch nur einer einzigen einen neuen Absatz. („Fag Love“ hat etwas über 200 Seiten, setzte man den Text aber in herkömmlicher Manier, käme man höchstens auf ein Drittel des jetzigen Seitenumfanges.)
Wie kindisch, nicht wahr, sich über Platzverschwendung Gedanken zu machen, Papier ist doch geduldig, in Gedichtbänden ist noch mehr weißer Raum, das stört doch auch niemanden. Aber darum geht’s gar nicht. Es geht um die Frage, was eine solche Setzweise für eine Funktion hat. Ich behaupte, es geht um Pathetik, um Großtuerei, um die Geste: Schaut her, wie wichtig ist, was ich schreibe, wie großartig, wie bedeutungsvoll. Das wäre ja sogar in Ordnung, wenn das Geschriebene dem gerecht würde. Wird es aber nicht.
Der wesentliche Unterschied zwischen Fichte und Rehberg besteht meiner Meinung nach darin, dass Fichte sich für die Wirklichkeit interessiert, Rehberg nicht. Fichte will schreibend etwas herausbekommen und darstellen, was ist. Rehberg hat nichts zu erzählen (die popsongs haben ja schon alles gesagt) und reproduziert nur Erwartbares. Dabei geht es nicht um die Stoffe. Es geht fast nie um die Stoffe. Es geht um die Art und weis, wie Material in Form gebracht wird.
Man hat mir gesagt, „Fag Love“ sei ganz aus einem schwulen Blickwinkel geschrieben. Selbst wenn dem so wäre, und ich habe da meine Zweifel, worauf richtete sich denn ein solcher schwuler Blick? Doch offensichtlich auf nichts außer vielleicht sich selbst. Der Text ist völlig weltlos.
Wenn man von „Fag Love“ wenigstens sagen könnte, es sei oberflächlich! Das ist es aber nicht. Es ist schlicht hohl. Es ist ohne Substanz, was, wie ich annehme, daran liegt, dass ja mit den im Text zitierten songs alles schon gesagt sein soll. Die Literatur hat also, wenn das stimmt, bereits stattgefunden und übrig bleibt nur das Wiederabspielen musikalischer Konfektionsware. Es wäre aber ein Missverständnis, anzunehmen, diese seien dann eben der „Ausdruck“ eines Lebensgefühls. Zwar mag es zutreffen, dass die Musik den Figuren gefällt und ihren Bedürfnissen nach akustischer Untermalung ihrer Stimmungen entspricht. Aber etwas, was man nicht selbst macht, kann einen nicht in der eigenen Unverwechselbarkeit und Unvertretbarkeit ausdrücken. Was invariabel vorgefertigt zur Verfügung steht, massenhaft, ohne jeden Bezug zu etwas Persönlichem, artikuliert nicht Gefühle, Erfahrungen, Einsichten, sondern dekoriert anonyme Situationen.
Die Figuren dieses „Romans“ haben folgerichtig keine unverwechselbaren Charaktere, nur geläufige Funktionen: der beste Freund, die beste Freundin, der schöne Mann, der hässliche Mann, der seltsame Mann usw. Keine Figur ist wirklich individuell, keine hat ein bestimmte Aussehen, einen relevanten Beruf, eine Geschichte.
So schemenhaft die Figuren sind, so schablonenhaft ist auch ihr Reden. Die Hauptfigur etwa, der Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive alles (außer dem Anhang) formuliert ist, äußert immer wieder ganz simple Generalisierungen: Die Homos, die Heteros, die Amerikaner, die Deutschen usw. Nichts davon wird differenziert oder belegt. Wenn es da um Ironie gehen sollte, habe ich sie nicht erkennen können.
