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„Wie jeder andere auch“ (CSD 1998) PDF Drucken E-Mail

Zu Wiener Regenbogen-Parade 1998

Sie marschierten wieder. Mit einer Woche Verspätung, denn der „Christopher Street Day” wäre ja eigentlich am Wochenende zuvor zu begehen gewesen. Aber wer so mutig für gleiche Rechte eintritt wie die Regenbogen-MarschiererInnen, der darf schon mal die Konkurrenz des Donauinselfestes fürchten. Zumal man sich ja an so ziemlich dasselbe Publikum richtet: die Schaulustigen und die Selbstdarsteller.
Zum dritten Mal also wählte man auch in Wien die aus Amerika importierte Demo-Form der „Parade”, um am aus Amerika importierten Gedenktag des „Stonewall Riot” die aus Amerika importierte Forderung nach „Equality” zu erheben (auch wenn man sinnigerweise ein U einfügte, auf daß man sich hierzulande ein Scheiberl von der EU-Qualität abschneide).
Nichts gegen Importe aus Amerika, aber die unkritische Übernahme von Formen und Inhalten verweist weniger auf die Universalität der Anliegen als vielmehr auf die Beschränktheit der VeranstalterInnen. Selbst wenn man nämlich der Regenbogen-Parade den guten Willen nicht abspricht, etwas an der verkorksten sexualpolitischen Situation in diesem Land ändern zu wollen, so bleibt es doch dabei, daß nicht nur die Ausdrucksformen dürftig und die formulierten Ziele unzureichend sind, sondern daß von vornherein die gesamte Antidiskriminierungs- und Menschenrechtspolitik auf falschen Voraussetzungen beruht.

Diskriminiert wird nicht
Zunächst einmal: In Österreich werden Homosexuelle vom Gesetz gar nicht diskriminiert. Auch wenn die Berufshomosexuellen und ihre Nachbeter in den Medien das behaupten. Für Homosexuelle gelten hierzulande genau dieselben Schutzaltersbestimmungen wie für Heterosexuelle. Und sogar heiraten können Schwule und Lesben.
Allerdings: Männer können keine Männer heiraten und Frauen keine Frauen. Nicht sexuelle Orientierung ist also das Kriterium, sondern die Geschlechtszugehörigkeit. Haarspalterei? Keineswegs. Durch diese Lücke in der Argumentation brächte man in Wirklichkeit ein ganzes trojanisches Pferd subversiver Lebensformenpolitik, und wahrscheinlich klafft da sogar ein Abgrund, der politische Welten trennt.
Es macht eben einen gewaltigen Unterschied, ob man im Namen einer nach dem Modell „Volksgruppenzugehörigkeit” („ethnicity“) konzipierten Minderheit eine angebliche „Gleichberechtigung” fordert, die tatsächlich nie etwas anderes meint als Integration in die ansonsten unverändert fortbestehenden Verhältnisse. Oder ob man gesamtgesellschaftlich denkt und gerade diese bestehenden Verhältnisse grundsätzlich verändern will — auch zum Nutzen der Schwulen und Lesben.

Wir Steuerzahler
Den VeranstalterInnen der Regenbogen-Parade freilich wäre dieser Unterschied wahrscheinlich selbst dann gleichgültig, wenn sie ihn verstehen würden. In einer Aussendung schreiben sie: „Manche sind …sexuell, andere wieder …- oder …sexuell — und allen macht’s Spaß. Das wirft die Frage auf, weshalb der …sexuelle Teil der Gesellschaft mit uns, der …sexuellen Minderheit zwar den Spaß, nicht aber auch die Rechte teilen will? (…) Wir sind ein Teil des Ganzen und wollen auch genauso fair behandelt werden — oder zahlen wir etwa keine Steuern, Pensionen, und arbeiten wir nicht genauso hart wie jeder andere auch?”
Ganz realistisch wird hier schon nicht mehr Integration gefordert — die ist ja längst vollzogen —, sondern deren Ausbau und Vervollkommnung. Es gilt eine neue, regenbogenfarbene Stammtisch-Logik: Wer Steuern zahlt, muß auch heiraten und Sex mit Unterachtzehnjährigen haben dürfen, egal ob homo oder hetero. Nicht was die Formen der Selbstdartstellung betrifft („Bunt und laut soll’s werden“), sondern bezüglich der Entpolitisierung ist das Spektakel am Ring also durchaus repräsentativ.
Die meisten Lesben und Schwulen in diesem Lande sind nämlich in der Tat genauso brave Staats- und SpießbürgerInnen „wie jeder andere auch”. Sie wollen in Ruhe gelassen werden, nicht die Welt verbessern. Die Schutzaltersbestimmung ist den meisten Schwulen völlig egal, denn die wenigsten stehen auf Jungs unter 18. Auch der Heiratswunsch ist keineswegs so verbreitet, wie die FunktionärInnen von HOSI & Co. glauben machen möchten. Und vermutlich ist nicht einmal der Anteil der FPÖ- und ÖVP-WählerInnen unter den Schwulen und Lesben wesentlich geringer als beim Rest der Bevölkerung.

Verhinderungspolitik
Apropos ÖVP. Daß die Paradierer überhaupt noch Nachbesserungsforderungen in puncto Integration erheben können, liegt nicht unwesentlich an dieser Österreichischen Verhinderer-Partei. Die Schwarzen gefallen sich in der Rolle des parlamentarischen Bremsklotzes, wohl weil sie zu recht vermuten, daß sie sich in diesem zurüchgebliebenen Land nur durch besondere Unbeweglichkeit als Konservative profilieren können. Also wundert es nicht, daß die ÖVP auch die hintertreibende Kraft bei der Beseitigung des Strafrechtsparagraphen 209 ist.
Dahinter steckt allerdings ebensowenig ein klares Konzept wie bei den anderen Verhinderungen (Waffengesetz, Promillegrenze, Handy am Steuer usf.). Denn so wenig die Verhinderer ernstlich für Amokläufer und volltrunkene Autofahrer eintreten können, so wenig verfügen sie auch nur über das klitzekleinste Argument gegen die Gleichbehandlung homo- und heterosexueller Aktivität. Man täte Khol und Konsorten zuviel der Ehre an, wenn man ihnen unterstellt, sie hätten grundsätzliche ideologische Bedenken. Denn dann dürfte es ja auch keine schwulen ÖVP-Politiker geben. Eher geht es um diffuse Stimmungen und die Rücksichtnahme darauf, daß Österreich den im EU-Vergleich zweitgrößten Anteil nichtstädtischer Bevölkerung hat. Das prägt.

Andere Prägungen
Prägend ist selbstverständlich auch der Einfluß der römisch-katholischen Kirche, aber man sollte ihn auch nicht überschätzen. Die vielbeschworene Sexualfeindschaft des Katholizismus existiert so nicht. Wie wäre es sonst zu erklären, daß so durch und durch katholische Nationen wie Spanien oder Polen die Ungleichbehandlung beim „Schutzalter” bereits 1822 (!) bzw. 1932 abschafften? Sollte bei den Erben der Christlichsozialen also Rücksicht auf klerikale Denkschemata im Spiel sein, dann handelt es sich dabei nicht um ein katholisches Phänomen, sondern um ein österreichisches.
Wenn man außerdem bedenkt, daß auch die Sozialdemokraten, die doch einst sogar über die absolute parlamentarische Mehrheit verfügten, sich bezüglich gesetzlicher Un-Gleichbehandlung homosexueller Betätigung nicht mit Ruhm bekleckert haben, dann wird klar, daß die Verhinderungspolitik der ÖVP bloß Symptom, nicht Ursache ist. Österreich ist sexualpolitisch einfach zurückgeblieben. Und daran könnte selbst ein Comig-out Jörg Haiders nichts ändern.
Die wirkliche Diskriminierung findet gar nicht auf der Ebene der Paragraphen statt. Sie läßt sich daher dort auch nicht beseitigen. Schon deswegen führen Apelle an „die PolitikerInnen” zu nichts. Die sogenannte Diskriminierung beginnt und endet im sogenanten Alltag, der von heterosexueller Hegemonie geprägt ist. Ohne so altbackene Konzepte wie Kritik an Zwangsheterosexualität und Patriarchat — wer erinnert sich noch? — wird man freilich diesen Verhältnissen weder theoretisch noch praktisch beikommen.

Aufstand der KleinbürgerInnen
Je bunter und lauter die Regenbogen-Parade sein möchte, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, daß die „…sexuellen”, um deren Rechte es angeblich geht, eine auf neoliberale und heterosexualitätskompatible Stromlinienform gebrachte Clique sind. Man mache die Probe aufs Exempel und füge anstelle der ach-so-unverllemmten drei Punkte die Vorsilbe „pädo” ein — und man wird merken, wie rasch Toleranz und Solidarität ein Ende haben. Als schriller Paradiesvogel oder seriöser AIDS-Aktivist kann man in Öffentlichkeit punkten. Als „Kinderschänder” nicht, und auch nicht, beispielsweise, als Arbeitsloser, weil der ja (siehe oben) nicht „genauso hart” arbeitet „wie jeder andere auch”. Was also da am Ring beansprucht, für die Schwulen und Lesben zu sprechen, spricht in Wirklichkeit nur für sich: für die Berufshomosexuellen und den homosexuellen Mainstream. CSD ‘98: Aufstand der KleinbürgerInnen, die genug davon haben, daß ihnen ihr bißchen sexuelle Abweichung die Karriere vermasselt.
Selbstverständlich gibt es aber unter den TeilnehmerInnen auch solche, die sich zum Spektakel ihre eigenen Gedanken machen. Die Gegenstimmen werden zahlreicher und irgendwann vielleicht vom Geschwafel der Publikumslieblinge nicht mehr zu übertönen sein. „Abseits der bunten Verrücktheit muß ein Weg zurück zu mehr politischem Bewußtsein gefunden werden”, schrieb etwa Thomas Fröhlich kurz vor der Parade im schwulen Teil der Rosa-Lila-Tip-Zeitung „Die V.” Dieser „Weg zurück” ist wahrscheinlich der einzige Weg nach vorn.


FALLBEISPIEL
Ein „Homocaust” findet nicht statt

Welche Sumpfblüten eine panisch auf Antidiskriminierung ausgerichtete „Politik” treiben kann, belegt eine Presse-Aussendung der HOSI Wien. Darin wird deren Obmann, Christian Högl, bezüglich der „Nichtanerkennung von in Dänemark, Schweden oder den Niederlanden legal geschlossenen Eingetragenen Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare durch Österreich”mit den Worten zitiert: „Wenn sich solche Paare in Österreich niederlassen wollen, fallen sie hier in den Status von Fremden zurück. Daß muß ihnen ungefähr dasselbe Gefühl geben, das jüdisch und nicht-jüdisch gemischte Ehepaare vor rund 60 Jahren in Österreich haben mußten, als deren Partnerschaften über Nacht ungültig und illegal wurden.”
Bevor man sich im Diskriminierungsrausch zum rosa Winkel auch noch den gelben Stern ansteckt, sollte man sich vielleicht doch besser informieren. Keineswegs wurden die sogenannten „Mischehen” 1935 bzw. 1938 durch den NS-Staat aufgelöst. Im Gegenteil war das Fortbestehen ihrer Ehe mit einem „Arier” oder einer „Arierin” für viele „NichtarierInnen” eine Überlebenschance und oft ihre Rettung. Und daß ihre Gefühle angesichts von Entrechtung, Entwürdigung, Folter und Mord denn doch etwas anders gelagert waren als die der armen Hascherln, deren zivilrechtlicher Vertrag (von „Ehe” kann in Wirklichkeit keine Rede sein) in Österreich nicht anerkannt wird, braucht wohl kaum argumentiert zu werden.
Wer ein juristisches Spezialproblem allen Ernstes zum Vorboten faschistischer Repression, sozusagen zum „Homocaust”, hochstilisiert, wer fremdes Leid für die eigenen, sehr beschränkten Zwecke vereinnahmt, treibt nicht „Menschenrechts”-Politik, sondern macht sich bestenfalls lächerlich. Es ist nun einmal so: Die „eingetragene Partnerschaft” ist kein Menschenrecht. Die Nichterfüllung des (früher hätte man zu sagen gewagt: spießbürgerlichen) Wunsches nach einem Trauschein als Menschrenrechtsverletzung auszugeben, und so mit Folter, Kinderarbeit, Hunger, Krieg usf. gleichzusetzen, ist infam. Aber für die HOSI offensichtlich ganz normal.

Beide Texte erschienen in: Volksstimme 28 / 9. Juli 1998, S. 5.

 
Trauermarsch der Paradiesvögel (CSD 1997) PDF Drucken E-Mail

Zur Wiener Regenbogenparade 1997

Vermutlich macht es einfach Spaß, bunt und laut die Ringstraße hinunterzuzockeln, von Polizisten beschützt, von Touristen begafft. Und gegen ein solch harmloses Vergnügen ist ja auch nichts einzuwenden — meinetwegen könnte es jeden Monat oder jede Woche stattfinden. Ärgerlich wird’s nur, wenn der Spaß als Politik ausgegeben wird.
Waren politische Demonstrationen üblicherweise immer Ausdruck von etwas (Empörung, Klassenbewußtsein) und Eintreten für etwas (höhere Löhne, gesellschaftliche Veränderung), so etablierten spätestens die Neunziger Jahre etwas Neues: die Demo als amüsanter Selbstzweck, als lustvolle Selbstdarstellung, deren politischer Gehalt mit dem nicht einmal mehr zynisch gemeinten Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ hinreichend erfaßt ist.

