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Grundsätzliches zur „Homo-Ehe“ PDF Drucken E-Mail

Es beginnt für gewöhnlich mit einer Unwahrheit. Homosexuelle, so heißt es, seien Heterosexuellen gegenüber benachteiligt, weil sie nicht heiraten dürften. Tatsächlich aber gibt es, jedenfalls vor der Einführung der „Homo-Ehe“ in keiner je bekannt gewordenen Rechtsordnung irgendwelche Bestimmungen, die die Möglichkeit, die Erlaubnis oder das Verbot einer Eheschließung ausdrücklich an eine bestimmte sexuelle Orientierung der Heiratswilligen knüpfen. Anders gesagt, kein Paragraph hat je gefordert, man müsse heterosexuell sein, um heiraten zu dürfen. Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil besteht also im Hinblick auf das Recht zu heiraten keine Benachteiligung von Homosexuellen gegenüber Heterosexuellen. Heterosexuellen war es stets genau so wenig möglich, eine Person gleichen Geschlechts zu heiraten, wie Homosexuellen. Insofern nämlich die Ehe nie anders verstanden wurde denn als rechtliche Verbindung von Mann und Frau, war nicht die sexuelle Orientierung, sondern das Geschlecht, genauer: die Verschiedengeschlechtlichkeit der Eheleute das Kriterium. Erst der Wunsch mancher Homosexueller, eine Ehe mit einem (oder einer) anderen Homosexuellen einzugehen, trägt die sexuelle Orientierung in den Ehebegriff ein.
Tatsächlich gibt es unzählige Beispiele von Menschen, die, nach wessen Begriffen auch immer, heute für gewöhnlich als homosexuell gelten und die sehr wohl verheiratet waren (oder sind). Wenn man Beispiele braucht: Aus dem Bereich der Literatur fallen mir sofort Oscar Wilde, W.H. Auden und Yukio Mishima ein. (Ob die Gründe der Eheschließungen gut oder schlecht waren und ob es sich um gute oder schlechte Ehen handelte — wer hätte, genauso wie bei nichthomosexuellen Verheirateten, darüber zu richten außer den Beteiligten selbst?)
Nicht Homosexuelle also werden vom herkömmlichen Eherecht benachteiligt, sondern allenfalls Paare aus zwei Männern (oder zwei Frauen) gegenüber Paaren aus Mann und Frau. Das aber verschiebt die Thematik. Denn üblicherweise gelten Paare nicht als Träger von Rechten. Es ist also etwas ganz anderes, wenn mit „Homosexuelle dürfen nicht heiraten“, was streng genommen falsch ist, eigentlich „Paare von Homosexuellen dürfen nicht heiraten“ gemeint ist, was freilich für gleichgeschlechtliche Paare von Heterosexuellen genauso gilt.
Während es, um es nochmals zu sagen, falsch ist, zu behaupten, das Homosexuelle nach herkömmlichem Recht nicht heiraten dürfen, ist es richtig, dass Lebensgemeinschaften von zwei Männern (oder zwei Frauen) herkömmlicherweise nicht denselben Rechtsstatus erlangen können wie Lebensgemeinschaften von einem Mann und einer Frau (oder, in bestimmten Rechtsordnungen, eines Mannes und mehr als einer Frau oder einer Frau und mehr als einem Mann). Allerdings gibt es viele Formen der Lebensgemeinschaft, die nicht verrechtlicht und rechtlich nicht anerkannt sind. Menschen leben keineswegs nur paarweise miteinander und nicht alle Paare, die eine Lebensgemeinschaft haben, sind durch Liebe oder Sex verbunden.
Das Besondere an der Paarbeziehung zweier homosexueller Männer (oder zweier homosexueller Frauen) ist in diesem Zusammenhang jedoch, das sie analog gedacht wird zur Paarbeziehung eines heterosexuellen Mannes und einer heterosexuellen Frau. Diese wird als das schlechthin gültige Modell von Paarbeziehung überhaupt gesetzt und mit hohem symbolischen Wert aufgeladen, wobei als Krönung der Verbundenheit und Verbindlichkeit die Eheschließung gilt. Absurderweise, muss man sagen, denn die zunehmende Verklärung der Ehe steht in krassem Widerspruch zu zunehmenden Scheidungsraten. Keineswegs ist die Ehe realistischerweise noch eine auf Lebenszeit eingegangene Verbindung. Man gibt sich viel mehr das Versprechen, zusammen zu bleiben und einander beizustehen, in dem Bewusstsein, sich bei Schwierigkeiten jederzeit trennen zu können.
Seit unvordenklicher Zeit galten Ehen vor allem als Rechtsgeschäft — und zwar eher als solche zwischen zwei Familien denn bloß zwischen zwei Einzelpersonen, weshalb übrigens das Arrangieren von Ehen nichts mit Zwangsverheiratung zu tun hatte, sondern mit ökonomischer (oder politischer) Vernunft. Die Liebe der Eheleute zueinander bildete nicht die Voraussetzung, sondern ein wünschenswertes Ergebnis des Zusammenlebens. Die Ehe als Ausdruck romantischer Liebe hingegen ist, wie diese selbst, eine sehr junge Erfindung. Und heute absolut hegemonial geworden. Wobei bemerkenswerterweise weniger tatsächlich gelingendes Zusammenleben entscheidend für die Beliebtheit der Ehe zu sein scheint (da man sich im Fall des Scheiterns ja scheiden lassen kann), sondern der bloße Fakt der Eheschließung selbst. Der Hochzeitstag wird nach festen Regeln als „schönster Tag“ imaginiert; wobei man sich fragen darf, wie eine Ehe wohl aussieht, die ihren Höhepunkt schon am Anfang hatte …
Selbstverständlich ist die Ehe aber nach wie vor auch Rechtsinstitut und mit bestimmten rechtlichen und wirtschaftlichen Privilegien verbunden. Und selbstverständlich geht es bei der Forderung, auch Homosexuelle (nämlich: homosexuelle Paare) müssten heiraten dürfen, auch um diese Privilegien, genauer: um die Ausweitung dieser Privilegien von Partnerschaften von Heterosexuellen auf Partnerschaften von Homosexuellen, betreffe dies nun das Erb-, Miet- oder Steuerrecht. Dass wirtschaftlichen Aspekte vor allem dort eine Rolle spielen, wo Einkommen hoch und Vermögen groß sind, sei nur am Rande vermerkt. Von erheblicher Bedeutung können freilich auch bestimmte Rechte im Krankheits- oder Todesfall sein — Auskunfts- und Besuchsrechte etwa oder die Entscheidung über lebensverlängernde Maßnahmen oder Organentnahmen.
Die Verbindung von symbolischem Wert („unsere Partnerschaft ist genauso gut“) und juridisch-ökonomischer Funktion („unsere Partnerschaft soll sich genauso auszahlen“) kennzeichnet den Diskurs über die „Homo-Ehe“. Dabei sind zwei grundsätzlich verschiedene Politiken zu unterscheiden. Zum einen die Schaffung besonderer Rechtsinstitute, die der Ehe mal mehr, mal weniger entsprechen (zum Beispiel „registrierte Partnerschaft“ oder „Zivilpakt“). Oder die Schaffung der Möglichkeit für Paare aus zwei Männern oder zwei Frauen, eine vollgültige Ehe einzugehen.
Letzteres als „Ehe-Öffnung“ zu bezeichnen, ist übrigens irreführend. Die Ehe wird hier nicht, wie der Ausdruck suggerieren soll, für Homosexuelle geöffnet, denen sie ja, wie oben dargelegt, gar nicht verschlossen war. Vielmehr wird der Begriff von Ehe, der in keiner Rechtsordnung je anders denn als Verbindung von Mann und Frau verstanden wurde, neu definiert. Statt von „Öffnung“ wäre also besser von „Neudefinierung“ der Ehe zu sprechen.
Doch so oder so, ob nun „Homo-Ehe“ im engeren Sinne (eheähnliche Rechtsform) oder im weiteren (Ehe für Paare aus zwei Personen gleichen Geschlechts), entscheidend ist, ob diese rechtlichen Neuordnungen nur für Homosexuelle gelten oder auch für Heterosexuelle. Im ersten Fall wird Sonderrecht geschaffen — und also Ungleichheit gerade nicht beseitigt —, nur im zweiten Fall geht es tatsächlich um Rechtsgleichheit. Noch deutlicher gesagt: Dürfen zwei Männer (oder zwei Frauen) einander nicht heiraten (oder sich miteinander „verpartnern“), weil sie nicht homosexuell sind, schafft die angebliche „Gleichbehandlung“ von Homosexuellen in Wahrheit neue Ungleichheit.