Viel Aufwand wird in „Fag Love“ mit Ortsnamen getrieben: New York, Berlin, Chicago, Los Angeles. Aber tatsächlich kommen ausschließlich diese Ortsnamen, nicht die damit verbundenen Städte selbst vor, denn diese werden nie beschrieben, ihre Eigenart wird nie dargestellt, nur schablonenhaft benannt. Was aber heißt es, dass New York „sexy“ und eine „schwule Stadt“, gar die schwulste der Welt ist? Was sind die Merkmale davon? Wie sieht das aus? Könnte man es auch anders sehen? Was heißt es, dass Berlin „besser, besser und besser“ wird? Im Vergleich wozu? Im Bezug worauf? Die Nachtlokale, die besucht werden (und viele andere Lokalitäten außer ihnen und ein paar Privatwohnungen gibt es im Text nicht), werden mit ihren Namen erwähnt, aber ihre Eigenart, ihre Atmosphäre wird nicht beschrieben. Alles ist austauschbar, ohne das wenigstens diese Austauschbarkeit zum Thema würde.
Wohlgemerkt, es geht mir nicht darum, dass es hinsichtlich der Orte (Städte und Bars) an Lokalkolorit fehlt, sondern darum, dass ich den Sinn nicht sehe, warum überhaupt namentlich genannte Orte vorkommen, wo doch das, was diese Ort ausmacht, nicht gezeigt wird. Der Verdacht drängt sich mir auf, dass die Ortsnamen Chiffren eines Codes sind, dessen Kenntnis sich mir entzieht.
Wenn also „Fag Love“ wirklich einen „schwulen Blick“ auf die Welt beschreibt oder verkörpert, dann richtet sich dieser „schwule Blick“, so meine ich, allenfalls auf sich selbst — ohne sich freilich erkennbar zu durchschauen. Eine Wirklichkeit außerhalb einer gewissen Gestimmtheit kommt in „Fag Love“ nicht vor. In der aus lauter Schablonen und Klischees bestehenden Hohlwelt dieses „Romans“ gibt es keine Gesellschaft, keine Politik, keine Wirtschaft, keine Künste und (fast) keine Literatur. Selbst Musik kommt in Wahrheit gar nicht vor. Von den Popsongs werden zwar deren Texte zitiert, nie wird eindrücklich beschrieben, wie die Musik dazu sich anhört.
Nun gut, Literatur muss nicht beschreiben. Sie muss nicht einmal erzählen. (Und die story von „Fag Love“ ist ja auch eher schlicht: boy meets boy, boy loses boy, boy meets other boy, boy dies.) Wenn es aber weder ums Beschreiben noch ums Erzählen geht, was will Literatur dann?
Ich sage nicht, „Fag Love“ sei schlecht gemacht. Gar nicht. Peter Rehberg setzt seine Sätze sehr bewusst, da gibt es nichts Undurchdachtes, nichts Nachlässiges, der Kunstwille ist stets spürbar — aber wozu all der Aufwand? (Wozu beispielsweise die Konstruktion, dass der Ich-Erzähler, in graphisch abgehobenen Einschüben, aus dem Sarg heraus spricht? Ein interessanter Einfall, aber was bringt er?) Was will der Text von seinen Lesern, was fordert er ihnen ab, wozu fordert er sie heraus?
Wahrscheinlich ist es müßig, an ein Buch, dass selbst nicht tiefschürfend sein will, solche Fragen zu stellen. Wahrscheinlich beschäftige ich mich schon jetzt mehr mit „Fag Love“, als der Text lohnt. Aber ich habe bemerkt, ich bin nicht der einzige, der diesen „Roman“ nicht auf die leichte Schulter nimmt.