Hingehen, zuschauen, Spaß haben
Aber eine Regenbogenparade ist keine Free Party oder Love Parade. Als geniere man sich des ansonsten konstitutiven Hedonismus oder erinnere sich gar daran, daß es früher mal eine echte Homosexuellen-Bewegung gab, erklären die Veranstalter und deren Sympathisanten die Ringstraßenprozession kurzerhand zum politischen Ereignis.
Im Szene-Fachblatt „connect“ (Juni/Juli ‘97) schreibt Hans Specht: „Niemals sonst ist es derart einfach, den gemeinsamen Zielen aller gleichgeschlechtlich L(i)ebenden, Trans-X-Menschen und FreundInnen näher zu kommen. Hingehen, zuschauen, Spaß haben. (…) Bei jedem Wetter. Mehr ist für den einzelnen nicht zu tun.
Na prima. Dabeisein, konsumieren und sich amüsieren als politische Aktivität. Vielleicht freilich darf man dem einzelnen doch zumuten, sich wenigstens über den Sinn und Zweck seiner Anwesenheit, die Absicht der Veranstaltung Gedanken zu machen?
Was sind diese ominösen „gemeinsamen Ziele“, von denen Specht spricht? Sind sie mit „hingehen, zuschauen, Spaß haben“ schon vollständig aufgezählt — oder ist da noch was? Man darf spekulieren.
„Der Weg zur Gleichstellung führt über den Ring“, hieß es sinnigerweise. Gewiß war darin wieder einmal die Forderung nach der Homo-Ehe („Trau-Ring“) verklausuliert. Darüber hinaus freilich werden mit dem Motto zwei grundlegende Themen angesprochen: Integration („Gleichstellung“) und Öffentlichkeit („Ring“).

(Un-)Sichtbare Zuschauer
Wenn, wie es gerade im Umfeld der Regenbogenparade immer wieder geschieht, von „Sichtbarkeit“ als Forderung und Ziel die Rede ist, dann stellen sich wie von Selbst zwei Verständnisfragen: Wer oder was soll sichtbar werden? Und: Für wen?
Wer sich sichtbar macht, ist augenscheinlich leicht festzustellen. Aber was wird sichtbar gemacht — außer einer Behauptung („Wir sind so“)?
Der Sichtbarkeits-Diskurs unterstellt eine mehr oder minder identifizierbare Sache namens „Homosexualität“ und leitet daraus eine positive Identität der Homosexuellen ab, noch dazu eine gemeinsame, die also frauenliebenden Frauen ebenso zukommt wie männerliebenden Männern.
Worin aber besteht diese Identität? Ist die Unterstellung ihrer essentiellen Existenz nicht bloß ein soziokulturelles Konstrukt, das bestimmte Erfahrungen und Verhaltensweisen normiert und damit als einheitliche, aber besondere entsorgt — statt ein Problem daraus zu machen, das alle angeht? Mit der Sichtbarkeit ist es im übrigen so eine Sache. Gesehen werden zu können, das heißt ja nicht bloß, daß man sich endlich so zeigt, wie man glaubt, daß man ist. Es heißt auch. erkannt, durchschaut, eingeordnet, überwacht werden zu können. Sichtbarkeit ist nicht nur die Voraussetzung öffentlichen Auftretens, sondern auch öffentlicher Kontrolle. Die Macht des Blickes gestaltet das Bild.
Als in den Siebziger Jahren der Slogan „Macht euer Schwulsein öffentlich!“ kursierte, geschah dies unter dem Einfluß der feministischen Erkenntnis, daß das Private politisch sei. Keineswegs war damit beabsichtigt, Politik durch Selbstdarstellung zu ersetzen. Vielmehr sollte die Öffentlichkeit mit ihrem Verdrängten konfrontiert und so eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse erzwungen werden. Sichtbarkeit heißt letztlich Integration. Man zeigt sich (zum Beispiel bei der Regenbogenparade) genau so, wie die Heteros sich die Homos vorstellen: schrill, bunt, lustig. Also harmlos. Das als Forderung maskierte betteln um Integration beruht auf der naiven Überzeugung, bei der Zurückweisung der Homosexuellen durch die bürgerliche Gesellschaft handle es sich um ein Mißverständnis. „Seht her“, rufen die Integrationisten, „wir sind ganz normale Bürger!“ Der integrationswillige Schwule beansprucht als Steuerzahler und Konsument nichts weiter als das, was er für sein gutes Recht hält. Er will auch de jure sein, was er de facto ist: ein Spießer.

Zur Not als Exot
Daß „Integration“ nichts anders bedeutet als Eingliederung in unveränderte — und daher unverändert schlechte — gesellschaftliche Verhältnisse, ist dem Beitrittswilligen egal. Nur zu gern ist er bereit, das Bestehende zu begehren, wenn er dafür darin aufgenommen wird und sein Plätzchen zugewiesen erhält. Zur Not auch als Exot.
Die eigene, oft beschworene Andersheit steht übrigens einem solchen Aufnahmebegehren nicht im Wege. Statt Motiv und Instrument gesellschaftlicher Veränderung zu sein, wird sie zum Vehikel der Integration. Denn wer dazugehören will, muß sowieso anders sein, die anderen sind ja auch alle anders. Der demokratische Pluralismus der Konsumgesellschaft will keine eintönige Uniformität, er fordert und fördert vielmehr konformistische Buntheit.
Wenn ein Schwuler mal gerade nicht Modeschöpfer oder wenigstens Friseur ist, dann ist er doch immer noch als Trendsetter zu gebrauchen. Schließlich hat alle Welt immer schon gewußt, daß unsere homophilen Mitbürger ganz besonders kreativ und sensibel und so weiter sind. So wurden denn in den letzten beiden Jahrzehnten aus den im Verborgenen ihr Unwesen treibenden Dunkelmännern fröhlich flatternde Paradiesvögel. Die Hochglanz-Schwulen dienen einer aufs Spektakuläre fixierten Medienwelt als Avantgarde des Konsumismus.
Kein Mode-Thema (Körperschmuck, Klamotten, Ecstasy, Tekkno, Neo-Sex …), das nicht Monate oder gar Jahre vor seinem Auftauchen in den Frauen-, Jugend- und Zeitgeistzeitschriften schon längst durch die einschlägige Szene gewandert wäre.
Aus dem schwulen Archipel als freier Zone anti-normaler Lebensgestaltung wurde eine Club-Med-Variante der Insel der schwulen Glückseligkeit. Das mediale Interesse formt sich einen Homo-Körper nach dem eigenen Geschmack: jung, dynamisch, fröhlich, oberflächlich und (wenigstens äußerlich) gesund. Und so entstehen neue Normen, gleichsam Metastasen der spießbürgerlichen Normalität.
Wer dem Bild nicht entspricht, fällt aus dem Rahmen. Doch auch ihm kann geholfen werden, sofern er bereit ist, sich als Angehöriger einer Minderheit in der Minderheit identifizieren zu lassen: schwule Väter, schwule Katholiken, schwule Rollstuhlfahrer, schwule Senioren … Nicht zu vergessen: schwule „Menschen mit HIV und AIDS“. Kein Marktsegment bleibt ohne Anteil an der Heilsbotschaft: Du gehörst dazu.

Trauring, aber wahr
Zum Glück fehlt dann nur noch eines: der Trauschein, der’s amtlich macht. Die Ehe und die aus ihr hervorgehende Familie (siehe „Adoptionsrecht für Schwule und Lesben“) sind ja bekanntlich die Keimzellen unseres schönen Gemeinwesens. Und wer wollte da nicht gerne mitkeimen, statt steril und einsam abseits zu stehen.
Heiraten muß schön sein, meinen manche derer, denen die Gesetzeslage dieses Groschenheftglück verwehrt: Brautschleier, Zylinderhut, geworfene Reis und weinende Schwiegeroma … Was zählt es da, daß selbst im katholischen Österreich jede dritte ehe geschieden wird.
Statt neue Beziehungsformen zu leben und deren rechtliche Ausgestaltung zu diskutieren (was nichts Homo-Spezifisches wäre), setzen die ungetreuen Erben der ehemaligen Homosexuellenbewegung voll auf das zudem medienwirksame Thema „Homo-Ehe“. Das ist die Schwundform des Politischen.
Einst wurde, von Feministinnen und schwulen Aktivisten gleichermaßen, die Ehe als menschenunwürdige Zwangsinstitution denunziert. Ihr Verschwinden galt als selbstverständlicher Effekt eines gesamtgesellschaftlichen Emanzipationsprozesses. Ohne Einschränkungen durch Klasse, Rasse, Alter, Geschlecht oder sexuelle Orientierung sollten die befreiten Subjekte zu einem selbstbestimmten Umgang mit Körpern und Lüsten finden.
Aus der Traum. Was heute Sache ist, bestimmen Fragen des Versicherungs- und Mietrechts. Lebensgemeinschaften, auch gleichgeschlechtliche, sind Wirtschaftseinheiten. Daher wird es zur „Homo-Ehe“ (respektive zu „registrierten Partnerschaften“) nicht aufgrund idealistisch-moralisierender Gleichstellungsforderungen kommen, sondern allenfalls aufgrund der Gesetze des Marktes.

Andersrum ist nicht anders
Während von Talkshow zu Talkshow die frohe Kunde geht, daß „die“ schließlich auch nicht anders als „wir“ sind, ist den Schwulen irgendwie das Politische abhanden gekommen. Vielleicht haben die intensiven Vorbereitungen zu Life Ball, Regenbogenparade und anderen Mega-Events die Utopiefähigkeit einfach absorbiert. Einmal mit Heide Schmidt in den „Seitenblicken“ und schon sind alle Ambitionen befriedigt.
Wer unter dem Banner des „Regenbogens“ marschiert, braucht nicht mehr Farbe zu bekennen. Eines freilich fehlt in diesem Spektrum: das Schwarz der Verneinung. Wenigstens die (Denk-)Möglichkeiten sollte man sich bewahren, nicht nur „Hurra, wir kommen!“ zu schreien, sondern auch mal: „Mit uns nicht, meine Herren!“
Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen kann durchaus mit dem Anspruch auf mehr mediale Präsenz verbunden werden. Ein programmatisches Armutszeugnis ist es allerdings, wenn man das System der öffentlichen Meinungen für nichts anderes zu kritisieren weiß, als daß man nicht oft genug darin vorkommt.
Keine Angst, die Schwulen gehören längst dazu. Gerade das aber mag einige wenige bedrücken. Je umfangreicher und lückenloser die soziale Akzeptanz ist, die den ehemaligen Außenseitern entgegenschlägt, desto nachhaltiger unterwirft sich der schwule Mikrokosmos den Gesetzen des heterosexuellen Makrokosmos. Gefragt ist nicht echte und daher möglicherweise widerständige Individualität, sondern freudige Annahme vorgeformter Identitäten. Am Ende sind dann wirklich alle gleich: erkennbar, einordenbar, berechenbar, kontrollierbar, verfügbar.

Erschienen in: Volksstimme 29 / 17. Juli 1997, S. 10.

 
Geratende Verfahren, verfahrende Geräte PDF Drucken E-Mail

Zu Begriffen von Technik und ihren Folgen

von Stefan Broniowski


Wissenschaft und Technologie fallen nicht vom Himmel.
Sie wurden von Menschen wie unsereinem gemacht.
Wenn Wissenschaft und Technologie nicht für uns tun,
was wir wünschen, haben wir das Recht und die Verantwortung,
dies zu ändern. Dazu benötigen wir eine klare Vorstellung,
was wir von Wissenschaft und Technik wollen und den Mut,
aufzustehen und etwas dafür zu tun.
Mike Cooley

 

Was ich hier in diesem Beitrag versuchen möchte, ist zunächst, zwei von einander zu unterscheidende und auf einander zu beziehende Begriffe von Technik zu erörtern, nämlich die schon im Titel angedeuteten Begriffe von Technik als Verfahren und Technik als Gerät. Verfahren nenne ich dabei jede Handlungsweise, bei der etwas mit etwas getan wird, bei der also beispielsweise Geräte erfunden, hergestellt, in Umlauf gesetzt oder schlicht benützt werden, während ich Gerät als Oberbegriff für Werkzeuge, Apparate und Maschinen aller Art verwende. Ich werde des Weiteren versuchen, darzulegen, dass das Verständnis von Technik als Verfahren, also als menschlich Praxis, als primär gelten darf, und dass das Verständnis von Technik als Gerät, also als Ding, dem nachgeordnet ist. Anders gesagt, meiner Auffassung nach ist der Gebrauch von etwas eben diesem Etwas, also dem Mittel des Gebrauchs, vorgängig. Daraus folgt, wie ich dann darlegen möchte, dass die für die modernen Gesellschaften üblicherweise diagnostizierte Technisierung, ja Herrschaft des Technischen nicht etwa auf irgendeine dämonische Eigendynamik der Dinge zurückgeht, sondern von Menschen gemacht wird, dass es also nach wie vor nicht die technischen Geräte selbst, sondern deren so und so gestalteter Gebrauch ist, der die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt.
Noch kürzer gesagt: Ich werde versuchen, ausgehend vom Unterschied von Technik als Verfahren und Technik als Gerät einen Primat der Praxis zu behaupten und daraus, nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit Gegenbehauptungen, politische Folgerungen zu ziehen. — So weit also mein Programm. [1]

1. Zwei Begriffe von Technik
Beginnen möchte ich mit der Frage: Was ist Technik? Keine Angst, ich werde hier nicht in der klassischen Manier vieler Philosophen erst eine selbstgebastelte Definition präsentieren, diese dann durch immer kompliziertere Immunisierungsstrategien gegen jeden mir einfallenden Einwand absichern und sie so nach und nach zu einem umständlichen, unhandlichen und unübersichtlichen Gebilde aufblasen, bis diese meine Technikdefinition schließlich streng genommen nur noch auf meinen eigenen Text anwendbar und darum mit jeder anderen Redeweise unvereinbar geworden ist — wodurch sie sich dann zwar ganz wunderbar dazu eignet, den vermeintlich falschen Sprachgebrauch aller anderen zu „kritisieren“, zugleich aber dem gern zitierten Witzwort Heinrich Heines gerecht wird, Philosophie sei der Missbrauch einer Terminologie, die zu diesem Zwecke erfunden wurde.
Wie gesagt, ein solches Verfahren ist, wie man der technikphilosophischen Literatur entnehmen kann, durchaus üblich, ich will hier aber einmal anders an die Frage, was Technik ist, herangehen. Dabei halte ich mich gleichsam an die bekannte Wittgensteinsche These, dass die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache sei, und greife nebenbei eine Überlegung von Armin Grunwald und Yannick Julliard auf, wonach Technik das ist, was gemeint wird, wenn über Technik geredet wird.
Was also sagt man denn, wenn man über Technik redet? Man spricht dann beispielsweise von Tontechnik, Pyrotechnik, Nanotechnik, Mnemotechnik, Kompositionstechnik, Haustechnik, Gentechnik, Erzähltechnik, Elektrotechnik, Bühnentechnik, Atemtechnik, Antriebstechnik, man nennt Schreiben und Lesen Kulturtechniken, man rühmt die Wunder Technik, man sagt einem Unternehmen nach, in ihm komme die neueste Spitzentechnik zum Einsatz, man spricht von Technikfreaks und Technikfeindlichkeit, man ersetzt veraltete Techniken und führt hochentwickelte ein, man unterhält Fachhochschulen für Technik und besucht Technik-Museen, man erörtert die neuesten Techniktrends, man übt Technikkritik, man stellt Fragen an Technikexperten, man zahlt in die Technikerkrankenkasse ein, man rät Sportlern, ihre Technik zu trainieren, man kritisiert an einem Pianisten, seine Technik sei zwar einwandfrei, aber sein Spiel seelenlos, oder umgekehrt, man stellt erfreut fest, dass ein Virtuose das, was er an Technik vermissen lasse, durch Ausdruckskraft wieder wettmache. Man sagt Sätze wie: „Ich habe da meiner eigene Technik.“ Oder: „Die Technik macht heute mal wieder Probleme.“ Oder schlicht: „Scheißtechnik!“
Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren, ohne je Vollständigkeit erreichen zu können. Schon in dieser mehr oder minder zufälligen Auswahl aber zeichnen sich meinem Eindruck nach zwei Bedeutungsschwerpunkte ab, um die herum sich die verschiedenen Verwendungen des Wortes Technik gruppieren. Zum einen meint man mit Technik etwas, was man tut: Maltechnik, Entspannungstechnik, Arbeit im gentechnischen Labor usw. Zum anderen meint man mit Technik etwas, was man hat: Heiztechnik, Kommunikationstechnik, technischer Defekt usw. Technik erscheint also mitunter als Tätigkeit, mitunter als Gegenstand von Tätigkeiten. [2]
Dieser Unterscheidung von Technik als Tun und Technik als Ding kommen die von mir zu Rate gezogene Wörterbücher, die den Sprachgebrauch zu systematisieren versuchen, meiner Meinung nach auch mehr oder minder entgegen. Wenn ich deren Systematisierungsversuche [3] meinerseits zu systematisieren versuche, bleibt es aus meiner Sicht dabei: Mit Technik ist einerseits gemeint: Verfahren, Vorgangsweise, Handhabung, Methode usw., wozu allerdings auch das Wissen gehört, wie bestimmte Tätigkeiten auszuüben sind sowie die Einübung in diese Tätigkeiten, bis eine bestimmte Routine oder Kunstfertigkeit erreicht ist. Andererseits ist Technik ein Synonym für die bei technischen Tätigkeiten zum Einsatz kommenden Werkzeuge, Apparate, Maschinen sowie für deren spezifisches Funktionieren. — Kurzum und zum wiederholten Male: Es gibt Technik als Tun und Technik als Ding. Oder wie ich nun einmal gerne sage: Technik als Verfahren und Technik als Gerät. [4]

2. Primat der Praxis (I): Vorfinden und Verwenden
Die Unterscheidung von Technik als Verfahren und Technik als Gerät wird im Reden über Technik üblicherweise leider nur selten so sorgfältig getroffen, wie ich es für die Zwecke dieses Vortrages gerne hätte. Das haben auch die Zitate aus den Wörterbüchern gezeigt. Dort drohen mitunter Mittel und Methoden, Fertigkeiten und Ausrüstungsgegenstände, Wirkungsweisen und Vorgangsweisen munter durcheinanderzupurzeln. Ein solches Wirrwar aber ist philosophisch höchst ungehörig. Darum ist mit geradezu ontologischer Strenge darauf zu bestehen, dass die die Art und Weise, wie man etwas tut, nicht dasselbe ist wie das, womit man es tut. Handlungen und Dinge, technische Verfahren und technische Geräte sind unbedingt zu unterscheiden.
Nun ist freilich gar nicht zu bestreiten, dass die Wahl der Mittel eine Verfahrensweise bedingen und bestimmen kann. Es ist ein Unterschied, ob man Fische mit bloßen Händen fängt oder mit einem Speer oder mit einer Angelrute oder mit einer Stange Dynamit. Das jeweils zum Einsatz kommende Mittel affiziert und modifiziert das Verfahren, in dem es zum Einsatz kommt, ja es charakterisiert das Verfahren geradezu. Allerdings werden Vorgangsweisen von ihren Mitteln eben nur mitbestimmt, nicht völlig determiniert, denn mindestens ebenso wesentlich sind die Zwecke, auf die das Vorgehen gerichtet ist. Es sind in der Regel sogar primär die Zwecke, die die Wahl der Mittel bestimmen, während umgekehrt der Umstand, welche Mittel zur Verfügung stehen, zwar über die Erfüllbarkeit von Zwecken bestimmt, nicht aber über diese selbst.
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich den Begriff des Zweckes möglichst weit gefasst wissen möchte. Zweck gilt mir ganz allgemein als das, was mit einer Handlung, sei es dem Handelnden bewusst oder nicht, erreicht werden soll. Bezogen auf Technik meint das nun eben gerade nicht nur das, was oft vordergründig als technischer Zweck verstanden wird. Ein Automobil ist eben nicht nur Verkehrsmittel, es zu besitzen und zu verwenden hat außer dem Zweck der Fortbewegung für gewöhnlich unter anderem auch noch die Zwecke der Wunscherfüllung, des sozialen Statusgewinns, der Geldanlage usw. Das Funktionieren ein Automobils ist also auch nicht auf das rein Technische beschränkt, und selbst ein Auto, mit dem man nicht mehr fahren kann, kann immer noch Zwecke erfüllen, eben indem sein bloßer Besitz die Erfüllung eines Jugendtraums, ein Ausdruck von Wohlhabendheit oder eine finanztechnische Investion ist.
So viel vorläufig zu den Zwecken, nun zurück zu den Dingen. Unstrittig ist wohl, dass Dinge stets so und so beschaffen sind und dass ihre Beschaffenheit die Möglichkeiten des Umgangs mit ihnen bestimmt. Es zeichnet die wirklichen Dinge nun einmal aus, dass sie dem menschlichen Wollen und Wünschen nicht einfach willfahren, sondern ihm Widerstand entgegenzusetzen im Stande sind. Dinge begegnen dem Menschen gemeinhin erst, indem er etwas tut. Wobei Tun hier so weit gefasst werden soll, dass es Wahrnehmen und Vorstellen ebenso einbegreift wie Reden und sonstiges in die Wirklichkeit eingreifendes Handeln. Ein Ding, das weder Gegenstand des Wahrnehmens, noch des Vorstellens, noch eines sonstigen Handelns ist, ist gar kein Ding, sondern sozusagen ein Unding. Zumindest lässt sich darüber nichts Sinnvolles sagen. Denn sobald man etwas darüber sagt, ist es ja Gegenstand der Rede, also des Sprachhandelns.
Dinge sind Gegenstände von Handlungen, doch als solche nur bedingt verfügbar. Es ist wie gesagt ihre jeweilige Beschaffenheit, die die Möglichkeiten des an ihnen und mit ihnen Handelns bestimmt. Auch als Mittel von Handlungen sind Dinge aber nicht einfach durch diese Handlungen für immer auf bestimmte Verwendungen festgelegt. Man kann mit den Händen, mit einem Speer, sogar mit einer Angelrute und besonders mit einer Stange Dynamit auch ganz andere Sachen machen, als damit Fische zu töten. Eine Angelrute ist zwar durchaus darauf angelegt, mit ihr zu Angeln. Der beabsichtigte Gebrauch beeinflusst ihre Beschaffenheit, indem sie daraufhin so und so hergestellt wurde. Andererseits kann ich mir eine Angel auch bloß deshalb zulegen, weil ich damit mein Wohnzimmer dekorieren möchte, ohne je damit auch nur einen einzigen Fisch zu fangen.
Ganz allgemein bestimmt wie gesagt die Beschaffenheit von Mitteln ihre Tauglichkeit oder Untauglichkeit für die Zwecke dieses oder jenes Gebrauchs. Man kann vielleicht mit einem Löffel einen Nagel in die Wand schlagen, aber schwerlich mit einem Hammer seine Suppe auslöffeln. Die Tauglichkeit oder Untauglickeit eines Löffels im Hinblick auf bestimmte Zwecke ist demnach eine andere als die eines Hammers. Jedoch legt die jeweilige Beschaffenheit eines Dings, das als Mittel eines Handlung eingesetzt wird oder werden könnte, sozusagen nur gewisse Grenzen fest, es schreibt hingegen die Handlung selbst nicht vor, nötigt sie dem Handelnden nicht auf. Ich kann mit einem Löffel Suppe essen, ich kann mich aber auch damit an der Nase kratzen, allerdings kann ich damit vermutlich kein Stück Braten aufspießen. Das kann ich mit einer Gabel, mit der ich mich andererseits ebenfalls an der Nase kratzen kann, während ich damit wohl kaum meine Suppe vom Teller in den Mund bekomme.
Um es noch einmal deutlich und ganz allgemein zu sagen: Dinge bestimmen die Möglichkeit des Handelns an und mit ihnen, ihre jeweilige Beschaffenheit entscheidet über ihre Tauglichkeit für die Erfüllung von Zwecken, aber sie schreiben weder das Handeln selbst noch die Zwecke von Handlungen vor. Warum ich diese meine Aufassung so betone, wird an anderer Stelle noch deutlich werden.
Für mich ergibt sich aus der relativen Unabhängigkeit des Handelns von seinen Mitteln ein Primat der Praxis. Das Handeln ergreift die so und so beschaffenen Dinge und setzt sie für seine Zwecke ein, wobei sie sich als taugliche oder untaugliche Mittel erweisen können. Zu Mitteln werden sie aber erst durch das Handeln. Dass sie taugliche oder untaugliche Mittel, dass sie Gegenstände von Handlungen sein können, macht sie in gewisser Weise überhaupt erst zu Dingen. Denn Dinge, mit denen man nicht im weitesten Sinne irgendetwas tut, kommen überhaupt nicht vor. Darum wohl hieß im Altgriechischen das Handeln he praxis oder to pragma und das Ding ebenfalls to pragma. Die Dinge, ta pragmata, das ist eben einfach das, womit man es in der Praxis, im Handeln zu tun hat.