Ein Werbetext sagt: „’Fag Love’ ist vielleicht der erste postmoderne Roman, der mit seiner verhalten experimentellen Sprache eine schwule Liebesgeschichte erzählt, eine Geschichte, die mit ihren Brüchen und Sehnsüchten eine Zustandsbeschreibung schwulen Lebensgefühls zustande bringt, die man anderswo lange suchen muss.“
Da werde ich also wohl ein anderes Buch gelesen haben! In dem „Fag Love“ jedenfalls, das mir vorliegt, ist weder irgendetwas experimentell (nicht einmal verhalten), sondern völlig konventionell und allenfalls ab und zu sprachlich und orthographisch manieriert, noch findet im mindesten irgendeine eine „Zustandsbeschreibung schwulen Lebensgefühls“ statt. Dieses Lebensgefühl — sollen es übrigen ausnahmslos alle Schwulen haben oder handelt es sich nur um ein Lebensgefühl unter mehreren zulässigen? — wäre denn das einer weltlosen, an Menschen und ihren Verhältnissen desinteressierten, nur um sich selbst und ihre kontingenten Befindlichkeiten kreisenden und in jeder Hinsicht rückhaltlosen Konsumbereitschaft. Ob das mit „postmodern“ gemeint ist? (Einer Vokabel. mit der man bekanntlich alles und nichts bezeichnen kann.)
Noch hymnischer kommt ein anderer Werbetext daher: „’Fag Love’ ist der stilistisch präzise gestaltete Ausdruck eines Lebens, das die postmoderne Popkultur vorbehaltlos bejaht und ihre Versprechungen ernst nimmt. Rehberg beschreibt nicht, sein Text liest sich, als stände Felix mit einem Bier an der Bar und erzählte seine Story. Die Einheit von Sprache und Geschichte erzeugt eine Intensität, die jeden in den Bann zieht, egal, ob man sich mit dem Helden identifiziert oder einem die Sorgen und Nöte dieser Generation bisher nur als plakative Lifestyle-Fragen erschienen sind. Ohne es zu wollen, ist „Fag Love“ damit ein klassischer Bildungsroman geworden, der auf zeitgemäße Art seine eigenen Perspektiven auf die Gegenwart entwickelt.“
Ich gestehe, ich weiß nicht, was stilistische Präzision sein soll. Ein Stil kann nüchtern oder überschwänglich, wortkarg oder bilderreich sein, aber inwiefern können dabei Nüchternheit, Überschwang, Kargheit oder Bilderreichtum „präzise“ sein? Vielleicht ist damit gemeint, dass ein und derselbe Stil durchgehalten wird, also ein stilistische Einheitlichkeit. Und in der Tat, die Prosa von „Fag Love“ scheint mir homogen und glatt. Aber ob das etwas Lobenswertes oder Bedenkliches ist, dafür brauchte es ein Kriterium, das, finde ich, nicht das der Präzision sein kann, sondern das das Verhältnis von Zwecken und Mitteln, von gelungener oder misslungener Gestaltung im Hinblick auf eine nachvollziehbare Darstellungsabsicht zu betreffen hätte. Was will der Text vom Leser, was bietet er ihm an?
„Rehberg beschreibt nicht …“ Stimmt. Aber ich habe auch noch nie in den Jahrzehnte, die ich selber an Tresen stand und Bier trank, jemanden so reden hören (oder selbst so geredet) wie die Figur Felix. Der Stil macht, wiewohl unkompliziert und leichtgewichtig, einen alles andere als spontanen und authentischen Eindruck, da redet niemand frei von der Leber weg, alles ist hochartifiziell, kontrolliert, statisch. Von wegen „in den Bann ziehende Intensität“! Eher seichtes Geplätscher. Von wegen Sorgen und Nöte oder auch nur Fragen (und wäre es solche des lifestyles)! Eher ein Mangel an Problemen und Konflikten, ein Dahintreiben ohne Ziel und Verstand.
Wenn „Fag Love“ also ein Bildungsroman ist, dann ist Zuckerwatte ein nährstoffreiches Grundnahrungsmittel. Dann ist Fahrstuhlmusik ein Höhepunkt abendländischen Kunstschaffens. Und dann ist im eigenen, reichlich dünnen Saft zu schmoren eine „Perspektive auf die Gegenwart“. Eine „vorbehaltlose Bejahung der Popkultur“ lässt sich Peter Rehbergs Text aber wohl tatsächlich zuschreiben. Es gab freilich mal Zeiten, in denen nicht Affirmation gerühmt wurde, sondern Kritik …
Nein, Literatur muss nicht kritisch sein. Sie muss nichts aufzeigen, nichts verändern wollen. Sie muss nicht weh tun, nicht überraschen, erschrecken, verblüffen. Sie muss keine Einblicke, Ausblicke, Durchblicke gewähren. Sie muss weder erzählen noch beschreiben. Und sie muss auch nicht, ich sagte es schon, für mich geschrieben sein. Aber wozu ein ein Text, der das alles nicht will, sondern im Grunde lediglich ein booklet zu einem (von anderen vorgegebenen) soundtrack sein möchte, denn dann überhaupt geschrieben, verlegt und gelesen werden soll, das müssen bitte andere mir erklären. Ich weiß es nicht.