3. Primat der Praxis (II): Vorstellen und Herstellen
Der von mir postulierte Primat der Praxis bezieht sich nicht nur darauf, dass die Mittel zwar den Gebrauch, der von ihnen gemacht wird oder werden kann, beeinflussen, aber nicht festlegen, während es umgekehrt Handlungen und deren Zwecke sind, die darüber bestimmen, was überhaupt als taugliches oder untaugliches Mittel in Frage kommt. Der Vorrang des Handelns vor den im Zusammenhang des Handelns vorkommenden Dingen zeigt sich meiner Meinung nach auch daran, dass es Dinge gibt, die nicht bloß vorgefunden und dann zu Gegenständen von Handlungen gemacht werden, sondern auch solche, die es so, wie es sie gibt, überhaupt erst deshalb gibt, weil sie zu bestimmten Zwecken erfunden und hergestellt werden.
Um das anschaulich zu machen, möchte ich ein wenig über die Erfindung des Werkzeuggebrauchs spekulieren. Was die frühen Menschen mit Ästen und anderen Pflanzenteilen gemacht haben mögen, kann dabei völlig offen bleiben, zumal sich naturgemäß von derartig vergänglichen Materialien keine Spuren erhalten haben. Aber steinerne Zeugnisse frühmenschlichen Werkzeuggebrauchs gibt es bekanntlich zuhauf. Wie also könnte man sich die Anfänge vorstellen? Vielleicht fiel irgendwann irgendwo ein Stein mehr oder minder zufällig auf eine Nuss, knackte so deren Schale und machte das essbare Innere zugänglich. Irgendein kluges Köpfchen beobachte das Ereignis und ersetzte das zufällige Fallen des Steines durch ein absichtliches. Siehe da, der Werkzeuggebrauch ward geboren! Selbstverständlich konnte das Verfahren noch verfeinert werden: Statt den Stein einfach über der Nuss fallen zu lassen, konnte man ihn auch in die Hand nehmen und auf die Nuss einschlagen, bis die Schale brach. Zudem konnte man geeignetere von ungeeignetere Steinen unterscheiden und die passenden auswählen. Und dann, dies war der entscheidende Schritt in der Werkzeugherstellung, konnte man zunächst eher wenig geeignete Steine durch Bearbeitung mit anderen Steinen zu nahezu perfekten Nussknackersteinen ummodeln.
Warum nun erzähle ich diese bloß spekulative, aber wohl durchaus plausible Geschichte? Weil sie hoffentlich verdeutlicht, dass dem Gebrauch eines Werkzeuges die Vorstellung vom Gebrauch vorausgeht, ja dass es die durch Beobachtung und Erfahrung geschulte Vorstellung ist, die die Beschaffenheit von Werkzeugen bestimmt, sei es durch Auswahl, sei es durch Herstellung, und dass es eben nicht einfach ein so und so beschaffenes Werkzeug ist, dass seinen Gebrauch unter allen Umständen festlegt.
Nun findet zwar gewiss ein in einer konkreten soziokulturellen Situation befindlicher Mensch bestimmte Werkzeuge bereits vor und muss sie nicht erst erfinden. Allerdings muss er erst durch Erfahrung oder Schulung lernen, wie sie zu gebrauchen sind. Die Werkzeuge selbst bringen ihm ihren möglichen Gebrauch nicht bei und schreiben ihn ihm auch nicht vor. Auf der Grundlage der beim Werkzeuggebrauch gewonnen Erfahrung schließlich kann der Mensch beschließen, dass er von den vorhandenen Werkzeugen anderen, besseren Gebrauch machen oder neue, bessere Werkzeuge entwickeln möchte.
Dass es der Gebrauch oder die Absicht eines Gebrauchs ist, wodurch ein Ding zum Gebrauchsgegenstand, ja unter Umständen überhaupt erst hergestellt wird, bedeutet nun freilich nicht eine freie Verfügbarkeit des Handelns über die Dinge. Wie ich bereits sagte, setzen die Dinge dem menschlichen Verfügungswillen Widerstand entgegen. Dieser Widerstand macht sie als wirkliche Gegenstände überhaupt erst fassbar. Gerade ihre je besondere Gegenständlichkeit bedingt ja aber andererseits auch ihre jeweilige Nützlichkeit, also ihre Tauglichket oder Untauglichkeit für bestimmte Zwecke. Was man mit Dingen machen kann oder nicht machen kann, zeigt sich nun nicht bloß immer erst in der Erfahrung, sondern wird auf Grund von Erfahrung auch oft in der Vorstellung schon vorweggenommen. Solche Vorstellungen können richtig oder falsch, angemessen oder unangemessen, realistisch oder unrealistisch sein. Sie sind jedenfalls eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass es in einer bestimmten soziokulturellen Situation überhaupt zu einem spezifischen Gebrauch von Dingen kommt und dass der Gebrauch sich wandelt und neue Formen annimmt.
Was meine ich damit? Meiner Meinung nach zeigt sich der Primat der Praxis, also der Vorrang des Handelns vor den Dingen, auch daran, dass es ein Handeln mit und an Dingen gibt, das diese verwendet, als wären sie Gebrauchsgegenstände, obwohl sie keine sind, zumindest nicht Gegenstände jenes Gebrauchs, der mit ihnen nachgeahmt und auf diese Weise eingeübt wird. Solches Tun-als-ob, solch nachahmender Dinggebrauch findet beispielsweise immer dann statt, wenn Kinder mit Spielzeug spielen. Ein Spielzeugtelephon ist kein richtiges Telephon, man kann damit nicht telephonieren, aber man kann damit so tun, als ob man telephoniert. Was man übrigens auch mit einer Banane kann, aber so ein richtig tolles Spielzeugtelephon, das vielleicht auch noch blinken und Klingeltöne von sich geben kann, simuliert den Telephongebrauch der Erwachsenen selbstverständlich viel überzeugender.
Als Spielzeug ist ein Ding ein wirkliches Ding. Sein Zweck ist es, Vergnügen zu bereiten und gegebenenfalls auch lehrreich zu sein. Wer es so gebraucht, gebraucht es wirklich. Zugleich aber übt er sich damit in den Gebrauch ganz anderer Dinge ein. Dass dies möglich ist, verweist auf die Bedeutung des menschlichen Vorstellungsvermögens, der menschlichen Einbildungskraft für den Umgang mit Dingen in der Welt.
Stets kann sich der Mensch nämlich viel mehr vorstellen, als ihm die wirkliche Beschaffenheit der ihm zur Verfügung stehenden Dinge zu tun erlaubt. Er kann sich etwas ausmalen, er kann so tun als ob, er kann Neues entwerfen. Die Wirklichkeit muss dem nicht immer folgen. Aber ohne die Phantasie, in die sie eingebettet ist, gäbe es auch keine Technik.
Dafür ließen sich viele Beispiele anführen. Eines, das vielleicht besonders relevant ist, weil es die Weltsicht im Ganzen betrifft, ist die Weltraum-fahrt. Lange bevor es technisch möglich war, unbemannte oder gar bemannte Flugkörper in den Weltraum zu bringen, hat sich die menschliche Vorstellungskraft dieses Themas schon bemächtigt, hat sich Flüge ins All und zu mehr oder minder fernen Himmelskörpern ausführlich vorgestellt — und noch immer hinkt die technische Realisierung hier der Phantasie weit hinterher. Denn während von der Astronomie der erste Exoplanet erst 1992 sicher nachgewiesen werden konnte, empfängt die Menschheit bekanntlich in Literatur und Film schon seit vielen Jahrzehnten Besucher aus fernsten Galaxien oder stattet selbst solche Besuche in Gegenden ab, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Ein anderes Beispiel, dessen Relevanz im Rahmen einer Günther Anders gewidmeten Veranstaltung wohl nicht weiter erläutert werden muss, ist die Atombombe. Die tatsächliche Empirie bezüglich der Wirkung von Nuklearwaffen ist sehr gering. Außer bei einigen Tests sind Atombomben bisher nur zweimal zum Einsatz gekommen. Dadurch starben Hunderttausende Menschen oder leiden bis heute an den Folgen. So schrecklich das ist, die Folgen eines regelrechten Atomkrieges wären noch viel ungeheurer. Allerdings hat ein solcher bisher nicht stattgefunden. Ohne jemals erlebt zu haben, was der wirkliche Einsatz des weltweiten nuklearen Arsenals bedeuten müsste — zumal ein solches Erlebnis schwer zu überleben wäre —, kann man es sich doch gleichwohl mehr oder minder gut und mehr oder minder genau vorstellen. Wissenschaftliche Prognosen, mehr aber noch die in Literatur und Film gebotenen einschlägigen Phantasien tragen ihren Teil dazu bei. Kurz gesagt, von der Atombombe wurde als Waffe nur in Hiroshima und Nagasaki Gebrauch gemacht, aber weit über diesen Gebrauch hinaus ist vorstellbar, welche ungeheure Zerstörung durch Nuklearwaffen möglich ist. Gerade dieses Vorstellenkönnen ist ja der Grund, warum seit 1945 sich so viele Menschen gegen Atomrüstung engagiert haben und noch engagieren. Menschen können sich, im Guten wie im Schlechten, immer weit mehr vorstellen, als sie auch verwirklichen können. Nur deshalb aber, weil sie es sich vorstellen können, können sie überhaupt irgendetwas zweckhaft verwirklichen.

3. Moderne Technik
Bisher war in meinen Ausführungen viel von Dingen und Tätigkeiten, von Verfahren und Geräten, von Werkzeugen und ihrem Gebrauch die Rede, aber nur wenig von Technik und noch überhaupt nicht von dem, was für gewöhnlich der eigentliche Gegenstand der Technikphilosophie im Allgemeinen und der Technikkritik im Besonderen ist: von der modernen Technik.
Moderne Technik ist, darüber lässt sich wohl rasch Einverständnis herstellen, solche Technik, die auf den modernen Naturwissenschaften beruht. Das heißt, dass eine naturwissenschaftliche Weltsicht, ein naturwissenschaftliches Wirklichkeitsverständnis übernommen und als selbstverständlich vorausgesetzt wird und dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse praktisch angewandt werden. Was das im Einzelnen bedeutet und welche Folgen es für den Menschen, sein Verhältnis zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Welt hat, das ist von so vielen schon so oft und so vielfältig erörtert worden, dass ich mich hier kurzfassen darf. So viel sei aber immerhin gesagt:
Für die modernen Naturwissenschaften besteht die Welt aus Dingen und den Verhältnissen von Dingen zueinander. Diese Verhältnisse und damit die Dinge selbst sind mehr oder minder erkennbaren Gesetzmäßigkeiten unterworfen, und eben diese Gesetzmäßigkeiten sind es, die die Naturwissenschaften erforschen. Die moderne Technik macht sich naturwissenschaftliche Erkenntnisse insofern zu nutze, als sie die möglichst wirksame Einwirkung von Dingen auf Dinge erstrebt gemäß den vorausgesetzten Gesetzmäßigkeiten.
Für den Zusammenhang von Technik als Verfahren und Technik als Gerät bedeutet das, dass in der modernen Technik Verfahren die Tendenz haben, zu Vorgängen zu werden. Das Bestreben geht dahin, Technik von den Subjekten abzulösen und den Objekten anzunähern. Technische Verfahren geraten zu Geräten, sie verdinglichen sich, materialisieren sich sozusagen. Sie werden immer zahlreicher, immer spezialisierter, immer komplexer, immer unübersichtlicher. Zugleich werden die Geräte selbst immer mehr zu verfahrenden, das heißt, sie nehmen Verfahrensabläufe in sich auf, bedingen sie und werden sogar oft selbsttätig.
Durch diese zunehmende Automatisierung wird der Mensch, der bisher als Herr der Verfahren gelten konnte, zum bloßen Bediener von Maschinen, in der doppelten Bedeutung von Bedienung: Zum einen bedient er sich weiterhin der Geräte für seine Zwecke, zum anderen bedient er sie, wie es ihm die jeweiligen Bedienungsvorschriften auferlegen. Die Normierung von Verfahren ist in der Beschaffenheit der Geräte verdinglicht, deren fachgerechte Verwendung damit einer gleichsam materialisierten Norm unterliegt. Je spezialisierter eine Maschine, desto eingeschränkter sind die Möglichkeiten ihres Einsatzes, desto wirksamer aber kann sie auch sein. Und möglichst hohe und möglichst rasche Wirksamkeit ist das Kriterium des Dinggebrauchs in der modernen Technik.
Dabei wird Wirksamkeit immer weniger menschlicher Tätigkeit als vielmehr der Leistungsfähigkeit von Geräten zugeschrieben und zugetraut. Erscheint der Mensch im naturwissenschaftlichen Weltbild ohnehin bloß noch als Ding unter Dingen, so bekräftigt die moderne Technik diese Sicht in der Praxis, indem sie dem Menschen nicht nur Dinge zur Verfügung stellt, sondern ihn dazu einlädt, sich selbst, seine Mitmenschen und alles ihm in seiner Welt begegnende wie mehr oder minder steuerbare Dinge zu behandeln.

5. Zur Frage der Eigendynamik der modernen Technik
Verfahren geraten zu Vorgängen, Geräte verfahren wie Handelnde: Das ist die Situation, in der sich der moderne Mensch wiederfindet. Er erlebt sich als eingebunden in ein System von Geräten, die einerseits hoch spezialisiert sind und deren Funktionsweisen sich allenfalls noch Fachleuten erschließen, die andererseits durchaus auf einander bezogen sind und einen mehr oder minder geschlossenen Wirkungskreis abstecken. Geräte nehmen dem Menschen Arbeiten ab, die er ohne sie entweder gar nicht oder nicht so wirksam oder nicht so schnell verrichten könnte. Der moderne Mensch verlässt sich auf seine Geräte und weiß und fühlt sich ohne sie verlassen. Dass immer irgendetwas gerade nicht funktioniert, ist man zwar gewohnt, dass aber nichts mehr funktioniert, dass alle Geräte der modernen Technik gleichzeitig ausfielen, wäre der ultimative Störfall, der nicht mehr zu beheben wäre und der unter den Bedingungen der nahezu allgegenwärtigen Technisiertheit nur als Katastrophe gedacht werden kann, als völliger Zusammenbruch von Handlungsfähigkeit und völliges Aussetzen von Sinn. Der moderne Mensch ist abhängig von der modernen Technik, nicht nur in praktischer Hinsicht, sondern nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Sinnstiftung, die von ihrem Besitz und ihrem Einsatz auszugehen scheint.
Günther Anders schreibt: „Was uns prägt und entprägt, was uns formt und entformt, sind (…) die Geräte selbst: die nicht nur Mittel möglicher Verwendung sind, sondern durch ihre festliegende Struktur und Funktion ihre Verwendung bereits festlegen und damit auch den Stil unserer Beschäftigung und unseres Lebens, kurz: uns.“ [5]
Dieses Wir, also die Menschen unter den Bedingungen der technischen Moderne, wird von Anders als entmündigt und entmächtig gedacht, geradezu seines Statusses als handelndes Subjekt beraubt, überwältigt von der objektiven Übermacht einer dinghaft gedacht Technik, denn, so Anders: „(…) jedes Gerät trägt eine bestimmte Anweisung und einen bestimmten Anspruch in sich. Und auf Grund seines festliegenden Behandlungs- und Verwendungsanspruchs hindert es uns daran, es unsererseits auf unsere Art anzusprechen. — In anderen Worten: Wir sind der Möglichkeit beraubt, auf sie [gemeint wohl sind die Geräte, St.B.] individuell zu reagieren oder sie individuell zu verwenden (…) Und derartiges zu versuchen, wäre blanker Unsinn. (…) Was von den Einzelgeräten gilt, die es ja genau genommen nicht mehr gibt, trifft natürlich erst recht auf die uns umgebende Gerätewelt als ganze zu. Da sie uns aufs bestimmteste in Anspruch nimmt, und zwar uns alle auf nahezu identische Weise, sind wir der Fähigkeit beraubt, sie so oder so anzusprechen — kurz: die Gerätewelt schaltet uns diktatorischer, unwiderstehlicher und unentrinnbarer gleich, als es der Terror oder die dem Terror untergeschobene Weltanschauung eines Diktators jemals tun könnte, jemals hat tun können. Hitlers und Stalins erübrigen sich heute.“ (ebd., S. 508)
Spätestens hier muss ich in mehrfacher Hinsicht Einspruch erheben. Die moderne Technik ist weder unentrinnbar, noch unwiderstehlich noch auf eine Weise diktatorisch, die sinnvoll mit den Schreckensherrschaften des Nationalsozialismus oder Bolschewismus verglichen werden könnte. — Im Übrigen gab es auch gegen die Diktaturen der Hitlers und Stalins mehr oder minder wirksamen Widerstand.
Anders irrt. Es stimmt einfach nicht, dass die Geräte der modernen Technik zu Handelnden geworden wären, oder auch nur, dass sie denen, die sich ihrer bedienen, die Art und Weise der Bedienung unbedingt zwingend vorschrieben. Selbstverständlich hat auch ein modernes technisches Gerät eine spezifische Beschaffenheit, die über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten seiner Verwendung entscheidet. Das war freilich schon bei Geräten der vormodernen Technik nicht anders, man denke nur an das von mir vorhin erwähnte Beispiel von Löffel, Hammer und Gabel. Nun mag es für die moderne Technik charakteristisch sein, dass ihre Geräte einerseits hochspezialisiert sind und daher spezielle Bedienungsweisen erfordern, andererseits sind jedoch mit diesen Bedienungsweisen die Zwecke des Bedienens nicht mit vorgegeben, sondern im Rahmen des technisch Möglichen völlig offen — was übrigens auch für vernetzte oder zu Systemen zusammengeschlossene Geräte gilt.
Hiezu ein beliebiges Beispiel. Man kann mit einem Automobil zwar gewöhnlich nicht durch die Luft fliegen, sondern nur auf der Straße fahren, aber welche der befahrbaren Straßen man fährt, wird durch das Automobil selbst nicht festgelegt. Zudem haben auch unter den Bedingungen der automobiliserten Gesellschaft nicht alle Menschen ein Auto. Und diejenigen, die eines haben, verwenden es nicht alle auf dieselbe Weise und nicht alle zu denselben Zwecken. Selbst durch den Einsatz eines Navigationsgerätes wird der Fahrer nicht vom Steuer verdrängt, auch diese Verbindung von fahrbarem Untersatz und routenplanender Kommandokiste kann Gehorsam gegenüber ihren Verhaltensvorschlägen nicht erzwingen — was jeder weiß, der einmal miterlebt hat, dass bei eingeschaltetem Navi eine andere als die errechnete Strecke gefahren wird und wie sinnlos und objektiv verzweifelt die Befehle des Gerätes dann verhallen …