 

II.

Mir scheint, mein Problem mit Peter Rehbergs „Fag Love“ ist im Grunde keines der Literaturkritik. Denn was diese betrifft, so bin ich ja sogar bereit zuzugeben, dass bei diesem Text Form und Inhalt perfekt zusammenpassen. Nur finde ich eben beides belanglos.
Mein eigentliches Problem ist, wie ich vermute: Ich kenne solche Leute wie (die Romanfiguren) Felix, Sven, Anton, Jack usw. nicht. Das heißt, ich kenne sie sehr wohl oder könnte sie zumindest kennen, aber ich möchte sie nicht kennen und habe es, wenn ich ihnen im wirklichen Leben begegnete, stets vorgezogen, nichts mit ihnen zu tun zu haben. Das deshalb, weil wir sowieso nichts miteinander gemein haben und weder ich für sie noch sie für mich in irgendeiner Hinsicht interessant sind.
Man mag es für überheblich halten, dass ich mit Leuten wie Felix, Sven, Anton, Jack usw. nichts zu tun haben möchte. Es könnte den Anschein haben, als hielte ich mich für besser als bestimmte Leute. Aber selbst wenn dem so wäre, geht es darum nicht. Tatsächlich handelt es sich bei meiner Abwehr vor allem um Selbstverteidigung eines Marginalisierten. Solche Leute, behaupte ich, sind für mich eine ernstzunehmende Bedrohung, denn sie sind in der Minderheit die Mehrheit. Sie beanspruchen und erhalten den Raum und die Aufmerksamkeit, den und die ich gern anders vergeben sähe. Sie bilden die konformistische Masse, die verhindert, dass die Schwulen eine revolutionäre Avantgarde sind.

Wie bitte? Meine ich das ernst? Irgendwie schon. Ich bin ja oldschool (sagt man noch so?). Mein Fehler: Ich werde darum wohl nie verstehen, was anderen anscheinend das Allerselbstverständlichste ist, dass man nämlich zugleich abweichend sein und angepasst sein wollen kann. Ich für meinen Teil will nicht, dass die Verhältnisse so sind, wie sie sind, und will mich nicht, zumindest nicht kommentarlos (um nicht zu sagen: nicht ohne Widerstand) in sie einfügen oder einfügen lassen. Ein „schwuler Blick“, mit dem auch nichts anderes und nichts anders zu sehen ist als mit einem nichtschwulen, interessiert mich darum nicht.
Andere sagen gern, sie hätten sich nicht ausgesucht, schwul zu sein. Nun denn, darauf sage ich, ich habe mir meine politischen Überzeugungen auch nicht ausgesucht, sie werden mir von den Verhältnisse aufgedrängt, ich muss schlichtweg dagegen sein. Aber offenbar liegt dem doch noch etwas voraus, nämlich der himmelschreiende Mangel an Bereitschaft, den Übeln dieser Welt zuzustimmen. Ästhetisches und Politisches, Schwulsein und Anarchismus haben für mich immer aufs Engste zusammengehört und sind für mich im Letzten sogar dasselbe. Damit stehe ich, ich weiß es nur zu gut, allein auf weiter Flur. Aber reden wir nicht von mir. Reden wir von Literatur.
Wozu liest man Belletristik? Jeder hat da seine eigenen Gründe. Man möchte, dass Texte einen informieren, unterhalten, beruhigen, aufgeilen, belehren, langweilen, bestätigen, abstoßen, verstören usw. usf. Das heißt, manches davon möchte man (in einer bestimmten Lage oder immer), manches nicht. Was ich je und je möchte, ist durchaus auch Geschmackssache, aber nicht nur. Vorlieben können, wenn sie reflektiert und kritisiert werden, sehr wohl zu objektiven Kriterien führen. Dann kann man mit anderen darüber streiten. Über bloße Geschmäcker soll man das ja nicht.
Mir scheint nun, dass „Fag Love“ ein vermutlich sehr gut gelungenes Buch ist für Leuten wie Felix, Sven, Anton, Jack usw. Die werden sich, vermute ich, darin wiederfinden. Ich jedoch will mich in Büchern nicht wiederfinden. Wenn ich ein literarisches Werk lese, will etwas erfahren, was ich ohne diese Lektüre nicht erfahren hätte. Von Leuten wie Felix, Sven, Anton, Jack usw. zum Beispiel wusste ich schon vorher mehr, als ich je wissen wollte.
Ich werde mich hüten, hier jetzt mit dem Kafka-Zitat anzukommen, ein Buch müsse eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Ich sage bloß: Ich bevorzuge Bücher, die sich zur Wirklichkeit querstellen oder mich, indem sie sich auf herausfordernde Art nicht querstellen, dazu nötigen, mein Querstehen zu überdenken.
„Fag Love“ ist durch und durch konformistisch. Was die Figuren dieses Textes denken, sagen, tun und die Art und Weise, wie dies mitgeteilt wird, steht in keinerlei Widerspruch zu den herrschenden Verhältnissen. Nein, ein Roman muss nicht zwangsläufig von Waldsterben und Welthunger handeln, um erlaubt zu sein. Im Gegenteil. Es dürfen sogar die allerbanalsten, ja scheinbar völlig unpolitische Stoffe sein, die gestaltet werden. Aber um mich nicht zu langweilen und abzustoßen, sollte ein literarischer Text doch wenigstens in irgendeiner Hinsicht ein klitzekleines bisschen wider den Stachel löcken.
„Fag Love“ ist, wenn ich das so sagen darf, ein Groschenheft auf hohem technischen Niveau. Auch von solchen Texten werden ihre Leser wohl sagen, sie seien intensiv und zögen sie in ihren Bann. Und sie werden nicht Unrecht haben, wie auch die Leser von „Fag Love“, die ihr Leseerlebnis so beschreiben, nicht Unrecht haben. Falsch aber ist es, wenn gesagt wird, schlechterdings jeder werde von der Intensität in den Bann gezogen. Mindestens einer wurde das nämlich nicht.
Da hilft es nichts, mir aufzuzeigen, wie gut gemacht der Text ist. Auch Werbespots können verdammt gut gemacht sein, aber dass ich das bemerke, heißt nicht, dass ich das beworbene Produkt auch kaufen will, was ja wohl der Zweck der Werbung sein dürfte. Im Gegenteil, je raffinierter der Werbespot zu etwas ist, das ich für überflüssig oder gar schädlich halte, umso größer ist mein Ärger, Ekel, Widerspruch. Zwar passen in solchen Fällen Form (Raffinesse) und Inhalt (Drecksprodukt) perfekt zusammen, aber ich bin trotzdem dagegen.
Da meiner Wahrnehmung nach Rehbergs Text der Substanz entbehrt, also des relevanten Stoffes, halte ich mich in erster Linie daran, was mir die Form, in der das Banale präsentiert wird, zu kommunizieren scheint. Und da finde ich die Werbetextformel von der „vorbehaltlosen Bejahung der Popkultur“ zutreffend, sie bringt für mich das, was mir in jeder Hinsicht (also ästhetisch, emotional, intellektuell) an diesem Buch zuwider ist, auf den Punkt. Die Art und Weise, in der Rehbergs Text geschrieben ist, ist ein ständiger Appell zur unkritischen Hinnahme, zur Geistlosigkeit, zu dem, was man früher mal „falsches Bewusstsein“ genannt hat. Mich spricht das nicht an. Der Aufruf verfehlt mich.