6. Hoffnung oder Angst
Günther Anders irrt sich also meiner Meinung nach, was die Eigendynamik der modernen Technik betrifft. Oder er vielmehr: er täuscht, nämlich bewusst, durch maßlose Übertreibung. Nun ist selbst mir, der ich wenig von Anders weiß, noch weniger von ihm verstehe und ihm kaum jemals zustimme, selbst mir also durchaus bekannt, dass Anders Übertreibung als seine bevorzugte Methode betrachtet. Er behauptet, „daß es Erscheinungen gibt, bei denen Überpointierung und Vergrößerung sich nicht vermeiden lassen; und zwar deshalb nicht, weil sie ohne diese Entstellung unidentifizierbar oder unsichtbar bleiben würden; Erscheinungen, die uns (..) vor die Alternative ‘Übertreibung oder Erkenntnisverzicht’ stellen. (ebd., S. 26)
Anders will also übertreiben, um erkennen zu können. Gerne vergleicht er zur Rechtfertigung seiner Methode diese mit optischen Geräten, mit Mikroskop und Teleskop nämlich, die allzu Kleines oder allzu Fernes, das sonst dem Blick entzogen wäre, dem menschlichen Auge zugänglich machen. In diesem Vergleich steckt für mich allerdings auch ein entscheidender Ansatzpunkt für Kritik. Während nämlich durch Mikroskopie und Teleskopie zwar Objekte so gezeigt werden, als hätten sie eine bestimmte, der menschlichen Sehfähigkeit angepasste Größe, käme doch niemand auf die Idee, zu behaupten, die fraglichen Objekte seien tatsächlich so groß, wie sie sich im Mikrosokop oder Teleskop zeigen. Anders hingegen übertreibt nicht nur, um etwas erkennbar zu machen, er besteht auch darauf, dass das so Erkannte sich genau so verhält, wie es sich in der Übertreibung zeigt. Nur darum kann er ja auch behaupten: „(…) was heute wie eine Übertreibung aussieht, wird morgen wie eine nüchterne Schilderung aussehen.“ (ebd., S. 509)
Nun werden üblicherweise Prognosen auf der Grundlage von Diagnosen erstellt. Anders kehrt das Verhältnis um. Er erklärt seine auf einer verzerrten Wahrnehmung und Darstellung des Gegebenen beruhenden Prognosen zu vorweggenommenen Diagnosen. Damit kollabiert die Alternative von Übertreibung und Erkenntnisverzicht und die Übertreibung wird zum Verzicht auf Erkenntnis. Nicht wie etwas wirklich ist, interessiert Anders, sondern welche persönlichen Phantasien sich damit für ihn verbinden. Die gibt er dann als die unvermeidliche Zukunft aus, von der her die Gegenwart erklärt werden müsse.
Charakteristischerweise befassen sich die Andersschen Übertreibungen stets nur mit dem Schlechten. Nie werden die guten Seiten einer Sache hervorgehoben, immer nur ihre Nachteile, immer geht es nur um Verlust, Schaden, Verfehlung, Zerstörung, kurz ums Unheil. Ausschließlich das unterstellte Böse interessiert Anders, niemals das erkennbar oder erwartbar Gute. Es steht mir nicht zu, den Gemütszustand eines Denkers zu beurteilen, der zwanghaft so verfährt, dass ihm alle Kritik zu Nörgelei, Anklage, Unheilsprophezeiung gerät. Denn wär’s auch Wahnsinn, es hätte doch Methode.
Anders will nämlich erklärtermaßen Hoffnung verhindern und Angst machen. Er schreibt: „Ich glaube Hoffnung ist nur ein anderes Wort für Feigheit. (…) Nein, Hoffnung hat man nicht zu machen, Hoffnung hat man zu verhindern. Denn durch Hoffnung wird niemand agieren. Jeder Hoffende überläßt das Besserwerden einer anderen Instanz. (…) Aber in der Situation, in der nur Selberhandeln gilt, ist ‘Hoffnung’ nur das Wort für Verzicht auf eigene Aktion.“ [6]
An anderer Stelle schreibt Anders: „(…) was uns vor allem fehlt ist, ist ‘freedom to fear’, das heißt: die Fähigkeit, angemessene Angst, dasjenige Quantum an Angst aufzubringen, das wir leisten müßten, wenn wir uns von der Gefahr, in der wir schweben, wirklich frei machen, also die ‘freedom from fear’ wirklich gewinnen wollen. Worum es geht, ist also: to fear in oder to be free; Angst zu haben, um frei zu werden; oder um überhaupt zu überleben.“ (Anders, S. 258)
Das ist so unverkennbarer Unsinn, dass sogar eine sonst überaus wohlwollende und zustimmungswillige Interpretin wie Margret Lohmann an dieser Stelle die Gefolgschaft verweigert: „Mit äußerster Vorsicht ist Anders’ normative Mobilisierung der Angst im fortschrittsverblendeten ‘Zeitalter der Unfähigkeit zur Angst’ besonders aus sozialpsychologischer Sicht zu betrachten. An diesem praktisch bedeutsamen Punkt zeigt sich zudem, welche kontraproduktiven Konsequenzen es haben kann, wenn philosophische Zeitanalyse in grundlegenden Gebieten keinen Seitenblick auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Phänomenen der Gegenwart wirft, sondern ihnen wie Anders in philosophischer Einsamkeit die eigene Deutung aufsetzt. Wie Gerhard Vinnai in einer Replik auf Anders überzeugend vorbringt, ist die Vernüpfung von Vernichtungsangst und Moralbewußtsein sozialpsychologisch untragbar. Sie beruht auf der Abstraktion von gesellschaftlichen Gegebenheiten zugunsten einer Fixierung auf die Technik, worin sich erneut rächt, daß Anders Gesellschaftsanalyse ausschließlich als Teil der Technikanalyse betreibt. So gesehen liegt er zwar richtig, wenn er den von ihm beobachteten Mangel an Angst vor der realen technischen Gefahr für irrational hält. Sobald man die gesellschaftliche Ebene miteinbezieht, zeigt sich aber, daß er das Vorhandensein von Ängsten gravierend unterschätzt. Die Alltgaspraxis in den vom Konkurrenz- und Leistungsprinzip geprägten hochindustrialisierten Gesellschaften der westlichen Welt ist von tiefen, oft unsichtbaren und unbewußten Ängsten durchzogen. Sie schlagen sich auch in ihrem Verhältnis zur Technik nieder (…).“ [7]
Anders irrt sich also, wenn er seine Hoffnung in die Angst setzt, und er irrt sich gewaltig. Weder Angst noch Hoffnungslosigkeit tragen etwas dazu bei, dass Menschen ihre Lage angemessen beurteilen können, oder gar dazu, dass sie anfingen, sich gegen das, was sie bedrückt und sie unterdrückt zur Wehr zu setzen. Ganz im Gegenteil. Angst ist eine schlechte Ratgeberin. Angst verzerrt die Wahrnehmung, verfälscht die Einschätzung und schwächt oder brutalisiert die Handlungsbereitschaft. Wer Angst hat, verkriecht sich oder schlägt um sich. Angst schlägt allenfalls in Hass um, sie führt nie zu vorurteilsfreier Analyse oder gar konstruktivem Engagement. Angst entpolitisiert, und Hoffnungslosigkeit lässt nicht agieren. Wer ohne Hoffnung ist, ist auch ohne Ziel. Er hat keine Veranlassung, irgendetwas zu tun, geschweige denn, seine als schlecht erkannte Lage zu ändern. Hoffnungslosigkeit ist Perspektivlosigkeit und Ängste fördern allenfalls das Ausleben von Ressentiments. Damit ist dann, wie die Realität entgegen anderslautender philosophischer Spekulation zeigt, ein guter Nährboden geschaffen für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, für die Ablehnung von Vielfalt und Andersheit, für die Sehnsucht nach vermeintlich unanfechtbarem Recht und vermeintlich althergebrachter Ordnung und deren rücksichtslose Durchsetzung, für rechtsextremistische oder scheinbar linksradikale sowie für fundamentalistische Umtriebe.
Bei Günther Anders selbst haben die Verweigerung von Hoffnung die Vorliebe für Angst schließlich zum verbalen Terrorismus geführt. Als ihm nichts anderes mehr einfiel, verlegte er sich aufs Töten oder Tötenwollen, genauer: auf die Aufforderung dazu. „Macht diejenigen kaputt, die bereits sind, euch kaputtzumachen“, gab er 1986 als Devise aus. (Vgl. Bissinger, S. 153) Es wäre leicht, gerade mit Andersschen Analysen die Sinnlosigkeit derartiger Gewaltsamkeiten aufzuzeigen. [8] In einem System totaler Herrschaft bringt es nichts, die vermeintlichen Akteure umzubringen, nicht sie sind es, die herrschen und agieren, sondern das System selbst. Terrorismus ist allenfalls Ausdruck einer in Allmachtsphantasien umschlagenden Ohnmacht, nicht systemverändernde politische Aktion.
Gleichwohl sollte man die späten Andersschen Aufrufe zur Gewalt nicht nur gegen Sachen, sondern ausdrücklich auch gegen Personen nicht als senile Agressionsbereitschaft abtun und herunterspielen, sondern sie als Konsequenz eines philosophischen Programms ernst nehmen, dass das Schlechte immer übertrieben mächtig und als unvermeidliche Realität darstellen, das Hoffnung verhindern und Angst machen wollte.