„Fag Love“ verfügt, nehme ich als Unberufener einmal an, über die Intensität eines Werbespots, einer Bildzeitungsschlagzeile oder eben eines popsongs. Und ist derlei auch noch so geschickt gemacht, bei mir verpufft der mutmaßlich beabsichtigte Effekt in der Regel trotzdem. Nach wie vor bin ich überzeugt, dass nicht jeder Text für jeden geschrieben ist. Nicht Literatur als solche „führt, wohin sie will“, sofern man für sie offen ist, nur gute Literatur schafft das. Weniger gute Literatur erzeugt — bei mir jedenfalls — bloß Widerwillen gegenüber ihren Verführungsversuchen. Dorthin nämlich, wohin mich meinem Eindruck nach „Fag Love“ führen will, will ich gar nicht. Und wollte ich nie. Ich war schon mal dort (oder zumindest nah dran), und es hat mir ganz und gar nicht gefallen.

 

III.

Während die ersten beiden Teile dieser Auseinandersetzung mit Rehbergs "Fag Love" auf eine Diskussion zurückgehen, die öffentlich geführt wurde (nämlich hier), trage ich in diesem dritten Teil das Ergebnis der nicht öffentlichen Diskussion nach, die ich mit Joachim Bartholomae, Rehbergs Verleger, über den "Roman" führte. das ist einfach, denn es gibt keines. Bartholomae beharrte darauf, man müsse einsehen, dass Rehberg ein großartige Autor sei, während ich darauf beharte, nicht über den Autor zu sprechen, sondern über den Text. Bartholomae hilt mir vor, nicht konkret genug zu werden, aber sobald ich direkt aus dem Text zitierte, kamen nichts als Ausflüchte und Witzeleien.
Ich zitierte aufs geratewohl irgendeine Stelle: "Wir liefen durch New York wie Kinder vor Weihnachten." Ich finde das nach wie vor ein gutes Beispiel für verunglückte sprachliche Gestaltung. Denn wovon ist die Rede? Wie um Himmels willen laufen denn Kinder vor Weihnachten, ob nun in New York oder anderswo? Gemeint ist vermutlich: Wir liefen durch New York in einem Gefühl der Erwartung und Vorfreude, wie es Kinder vor Weihnachten empfinden. Ob das ein gutes Bild ist, sei dahingestellt; denn der so spricht, befindet sich ja bereits in New York und erlebt die Stadt, während die Erregung der Kinder dem noch ausstehenden Fest und wohl den erhofften Geschenken gilt. Jedenfalls aber bezieht sich das "wie Kinder" usf. doch wohl nicht auf das Laufen selbst, obwohl es so dasteht, sondern auf die Empfindungen, die das Erlebnis der Stadt auslöst. Der Vergleich ("wie") hinkt also nicht bloß, er ist gar keiner. Man könnte nun die sprachlich-gedankliche Verrenkung als Poesie eigner Art nehmen: Wir liefen durch die Stadt wie Äpfel und Birnen. Aber der Rest des Textes gibt keinen Anlass zu solcher Deutung. Die zitierte Stelle ist schlicht schlecht geschrieben.
Ich bleibe dabei: Der ganze Text ist misslungen und belanglos. Dass heißt nicht, dass er nicht seine Leser (wie ja auch seine Verleger) findet, sagt dann aber mehr über Unempfindlichkeit gegenüber schlecht gemachtem Popgeschwätz aus als über literarische, welterschließende Qulaitäten. Das heißt übrigens nicht (wie es ijn der Diskussion mehrfach hingedreht wurde), dass ich Rehberg für einen schlechten Autor (gar einen schlechten Menschen) halte. Ich kenne nur diesen einen Text von ihm und nur über diesen habe ich mich geäußert.

 
Zu Bartholomaes Kleist-Thesen PDF Drucken E-Mail

Joachim Bartholomae, bekannt als Verleger, Herausgeber, Kritiker und Autor, hat im September dieses Jahres bei der Diskussionsveranstaltung „Homosexualität als Katalysator dichterischer Kreativität oder gibt es eine schwule Ästhetik? Kleist als Exempel“ (im SchwuZ, Berlin) „Acht Thesen zur Außenseiterthematik bei Kleist“ vorgetragen und diese (in Kurzfassung) dann auch unter dem Titel „Von Kleist lernen heißt verlieren lernen (zum 200. Todestag)“ samt kommentierenden und erweiternden Ergänzungen und Weblog „Schwule Literatur“ nachlesbar gemacht. Diese Acht Thesen finde ich ungemein beachtenswert, sie bringen, so scheint mir, Wichtiges auf den Punkt und in aller Kürze und Dichte verweisen sie auf wertvolle Einsichten, die mir, der ich meinem Selbstverständnis nach kein Kleist-Kenner, sondern bloß ein Kleist-Leser bin, die Eigenart der Kleistschen Texte neu aufschließen und sie mich besser verstehen lassen. Auch, um mich bei Joachim Bartholomae für diese, wie ich finde, nachgerade lehrbuchreife Leistung zu bedanken, möchte ich hier mit viel Zustimmung, ein paar Einwänden und zwei Vorbehalten zu den Acht Thesen etwas sagen.
Der erste Vorbehalt ist eigentlich nebensächlich, da ich meine, dass das, worauf er sich bezieht, für das Verständnis der Bartholomaeschen Thesen nicht wesentlich ist. Es geht bloß darum, dass ich den Ausdruck „doppelten Kontingenz“ (im Selbstkommentar im Anschluss an Luhmann auch „doppelte Komplexität“ genannt) nicht verstehe, denn er bezieht sich auf einen theoretischen Kontext, der mir mangels Interesse stets verschlossen geblieben ist. Das ist sozusagen mein Pech, aber mir scheint, man kann mit Bartholomaes Einsichten auch dann etwas anfangen, wenn man sie nicht im Luhmannschen Kontext liest.
Der zweite Vorbehalt ist grundsätzlicher und hat vielleicht doch ebenfalls nur wenig mit Bartholomaes Thesen zu tun. In den Ergänzungen verwendet Bartholomae die Wendung „homosexuelle Künstler wie Kleist“. Aber war Kleist denn überhaupt homosexuell? Die Frage betrifft die Biographik, nicht die Literaturwissenschaft (sonst widerspräche Bartholomae in gewisser Weise seiner ersten These, siehe unten). Bartholomae schreibt: „Das Outing gegenüber bornierten Kulturwissenschaftlern war eine Sache der 90er Jahre und (ist) glücklicherweise weitgehend erledigt.“ Mit anderen Worten: Kleist kann als homosexuell gelten. Mit Verlaub, ich halte mich selbst nicht für borniert, aber auch Kleist nicht für homosexuell. Und das nicht nur, weil ein Begriff, der erst lange nach Kleist aufkam und sich durchsetzte, nur anachronistisch auf die Befindlichkeit oder gar das Selbstverständnis eines Mannes um 1800 angewendet werden kann, sondern vor allem, weil ein solches Vorgehen, dass bei Männern wie Winckelmann oder Platen vielleicht gerechtfertigt werden könnte, im Falle Kleists aus meiner Sicht keinen überzeugenden Anhalt in den biographischen Quellen hat. Auch in lange nach den 90er Jahren verfassten und wohl der Homophobie eher unverdächtigen Biographien wie denen von Jens Bisky (2007) oder Gerd Schulz (2007, durchgesehene und aktualisierte Neuauflage 2011) finde ich für die Homosexualitätsthese keinen Beweis. Ich werde jedoch an dieser Stelle nicht weiter auf dieses Thema eingehen, sondern meinen Vorbehalt hier nur in die schlichte These fassen: Kleist war nicht homosexuell. (Worüber man bei anderer Gelegenheit diskutieren könnte.)