7. Politische Folgerungen
Günther Anders hat behauptet, dass „technische Erfindungen niemals nur technische Erfindungen sind. Nichts ist irreführender als die (…) ‘Philosophie der Technik’, die behauptet, Geräte seien erst einmal ‘moralisch neutral’: stünden also zu beliebigem Gebrauch frei zur Verfügung; das einzige, worauf es ankomme, sei wie wir sie benutzen; welchen Gebrauch wir nachträglich von ihnen machen, einen humanen oder inhumanen, einen demokratischen oder antidemokratischen. Diese sehr weit verbreitete These muß bekämpft werden.“ (Anders, S. 519)
Ich bin da anderer Meinung als Anders. Die These von der moralischen Neutralität muss nur richtig gedeutet — und sollte dann unbedingt verbreitet werden. Was heißt das? Man mag mich für einen humanistischen Romantiker oder romantischen Humanisten halten, aber ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass es einen unaufhebbaren Unterschied von Person und Sache, Mensch und Ding gibt. Und es sind nach wie vor nicht die Dinge, die handeln, sondern die Menschen. Darum beherrschen nach wie vor nicht die Dinge die Menschen, sondern die Menschen die Dinge und mittels der Dinge einander. Nur deshalb ist ja politisches Engagement nicht nur nötig, sondern auch möglich. Nicht zuletzt solches politisches Engagement, das sich kritisch und mit dem Willen zur Veränderung mit der Technisierung der Gesellschaft befasst.
Meiner Meinung nach, die ich hier zu begründen versucht habe, sollte man, wenn man von Technik spricht, genau unterscheiden, ob man technische Verfahren oder ob man technische Geräte meint. Geräte sind Dinge. Ein Ding aber ist im moralischen Sinne niemals gut oder schlecht, es ist so und so beschaffen und zu diesem oder jenem tauglich oder untauglich. Erst der Gebrauch, der von einem Ding gemacht wird, kann sinnvollerweise Gegenstand moralischer Problematisierung sein.
Dies gilt sogar für Dinge, deren bloße Existenz bedrohlich oder gar schädlich ist. Man nehme das Beispiel der Atombombe. Solche Waffen zu konstruieren, sie herzustellen und sie zu lagern — auch das sind im Grunde bereits Weisen, Gebrauch von ihnen zu machen, der Gebrauch besteht also nicht erst darin, sie zu zünden. Das Ding Atombombe für sich genommen wäre nun zwar moralisch neutral, aber es ist immer schon eingebettet in menschliche Praktiken, die als solche eben nicht moralisch neutral sind, sondern als gut oder schlecht beurteilt werden können. Eben darum müssen Verfahren kritisiert und nicht Geräte dämonisiert werden.
Praxis ist primär, und nur innerhalb dieser oder jener Praxis kommen Dinge überhaupt vor. Darum gibt es auch keine Eigendynamik der Dinge, sondern nur Dynamiken des Gebrauchs der Dinge. Nicht Auto, Computer, Handy usw. haben die Realität, in der der moderne Mensch lebt, verändert und bestimmen sie, sondern der Gebrauch, der von Autos, Handys, Computern usw. gemacht wird, hat die Weise der Menschen, sich in der Welt und zur Welt zu verhalten, verändert und bestimmt zunehmend auch das Verhalten der Menschen zueinander.
Ein technisches Gerät kann so lange im Laden herumliegen oder herumstehen, wie es will, es kann mich nicht zwingen, es zu kaufen und zu verwenden. Sehr wohl aber kann der, wie ich es hier genannt habe, soziokulturelle Kontext, die konkrete soziale und kulturelle Situation, in der ich mich befinde, meine Bereitschaft, technisches Gerät besitzen und verwenden zu wollen, entscheidend beeinflussen. Nicht von den Dingen selbst, sondern von den Praktiken meiner Umgebung gehen die Zwänge oder Anregungen aus, die mich in Techniken einbinden. Auch in diesem Sinne geht der Gebrauch eines Gerätes diesem immer voraus.
Nun besteht für den modernen Menschen gewiss eine umfassende Vereinnahmung durch Technik, die nicht nur zu mehr oder minder festen Gewohnheiten, sonder auch zu realer Abhängigkeit führt. Allerdings ist diese Abhängigkeit nie absolut, sondern immer relativ. Von Grenzfällen abgesehen, etwa wenn jemand an ein Beatmungsgerät angeschlossen ist und ohne dieses ersticken müsste, braucht der Mensch zwar Luft, weil er atmen muss, Wasser, weil er trinken muss, und Nahrung, weil er essen muss, aber er braucht nicht im selben Sinne moderne Technik. Er kann ohne dieses oder jenes einzelne Gerät auskommen, auch ohne eine ganze Reihe von Geräten und sogar, wenn’s drauf ankommt, ohne alle modernen technischen Geräte. Aber er will sie haben und meint, sie zu benötigen, weil er ohne sie in der Gesellschaft und Kultur, in der er nun einmal lebt, ein Abweichler und geradezu ausgeschlossen wäre. Moderne Technik mag ansonsten leisten, was sie will, sie dient auch und nicht zuletzt der Befriedigung von Bedürfnissen nach Anerkennung und Geltung, nach Unterhaltung, Information, Zerstreuung, nach Selbstdarstellung und Eingebundenheit.
Technikkritik muss also, wenn sie wirklich an die Grundlagen der Technik heranwill, Gesellschaftskritik sein, Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse. Anders gesagt, wer kritisch über Technik reden will, darf vom Kapitalismus nicht schweigen. Ich kann das Kritikwürdige hier freilich nur andeuten, nicht ausführen. Ich will hier nur die Richtung angeben, in die man weiterdenken kann, aber auch jene Richtung aufzeigen, die ich für eine Sackgasse halte.
Kapitalistische Verhältnisse mit ihren Prinzipien der Profitmaximierung und der Konkurrenz bilden die Voraussetzung der Durchsetzung moderner Technik und werden umgekehrt durch moderne Technik unterstützt und gefördert. Moderne Technik aber folgt den Prinzipien moderner Naturwissenschaften, für die, wie erwähnt, die Welt aus Dingen und den Verhältnissen von Dingen zueinander besteht, weshalb für sie auch Menschen nur Dinge unter Dingen sind. Kritik an der modernen Technik hätte darum unbedingt auch Kritik an deren Grundlegung durch die modernen Naturwissenschaften zu sein. Kapitalismus, Technisierung, naturwissenschaftliche Ideologie: all das läuft auf Selbstverdinglichung des Menschen hinaus, also auf das Bestreben und die Gewohnheit, sich und andere wie Dinge zu begreifen und zu behandeln.
Dieses Drang zu allgemeiner Verdinglichung geht aber, um es noch einmal zu sagen, gerade nicht von den Dingen aus, sondern von den Menschen. Es ist ihr Tun und Lassen und nicht das Vorhandensein von Geräten, das darüber bestimmt, was Technik ist und wozu sie führt.
Wird hingegen die Herrschaft der Technik im Sinne einer Herrschaft der Dinge behauptet, trägt dies unweigerlich dazu bei, eine Ideologie zu propagieren, die auf unzulässige Weise entlastet. Wer nämlich an die Ohnmacht der Technik als Verbund von Praktiken und an die Übermacht der Technik als System von Geräten glaubt, der kann sich sagen: Ich bin nur ein kleines Rädchen in einem großen Getriebe, dessen Zusammenhänge, Wirkungen und Zwecke ich nicht überblicke, die Realität, in der ich mich bewege, ist zu komplex, als dass ich sie mir vorstellen, geschweige denn sie analysieren und beurteilen könnte, ich weiß nichts von irgendwelchen Zielen des Ganzen, fast alles scheint mir beliebig und austauschbar, ich bin eingebunden in eine allgemeine Unverbindlichkeit, ich bin im Grunde gar kein Handelnder, sondern an mir wird gehandelt, ich bin kein Täter, sondern ein Mittuender, ich funktioniere, ich bin angepasst, bin eingefügt in Systeme, man bestimmt über mich, ich schwimme mit dem Strom — oder vielmehr: ich schwimme nicht, ich lasse mich treiben, ich werde getrieben.
Einer solchen Selbst- und Weltsicht erteile ich eine klare Absage. Technik ist menschliches Handeln und als solches immer schon ein ethisches, ja politisches Verhalten. Martin Heidegger hat bekanntlich postuliert, das Wesen der Technik sei nichts Technisches. Ich bin ausnahmsweise bereit, dem zuzustimmen und eine These zu wagen. Ich sage: Das Wesen der Technik ist etwas Ethisches. Technik ist Praxis und als solche kann sie Gegenstand ethischer und politischer Kritik sein, einer Kritik, die darauf hinaus will und kann, die als schlecht begriffenen gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. Ich hatte mit einem Zitat von Mike Cooley begonnen und möchte meinen Vortrag mit einem Zitat von ihm beenden. Er schreibt: „Wissenschaft und Technologie sind nicht neutral, sondern reflektieren die ökonomische und politische Basis, aus der sie hervorgebracht werden. (…) Wenn wir technologische Systeme entwerfen, entwerfen wir tatsächlich soziale Beziehungen, und wenn wir diese hinterfragen und entsprechend andere Systeme zu entwickeln versuchen, beginnen wir die Machtstrukturen einer Gesellschaft in fundamentaler Weise zu verändern.“ (Cooley, Mike: Architect or Bee. The Human Price of Technology, London 1987 S. 187)


[1] Entgegen den Erwartungen mancher, die im Herbst 2009 dem Vortrag zuhörten, dessen Überarbeitung der vorliegende Text darstellt, geht es mir hier nicht primär um Günther Anders. Diesbezügliche Missverständnisse wurden wohl einerseits durch den Rahmen des Vortrags, die Günther-Anders-Tage, andererseits durch den damaligen Untertitel, „Zu Begriffen von Technik, nicht nur bei Günther Anders“ bedauerlicherweise befördert. Mein Ansatz ist allerdings ein ganz anderer als der einer Anders-Exegese. Ich frage mich nicht, was sagt Anders zu dem und dem Thema, sondern ich beschäftige mich mit dem und dem und ziehe dazu, in diese Fall: um eine Gegenposition aufzuzeigen, bestimmtes Textmaterial heran. Dass sich, zumal bei einem über lange Zeit hinweg so produktiven Autor wie Günther Anders, auch anderes Material finden ließe, das das jeweils Zitierte relativiert oder ihm gar widerspricht, soll gar nicht geleugnet werden. Für die Zwecke meiner hier vorgelegten Argumention zählt freilich nur das, was das Zitierte ausdrücklich besagt, und nicht das, was in anderen möglichen Zitaten möglicherweise anders gesagt wird. Dem (unfreiwilligen) Lieferanten von Zitaten geschieht ja kein Unrecht, wenn er das, was zitiert wird, auch tatsächlich geschrieben hat. Mein Vorgehen scheint mir auch deshalb legitim, weil es sich nicht als philologisch versteht, sondern als philosophisch, weil mein Denken nicht an althergebrachten Kategorien wie „Autor“ und „Werk“ interessiert ist, sondern an der Sache, die in Texten verhandelt wird. Dass ich dabei, anders als andere Rezepientinnen und Rezepienten, Anders und seinen Schriften weder mit Faszination noch mit Sympathie gegenüberstehe, ist freilich kein Geheimnis. (Vgl. Broniowski, Stefan: „Der überschätzte Unbekannte. Günther Anders: Ein Philosoph oder doch nur ein Prophet?”, in: Bahr, Raimund / Röpcke, Dirk (Hg.): Geheimagent der Massereremiten. Günther Anders, St. Wolfgang 2002) Ich erwähne dies deshalb, um vielleicht zu einer Diskussion in der Sache zu kommen, bei der nicht immer wieder das Argument auftaucht: Aber Anders hat doch auch gesagt …
[2] Der Einfachheit halber sehe ich von einigen eher randständigen Nebenbedeutungen ausdrücklich ab, die als „die Technik“ beispielsweise ein Gruppe von Mitarbeitern eines Betriebes, also die Technikabteilung, bezeichnen oder mit der „Technik“ schlicht die Technische Universität meinen.
[3] Hier ein paar Beispiele: Das von Gerhard Wahrig herausgegebene „Deutsche Wörterbuch“ (Ausgabe 1986) erläutert Technik als „im weiteren Sinne (die) Kunst, mit den zweckmäßigsten und sparsamsten Mitteln ein bestimmtes Ziel oder die beste Leistung zu erreichen, im weiteren Sinne (die) Gesamtheit aller Mittel, die Natur auf Grund der Kenntnis ihrer Gesetze dem Menschen nutzbar zu machen; Gesamtheit der Kunstgriffe, Regeln, maschinellen Verfahren auf einem Gebiet; Herstellungsweise, Verfahren; ausgebildete Fähigkeit, Kunstfertigkeit.“
Dem „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ zufolge ist Technik „1. Anwendung der naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnisse in Form von Methoden, Verfahren, Apparaturen, Geräten und Maschinen zur Beherrschung der Naturkräfte auf einer gegebenen Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung; 2. maschinelle und industrielle Einrichtung, Ausrüstung in der (materiellen) Produktion; 3. Konstruktion, Mechanik und Wirkungsweise einer Maschine, eines Gerätes, Fahrzeuges, eines Gebrauchsgegenstandes, der auf mechanischer oder elektronischer Basis funktioniert; 4. Methode des rationalen Vorgehens bei der Tätigkeit in einem beliebigen Bereich der menschlichen Praxis, des gesellschaftlichen Lebens.“
Im „Deutschen Universalwörterbuch“ (1989) der Marke „Duden“, wird Technik ganz ähnlich bestimmt als: „1. alle Maßnahmen, Einrichtungen und Verfahren, die dazu dienen, die Erkenntnisse der Naturwissenschaften für den Menschen praktisch nutzbar zu machen; 2. besondere, in bestimmter Weise festgelegte Art, Methode des Vorgehens, der Ausführung von etwas; 3. technische Ausrüstung, Einrichtung für die Produktion; 4. technische Beschaffenheit eines Geräts einer Maschine oder Ähnlichen.“
Das „Taschenwörterbuch Deutsch als Fremdsprache“ aus dem Hause Langenscheidt schließlich definiert Technik kurz und knapp so: „1. alle Mittel und Methoden, mit denen der Mensch die Natur und die Wissenschaft praktisch nutzt; 2. Maschinen und Geräte; 3. die Art, wie ein Gerät funktioniert.“
[4] Um meine Argumentation nicht zu verkomplizieren, gehe ich auf den Begriff der Technologie hier überhaupt nicht ein. Auch lasse ich Phänomene wie Software völlig außer Betracht, deren Status zwischen Ding und Tun, Vorschrift und Materialisierung erst eigens zu klären wäre.
[5] Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. Ausgabe in einem Band, München o.J., S. 104.
[6] Anders in: Bissinger, Manfred (Hg.): Gewalt — ja oder nein. Eine notwendige Diskussion, München 1987, S. 32f.
[7] Lohmann, Margret: Philosophieren in der Endzeit. Zur Gegenwartsanalyse von Günther Anders, München 1996, S. 315.
[8] „Der gigantische Bedrohungsapparat, der die Essenz des heutigen Notstandes ist, hängt durchaus nicht vom subjektiven Willen der Einzelnen ab, die ihn an hohen Stellen scheinbar selbstverantwortlich dirigieren. Vielmehr ist er das komplizierte und undurchschaute Resultat einer von allen geteilten Lebensweise. Wer in ihm tätig ist, ist dort als Funktionsträger tätig, und einem Funktionsträger, der aus ihm verschwindet, folgt der Ersatzmann auf dem Fuß. Nichts wäre also gewonnen, wenn Einzelne dort ‘ineffektiv’ gemacht würden und verschwänden. Eine solche Argumentation, die die Vergeblichkeit von Gewalt im heutigen Notstand betont, läßt sich aus Anders’ Texten selbst herleiten. Hat er nicht die heutige Situation als objektiv böse und unmoralisch bestimmt, als Zustand, in dem Unmoral rettungslos zum ‘objektiven Geist’ geworden ist? Aus der Unmoral des Geistes gibt es kein — auch kein gewaltsames — Zurück zur Unschuld des Guten, und daß vorne irgendein Ausweg durch Gewalt gegen Einzelne in diesem objektiven Universum der Unmoral sich eröffnen ließe, ist mehr als absurd.“ (Reimann, Werner: Verweigerte Versöhnung. Zur Philosophie von Günther Anders, Wien 1990, S. 162 f.)

 
„Ja das ist meine Melodie“. Über Bruno Balz PDF Drucken E-Mail

Am 6. Oktober 1902 wurde Bruno Balz geboren. Denn kennen Sie nicht? Aber Sie kennen garantiert seine unverwüstlichen Schlagertexte.

Wer kennt sie nicht, die von Zarah Leander, Heinz Rühmann, Ilse Werner, Hans Albers, Evelyn Künneke u.v.a.m. gesungenen Schlager: „Kann den Liebe Sünde sein“, „Er heißt Waldemar“, „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“, „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“, „Davon geht die Welt nicht unter“, „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, „Ich brech die Herzen der stolzesten Fraun“, „Berlin, die ewig Junge Stadt“, „Das gibt es nur in Texas“, „Sing, Nachtigall, sing“, „Es liegt was in der Luft“, „Wir wollen niemals auseinander gehn“ …
Weniger bekannt ist der Mann, der die Texte dieser Schlager (und vieler anderer mehr) verfasste. Er hieß Bruno Balz und wurde vor einhundert Jahren, am 6. Oktober 1902 in Berlin geboren. Über seine frühen Jahre ist wenig bekannt. Eine kaufmännische Lehre brach er ab und widmet sich der Schriftstellerei. Seine ersten Texte erschienen in den „Lustigen Blättern“ und dem „Acht-Uhr-Blatt“. Bis 1932 arbeitete Balz dann im Verlag Friedrich Radszuweit, der unter anderem „Das Freundschaftsblatt“, die „Blätter für Menschenrechte“ und „Die Insel. Magazin der Einsamen“ herausgab — Homosexuellen-Zeitschriften, für die Balz zahlreiche Beiträge schrieb. Zusammen mit Hermann Dressler verfasste Balz damals übrigens auch die erste schwule Detektiv-Geschichte: „Till Mark“.
Bruno Balz war überhaupt, soweit das unter den Bedingungen einer massiven gesellschaftlichen Diskriminierung möglich war, ein selbstbewusster Schwuler. Schon als 18-Jähriger hatte er Magnus Hirschfeld kennengelernt, den Sexualwissenschaftler und Vorkämpfer für die Reform des Sexualstrafrechts. Später war Balz auch mit Adolf Brandt gut bekannt, dem Publizisten und Photographen, der in der Nachfolge Stirners und Nietzsches Anarchismus und Männlichkeitskult verband. Bruno Balz war in der hauptstädtischen Schwulenszene der Weimarer Republik kein Unbekannter.

„Mir ist so komisch zumute, ich ahne und vermute: Es liegt was in der Luft.“
Aber schwules Selbstbewusstsein hin oder her: Es galt der § 175, also das Totalverbot der männlichen Homosexualität, und Bruno Balz musste jederzeit damit rechnen, angezeigt, angeklagt und verurteilt zu werden. Die Bedrohung nahm selbstverständlich nach der „Machtergreifung“ der Nazis 1933 bedeutend zu. Und tatsächlich wurde Balz in den 30er Jahren von einem Hitler-Jungen denunziert, dem er sich unsittlich genähert haben sollte.
Balz wurde festgenommen. Dass er nicht in einem Gestapo-Folterkeller oder einem KZ zu Tode geschunden wurde, verdankte er einer Freundin, dem Ufa-Star Zarah Leander, und einem Freund, dem Filmkomponisten Michael Jary. Die beiden hatten sich bei Goebbels für Balz verwandt und seine Freilassung erwirkt. Jary half damit einem Freund, der ihm zuvor selbst geholfen hatte.
Die Karriere des katholischen Oberschlesiers Max Jarczyk als ernsthafter Komponist war nämlich im Februar 1933 plötzlich zu Ende gewesen, als der NS-Kamfbund für deutsche Kultur seine Musik als „kulturbolschewistisches Musikgestammel eines polnischen Juden“ diffamiert hatte … Jarczyk musste sich fortan unter falschen Namen als Varietékünstler, Arrangeutr und Chansonschreiber verdingen, bis ihm von Bruno Balz eine Stelle als Filmmusiker verschafft wurde. Vom Assistenten brachte es Michael Jary, wie er sich nun nannte, zum selbständigen Komponisten, er schrieb zunächst symphonische Hintergrundmusik und Schlager. Mit „Roter Mohn“ gelang ihm schließlich auch der Durchbruch. Den Text dazu hatte selbstverständlich Bruno Balz geschrieben …
Und nun, als Balz selbst in höchster Not war, setzte Jary aus Dankbarkeit alles auf eine Karte. Er erklärte Goebbels rundheraus, ohne den Textdichter Balz nicht schaffen zu können, was der Propagandaminister verlangte: „Durchhaltelieder“. Dass die deutschen Unterhaltungskomponisten optimistische Schlager schreiben mögen, um so „deutschen Menschen … in forschem und fröhlichen Takt zuzurufen: Kopf hoch, Volksgenossen!“, war immerhin eine Goebbelsche Weisung, die ausdrücklich auf den „persönlichen Wunsch des Führers” zurückging. Jarys gewagte Rechnung ging auf, Balz kam frei.

„Wir lassen uns das Leben nicht verbittern, keine Angst, keine Angst, Rosmarie!“
Aus der Haft entlassen, an deren Folgen er noch lange litt, machte sich Bruno Balz gemeinsam mit Michael Jary an die Arbeit. Tatsächlich gelang ihnen mit dem nicht nur in der Wehrmacht ungeheuer beliebte Lied „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ ein erster großer Erfolg. Noch erfolgreicher freilich war einige Jahre später der Schlager „Davon geht die Welt nicht unter“.
Bei der obligatorischen Vorführung von Text und Melodie dieses Liedes schien Goebbels nicht richtig hingehört zu haben, jedenfalls gab er es zur Veröffentlichung frei und ordnete sogar an, es nachträglich in den bereits abgedrehten Propaganda-Film „Die große Liebe“ einzufügen. Gesungen wurde es dort von Zarah Leander. Erst später, als der Film bereits in allen Kinos lief und ganz „Großdeutschland“ den Walzer von Jary und Balz sang, dürfte Goebbels dann doch geahnt haben, das da etwas nicht ganz richtig war, aber ohne sich völlig zu blamieren konnte er Film und Lied nicht mehr verbieten lassen.
„Davon geht die Welt nicht unter“ ist nämlich zwar einerseits durchaus der gewünschte fröhlich-forsche Durchhalteschlager, aber andererseits gerade wegen seines an Galgenhumor grenzenden Optimismus auch wieder ganz anders zu verstehen, nämlich als heiter-zynische Absage an den Ewigkeitsanspruch des Dritten Reiches, dessen katastrophales Ende sich an allen Fronten und in den zerbombten Städten abzeichnete. Sich nicht unterkriegen zu lassen, auch wenn der Größenwahn der Machthaber alles in den eigenen Untergang mit hineinziehen will — das ist auch eine Botschaft dieses Liedes.
Bruno Balz jedenfalls war gerettet. Er blieb als wichtiger Mitarbeiter der staatlich gelenkten Unterhaltungsindustrie vor weiteren Nachstellungen verschont. Um sich noch weiter abzusichern, ging er eine Scheinehe ein. Am Ende behielt er dann Recht: Das Dritte Reich, aber nicht die Welt war untergegangen, und er hatte überlebt. Kann man ihm das vorwerfen?
An Bruno Balz wie an alle anderen, die im NS-Kulturapparat tätig waren, kann nämlich selbstverständlich die Frage gerichtet werden, ob sie nicht dazu beitrugen, ein verbrecherisches Regime an der Macht zu halten. Im Fall Balz ergibt sich die Antwort aus den Gegenfragen: Hätte Balz sich lieber umbringen lasssen sollen, statt für die Nazis zu arbeiten? Kann man ernstlich annehmen, dass all die Durchhaltefilme und ihre Durchhalteschlager den Krieg auch nur um einen Tag verlängert haben?

„Ich werde nicht mehr klug aus mir, doch das ist mir egal!“
Balz war kein Täter, kein Mitläufer und er war, was sein gutes Recht war, bemüht, nicht zum Opfer zu werden. Außerdem sollte man, ohne es überzubewerten, auch das widerständige Moment würdigen, das oft in den Balzschen Texten versteckt ist. „Davon geht die Welt nicht unter“ wurde bereits erwähnt. Ein anderer Fall ist „Waldemar“: „Mein Ideal auf dieser Welt, das ist für mich der kühne Held, der große blonde Mann. Er kommt aus einem fernen Land und gibt mir seine starke Hand, die mich zerbrechen kann“, sang bekanntlich die Schwedin Zarah Leander. Und weiter: „So sieht der Mann meiner Träume aus, sein Name ist Ralf oder Per. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus, bitte hören Sie mal her: Er heißt Waldemar und hat schwarzes Haar, er ist weder stolz noch kühn, aber ich liebe ihn ...”
Mitten im Dritten Reich einen großstädtischen schwarzhaarigen Jungen mit womöglich slawischem Namen gegen edle skandinavische Recken auszuspielen, war eine geniale Pointe. Mag sein, dass die Machthaber, von denen ja auch keiner dem offiziellen germanischen Heldenideal ähnlich sah, solche Späße als Ventil zuließen, um die offen zu Tage liegende Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit erträglicher zu machen. Damit waren sie aber zugleich gezwungen, ihre eigene Unzulänglichkeit und die Beschränktheit ihrer Macht zumindest implizit einzugestehen.

„Der Wind hat mir ein Lied erzählt, von einem Glück, unsagbar schön.“
Das besondere Geschick, mit dem Bruno Balz Liedzeilen dichtete, die mehrdeutig lesbar waren, hat sicherlich auch mit seinen Erfahrungen als Schwuler zu tun. Bemerkenswerterweise hat Balz gerade für Zarah Leander, die Sängerin, mit der dunklen, tiefen, männlich konnotierten Stimme, Liebeslieder geschrieben, die nicht nur voller Sehnsucht, Entsagung, stiller Kraft und bitterer Heiterkeit sind, sondern die auch völlig geschlechtsunspezifisch formuliert waren: Ob da eine Frau einen Mann oder ein Mann einen Mann ansingt, ist oft vom bloßen Text her nicht zu entscheiden … Das mag übrigens, neben ihrer starken persönlichen Ausstrahlung, dazu beigetragen haben, dass Zarah Leander zu einer „Schwulen-Ikone“ wurde. „Wenn ich ohne Hoffnung leben müsste, wenn ich glauben müsste, dass mich niemand liebt, dass es nie für mich ein Glück mehr gibt — ach, das wär schwer! … Doch ich weiß mehr: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen, und dann werden tausend Märchen war. Ich weiß, so schnell kann keine Liebe vergehen, die so groß ist und so wunderbar.“
Für seine Freundin Zarah verfasste Balz auch jenes Lied, das neben dem eben zitierten „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ geradezu ihr Markenzeichen wurde: „Kann den Liebe Sünde sein?“ Diese Absage an jede religiös-moralische Bevormundung enthält bekanntlich die rebellischen Zeilen: „Niemals werde ich bereuen, was ich tat, und was aus Liebe geschah … Liebe kann nicht Sünde sein. Auch wenn sie es wäre, so wär es mir egal, lieber will ich sündigen mal, als ohne Liebe sein!“ Man wird nicht fehlgehen, wenn man hier ein deutliches Echo von Balz schwulenpolitisch-emanzipatorischem Engagement vor 1933 zu hören vermeint.

„Ich kann nun mal nicht anders, ich muss nun mal so sein!“
Bruno Balz war auch nach 1945 noch ein gefragter Autor. Bis in die 60er Jahre hinein schrieb er eingängige Schlagertexte, die u.a. von Heidi Brühl, Bully Buhlan, Vico Torriani und Heintje interpretiert wurden. Aber auch die Schlager aus den 40ern blieben sehr populär und mancher Interpret von damals kam gern wieder auf Balz zurück.
Evelyn Künneke z.B., die 1941 mit dem swingenden Filmsong „Sing, Nachtigall, sing“ zum Star geworden war, einem Lied, das bei den Soldatensendern nur von „Lili Marleen“ an Beliebtheit übertroffen wurde, machte den Balzschen Text mit der Jaryschen Melodie zu ihrem lebenslangen Markenzeichen.
Und Heinz Rühmann sang 1955 in dem Film „Wenn der Vater mit dem Sohne“ zusammen mit dem kleinen Oliver Grimme das rührende „La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu“, das Ende der 90er Jahre in einer leicht modernisierten Version eine erstaunliche Wiederkehr erlebte und seither aus den deutschen und österreichischen Kinderzimmern als Einschlaflied kaum noch wegzudenken ist.
Bis heute also sind die Bruno Balz getexteten Lieder sehr populär. Ihre Zahl ist Legion, es ist unmöglich, sie hier vollständig aufzuzählen. Gewiss verdanken sie ihre Beliebtheit auch dem Können der beteiligten Komponisten, aber ihre Unverwüstlichkeit hat nicht zuletzt mit der ausdrucksstarken und witzigen Raffinesse der Texte zu tun. So kann man denn abschließend sagen, dass Bruno Balz, den Bedrohungen durch Strafrecht und NS-Willkür zum Trotz, dann doch noch ein langes, erfülltes und erfolgreiches Leben hatte. Er starb am 14. März 1988 in seiner Villa in Bad Wiessee.

Unter dem Titel „Ja, das ist meine Melodie“ erschien dieser Text in Volksstimme 40 / 3. Oktober 2002, S. 10.

 
Hiermit trete ich aus der Homosexualität aus PDF Drucken E-Mail

Zum Problem der schwulen Differenzierung der Heterosexuellen Differenz

Wer Geschlechtliches zu denken versucht, läuft oft Gefahr, sich von den Kategorien Identität und Differenz gefangennehmen zu lassen. Einem Gefängnis aber entkommt man nicht schon, indem man dort die Wände bunt anstreicht. Lieber mal in der Häftlingsbücherei vorbeischauen und die Geschichte vom Hasen und vom Igel nachlesen. Dieses Grimmsche Märchen kann, wenn man nur will, als Allegorie des Verhältnisses von Homosexualität und Heterosexualität verstanden werden. Der schwule Hase läuft sich aus Leibeskräften zu Tode, weil der heterosexuelle Igel (samt Frau) ihn betrügt. Zu welchem Ende der Ackerfurche Meister Lampe auch kommt, immer trifft er dort auf eine Hälfte des Igelpaares, die vorgibt, früher dort gewesen zu sein. Gegen solche Konkurrenz hat der blindwütige Läufer eindeutig keine Chance. Was also, lieber Leser, liebe Leserin, kann dem armen Hasen geraten werden? Der lange Marsch durch die Geschlechterverhältnisse?