Damit nun zu den acht Kleist-Thesen Joachim Bartholomaes.

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Unter dem Titel „Systemkrise: Perfide Politisierung der Sexualität“ hat ein mir nicht weiter bekannter Larsen Kempf am 22. Juni 2010 im Weblog „www.dasgespraech.de“ einen Text veröffentlicht, den ich hier analysieren möchte, weil ich ihn gerade wegen und nicht trotz seiner gedanklich-sprachlichen Misslungenheit für lesenswert halte, wenn es darum geht, herauszubekommen, was die Rechten eigentlich gegen die Schwulen und Lesben haben (die es im Übrigen ja leider auch unter ihnen gibt). Man mag es für wohlfeil halten, einem so schlichten Textchen Satz für Satz seine Irrtümer, Missverständnisse, Vorurteile und Ressentiments vorzuhalten, aber erstens macht es Spaß und zweitens ist es doch auch lehrreich

Celebration politischer Emanzipation in der Politik
Der Anlass für Kempfs Auslassungen ist der Berliner CSD 2010, der damals gerade „celebriert“ [sic] worden sei und zwar „wie jedes Jahr in zahlreichen Städten“ von „hundert Tausende[n] für die politische Emanzipation der Homosexuellen in Gesellschaft und Politik“. Ob die Städte mit einschlägigem Umzug nun wirklich so zahlreich sind, wie Kempf meint, und ob es nun wirklich hundert Tausende waren (oder Hunderttausende?; mit der Rechtschreibung hapert’s bei diesem rechten Schreiber ein wenig), die dort „für“ etwas „celebrierten“, kann man dahingestellt sein lassen; im Prinzip gibt Kempf das Anliegen der Christopher-Street-Day-Paraden nicht falsch wieder: Emanzipation der Homosexuellen. Ob aber nun politisch in Gesellschaft und Politik oder gesellschaftlich in Politik und Gesellschaft — wer will da rechten?
Kempf, von dem man nicht erfährt, ob er eigentlich unter den hundert Tausenden von Paradierenden oder unter den tausenden Hunderten von Zuschauern zu verorten ist (oder, was wahrscheinlicher ist, die Veranstaltungen nur vom Hörensagen kennt), gibt dem Veranstaltungsmotto „Normal ist anders“ Recht, wirft einen „Blick auf die Skurrilitäten der vertretenden Zerrbilder homosexuell Emanzipierter“ und durchschaut unversehens: „Weder geht es dabei um die heutige Selbstverständlichkeit, homosexuell zu leben, noch um eine bloße ‘große und wilde Party’, wie sie der langjährigen Love-Parade unterstellt werden konnte. Stattdessen ist jeder CSD ein zutiefst politischer Akt.“
Das öffentliche Eintreten für politische Emanzipation in der Politik ist also, und noch dazu „zutiefst“, ein politischer Akt und nicht bloß ein Spaß-Event — wer hätte das gedacht! Wie anders da die Liebesparade, der man anscheinend eine Party unterstellen konnte, ohne dass sich irgendeine Parteilichkeit hätte einstellen müssen. (Von einer langjährigen love parade habe ich freilich zuvor noch nie etwas gehört, meines Wissens dauerte derlei höchstens einen Tag.)
Nach der Einsicht in den politischen Charakter einer politischen Demonstration folgt nun in Kempfs Ausführungen nach der etwas vorgestrig klingenden Zwischenüberschrift „Überlebenswille einer Gesellschaft“ („Nation“ traut er sich anscheinend nicht zu sagen) etwas unvermittelt der Satz: „Aus konservativer Perspektive wäre zu fragen, ob die Veranstaltungen der CSDs ein Signum des zerfallenden Abendlandes darstellen.“ Heb dir mal keinen Bruch, Jungchen, würde man da spontan ausrufen wollen, wenn sich mit jemandem wie Kempf nicht alle Vertraulichkeiten von selbst verböten. Signum? Abendland? Geht’s noch?

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