I. „Von der Hölle ...”
Im Prinzip ist alles schon entschieden. Die Heterosexualität ist das Ganze, alles ist heterosexuell. Was beispielsweise gemeinhin „sexuelle Differenz” genannt wird, muß genauer und richtig heterosexuelle Differenz heißen. Männliches und Weibliches sind ja nicht nur voneinander geschieden, sondern auch aneinander verwiesen. Als Mann gilt demnach, wer Frauen begehrt, Frau ist, wer von Männern begehrt wird. Zwar kann fast alles ihrem herrischen Differenzierungsgestus unterworfen werden: aktiv/passiv, stark/schwach, oben/unten usf.; die heterosexuelle Differenz selbst aber ist nicht weiter differenzierbar: Mann oder Frau, Mann und Frau, das wär’s.
Diese Logik bezieht ihre metaphysische Stringenz aus den willkürlich zur Natur erklärten Fortpflanzungsverhältnissen, in deren Dienst zudem die Lüste als bloße Nebeneffekte stehen sollen. Dergleichen wird gern als Sexualität ausgegeben, ist aber doch „nur” Heterosexualität. Die hier freilich nicht als beliebige individuelle Vorliebe zu verstehen ist, sondern als gesellschaftlich definiertes und kulturell omnipräsentiertes Wahrnehmungs-, Empfindungs-, Vorstellungs- und Handlungsraster. Gleichsam als transzendentale Matrix, die den konkreten erotischen Erfahrungen die Bedingungen ihrer Möglichkeit oder Unmöglichkeit diktiert.
Die dominante Heterosexualität impliziert jedoch immer schon Homosexualität. Womit wiederum kein besonderes Schicksal, sondern eine generelle Struktur gemeint ist. Männliche Homosexualität ist geradezu der Inbegriff des — selbstverständlich strikt „heterosexuellen” — Patriarchats. Männer wollen Männer, als Kameraden, Konkurrenten und Idole, bei Arbeit, Sport und Spiel. In bestimmter Hinsicht allerdings substituieren die gleichgeschlechtlichen Subjekte einander durch Objekte anderen Geschlechts. (Also Frauen, die so in ihre Ungleichheit ein- und aus der Gemeinschaft der Männer ausgeschlossen werden.) Die implizite Homosexualität hat im persönlichen Bereich nämlich als Heterosexualität realisiert zu werden, weshalb dann die explizite Homosexualität als privates (Miß-)Geschick erscheint. Wer die verbindliche Einbindung ins gegengeschlechtlich verfaßte Paar verpaßt, macht sich verdächtig. Mit so einem stimmt doch was nicht.
Der Homosexuelle als Figur und die Homosexuellen als Spezies sind mehr oder minder erwünschte Nebenwirkungen der kollektiven und individuellen Verdrängungen, die die heterosexuellen Identitäten sichern müssen. Das „Problem Homosexualität” ist primär denen ein Problem, die keinesfalls „so” sein wollen. Erst die terroristische gesellschaftliche Praxis der zwanghaft heterosexuellen Mehrheit schafft Probleme für die, die demzufolge eine „Minderheit” sind. Unweigerlich repräsentieren sie, was unmöglich präsent sein darf.
Daher sind Homo- und Heterosexualität, auch wenn das noch so gutwillig behauptet wird, keineswegs gleichberechtigte Lebensweisen. Nicht solange diese an der Macht ist und alles beherrscht, was von jener gewußt werden kann. Wie es ja auch die alten Bezeichnungen „conträres Sexual-Empfinden” und „Inversion” bezeugen, vermag Homosexualität nämlich nicht anders als [ergänze: als] eine irgendwie verkehrte Heterosexualität gedacht zu werden. Der Schwule ist, man weiß es, andersrum. Gerade weil er aber als Mann definiert wird, der Männer liebt (also keine Frauen), entkommt er der heterosexuellen Differenz nicht.
Selbst eine vorübergehende Entdramatisierung ephemeren homosexuellen Verhaltens — in der Jugend, in der Not, nur ab und zu — schreibt nochmals den marginalen und abgeleiteten Charakter von Homosexualität fest. In ein harmonisierendes Konzept universeller Bisexualität integriert, bleibt Homosexuelles erst recht auf Heterosexuelles als dessen Gegenstück fixiert. Gilt Bisexualität als „normal”, hat Heterosexualität bloß expandiert. Zudem ist Normalität stets repressiv und ihre Ausdehnung so wenig wünschenswert wie irgendein anderer Imperialismus. Mag die polymorph-heterosexuelle Angebotspalette auch um ein paar Häppchen Gleichgeschlechtliches erweitert worden sein, gerade hinter dem Vordergrund diversifizierter [redaktionelle Erläuterung:] (vielfältiger) Erotik muß ausschließliche Homosexualität nach wie vor als unvollständig erscheinen. Wenn auch vielleicht, da exotisch, als chic.

II. „… übers Paradies ...”
Homosexuelles ist in Mode gekommen. Hätte ihm Schlimmeres passieren können? Nun, gewiß ist öffentliche Vereinnahmung weitaus angenehmer als offene Verfolgung. Aber wo, wenn man fragen darf, ist jene Subverisivät geblieben, die man sich Anfang der 70er Jahre von freigesetzter Homosexualität versprechen zu können glaubte?
Der schwule Traum von einer Sache namens „gesellschaftliche Veränderung” ist längst im kalkulierten Konsumrausch aufgegangen. Der vormals wenigstens potentiell revolutionäre Schwule ist zum glücklichen Szenezombie mutiert. Und die aus utopischer Transfiguration öffentlicher Einrichtungen gewonnenen Orte unverblümt namenloser Begegnungen (Parks, Klappen u.ä.) haben ihre Funktion als Leitstellen schwuler Selbstverständigung an behördlich konzessionierte Lokalitäten (Szenecafé, Lederbar, schwuler Buchladen, gay mailbox u.ä.) abgetreten, deren meist problem-, aber selten kostenlose Benutzung den Erwerb gebrauchsfertiger Identitäten garantiert. Doch in „Freiräumen” ohne Widerstand dreht man leicht durch: Bewegung ist im Netzwerk zum umtriebigen Stillstand gekommen.
Freilich muß niemand der Unterdrückung auch nur eine Träne nachweinen. Denn wo Homosexualität normalisierungsfähig, talkshowkompatibel und boutiquenpflichtig geworden ist, kann sich der voreingenommene Betrachter ohnehin den guten alten Begriff der repressiven Entsublimierung nicht verkneifen. Ein Käfig voller Narren ist immer noch ein Käfig. Und Narrenfreiheit darf doch wohl nicht als Emanzipation durchgehen.
In der zeitgenössischen Dienstleistungsgesellschaft ist lediglich das veraltete Abnormitätskonzept durch neue Normen ersetzt worden. Erlaubt ist, was gefällig ist. „Da gibt es keine Fetten und keine Alten,” schreibt Elmar Kraushaar im schwulen Magazin „magnus” (September 1994), „keine Kranken und keine Schwachen, niemand ist unglücklich, und alle wollen nur das eine: ausgehen, feiern, gut drauf sein.” Sei, wie du willst, wenn du nur willst, wie du sollst. Im sch[w]ulen mainstream tanzt man zu Rhythmen, die einem Bekenntnispflicht, Vereinigungsfreiheit und Konsumzwang vorgeben.
Ohne coming out geht erstmal gar nichts! Ein Geständnis entlastet schließlich, wenn auch vielleicht am meisten die, denen man’s macht. Schon die alte Forderung „Mach dein Schwulsein öffentlich!” setzte die heterosexuelle Öffentlichkeit als unverändert akzeptierte Instanz ebenso voraus wie die Existenz einer inneren Wahrheit, die man bei Bedarf bloß aus sich herauszustülpen habe. Vom pragmatischen Essentialismus postindustrieller Identitätsfreudigkeit aber geht für die Geschlechterverhältnisse vollends keine Gefahr mehr aus.
Darum nur ruhig hinein in die gay community! Gleich und gleich gesellt sich gern. Früher mal galten Zweierkiste und Familie bei linken Spinnern als Horte bürgerlich-ödipaler Reaktion und waren daher pfui. Heute sehnt sich jeder Schwule nach der Nestwärme eines individualistischen Kollektivs und plant auch den passenden Partner fürs Leben in die erotische Karriere mit ein. Das Betteln um die „Homo-Ehe” ist da nur folgerichtig und die angemessene Schwundstufe schwuler Politik.
Nur immer her mit dem life-style! Man ist, was man hat oder gehabt hat, und muß sich schon ein wenig anstrengen, wenn man seinem Ruf als fröhlichste Vorhut des pluralistischen Konsumismus gerecht werden will. Ein inhaltsarmes Leben ist doch gleich viel erfüllter, wenn man dazu das richtige outfit trägt. Wo bitte geht’s hier zum nächsten event? Ob dance floor, outdoor cruising oder „Kultur”: fun muß, drugs dürfen, sex kann sein.
Here we are. Die Schwulen haben sich erkennbar gemacht, und die Gesellschaft zeigt sich erkenntlich. Wer sich bis zur Bewußtlosigkeit integrieren läßt, erhält dafür das Gütesiegel ganz besonderer Normalität. Eine schier obszöne Wohlanständigkeit hat allenthalben um sich gegriffen. Da fliegt schon mal ein Pädophilenverband aus dem International Lesbian and Gay Association, damit nur ja nicht der Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen gefährdet wird (von deren 184 Mitgliedern übrigens mindesten 74 offen schwulenverfolgende Strafmaßnahmen [richtig: Strafbestimmungen] haben). Mit schmuddeligen Knabenschändern hat man und frau selbstverständlich nichts gemein. Ach, wissen Sie, das ist doch bloß eine Minderheit … Tja, abgesehen davon, daß man eindeutig den besseren Geschmack hat, ist man als Schwuler im Grunde auch nicht anders als andere auch.
„Wenn ein Schwuler sich die Haare blau färbt,” ließ Jean Genet einmal in einem Interview wissen, „kann er durch sie ein revolutionäres Programm verkünden; doch wenn er, nachdem er sich die Haare blau gefärbt hat, sich mit Hormonen Brüste wachsen läßt und mit einem Mann zusammenlebt, parodiert er bloß das System. Er wahrt den Schein und provoziert überhaupt nicht. Die Gesellschaft ist belustigt. Er wird so etwas wie ein Kuriosum, das vom System rasch verdaut wird.” Und alles, so könnte man hinzufügen, was von dem bißchen Exzeß und Perversion übrigbleibt, ist die alte Scheiße.

III. „ … ins Fegefeuer!”
„Hiermit trete ich aus der Kunst aus”, verkündete eins Joseph Beuys. Und schuf damit erst recht wieder Kunst. Wenn man sich für ein politisch wachen Menschen hält, der den Traum von Widerstand und Befreiung noch nicht ausgeträumt hat, können einem die schrille Biederkeit der warmen Mitbrüder einerseits und die heuchlerische Umarmung durch den Hetero-Zeitgeist andererseits das eigene Schwulsein ganz schön vermiesen. Was tun, fragt der Hase, dem man die Geschlechter erklärt hat. Aus der Homosexualität austreten, um erst recht wieder „ganz verteufelt homosexuell” zu sein? Die Inversion noch etwas weitertreiben, ohne sich dabei im Kreis zu drehen? Außer Konkurrenz dem Feld davonlaufen, indem man einfach mittendrin mal die Richtung wechselt? Wenn es doch nur gelänge, das Spiel der heterosexuellen Differenz nicht zu spielen!
Im Französischen konnte der Schwule zuzeiten l’indifférent genannten, wohl weil er auf die Reize des anderen Geschlechts nicht anspricht. Läßt vielleicht Indifferenz eine Chance, Differenz zu verwinden? Im Sinne aktiver Teilnahmslosigkeit möglicherweise, als Versuch, beim regulären Verkehr der Geschlechter nicht mitzumachen.
Das Modethema gender-crossing bietet konzeptionell lediglich Vertauschungen innerhalb des vertrauten kategorialen Rahmens, nicht dessen Abschaffung, sodaß nach ein wenig Hin und Her bald alles wieder an seinem Platz sein dürfte. Schwule In-Differenzierung aber hätte die heterosexuelle Differenz nicht nur zu kreuzen und zu queren, sondern auch durchzustreichen und zu verlassen.
Die Heterosexualität schuf sich eine Homosexualität nach ihrem Bilde. Doch das kann nicht alles gewesen sein. Unter anderen existieren die Fetten, Alten, Kranken, Schwachen und Unglücklichen sehr wohl und sind nicht weniger schwul als die angepaßten Neonormalen. Sie sind eher die Wirklichkeit als die Schwulendarsteller, von deren Abweichung sie abweichen. Das bringt mich womöglich auf eine Spur:
Es gibt noch Differenzen diesseits und jenseits des Kleinen Unterschieds und seiner identitätsstiftenden Folgen zu durchleben, die ungemein vielfältiger und reichhaltiger sind als die schlichte Polarität der Geschlechter. Ein Körper beispielsweise ist nicht nur männlich und/oder weiblich. Er ist vielmehr auch etwas zu groß, angenehm warm, schön anzuschauen, ganz nah, eher kühl, erstaunlich beweglich oder merkwürdig fremd …
Wer mich als Mann identifiziert, hat selber schuld. Nicht weil ich keiner wäre, aber darum geht’s doch gar nicht, wenigstens nicht allein. Auch nicht bloß um eine Schwäche fürs starke Geschlecht. Vielmehr wünsche ich mir, In-Version wäre nicht einfach eine Version von „Sexualität”, die in sein kann oder out, sondern die leidenschaftliche Verneinung gängiger Fassungen, das große Ja zu erotischer Anarchie, der durchdachte Sprung aus der Furche. „Ick bün all hier”, ruft irgendeiner der Igel dem Hasen noch zu, aber der ist längst weitergelaufen und inzwischen ganz woanders. „Tschüs!”

Eine Fassung des Textes erschien in Volksstimme 44 (3. November 1994, S. 20 f.). Auf Unterschiede zu meinem Manuskript wird in eckigen Klammern verwiesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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