 
Warum ich Nichtwähler bin PDF Drucken E-Mail

Allein schon, dass alle Welt will, dass man wählen gehe, ist doch wohl höchst verdächtig. Geh wählen, geh wählen, geh wählen, tönt es von überallher. Geh wählen, heißt es, egal was, Hauptsache, du wählst überhaupt. Wählen gehen sei wichtig, heißt es. Das glaube ich auch. Wählen gehen stärke die Demokratie, heißt es. Auch das glaube ich. Gerade deshalb bin ich ja dagegen.
Als Nichtwähler macht man sich im real existierenden Demokratismus nicht beliebt. Nichtwähler werden als passive Ignoranten, als faule Verweigerer, als überzählige Mitbürger betrachtet, die den anständigen und fleißigen Wählern und Wählerinnen politisch auf der Tasche liegen und am Wahltag, der bekanntlich Zahltag ist, ihren notwendigen Beitrag nicht leisten. Pfui. Wer nicht wählt, der soll eigentlich gar nicht existieren.
Dass man auch Nichtwähler sein kann, ohne politisch desinteressiert und inaktiv zu sein, darf nicht wahr sein. Wer nicht wählt, hat einen Defekt. Der kann vielleicht mit Verdrossenheit entschuldigt werden, bleibt aber ein Übel, das besser beseitigt würde. Nichtwählen aus Überzeugung aber, wo gibt’s denn so was!
Wahlen gelten als Kernbestandteil der Demokratie, und die Demokratie ist die Heilige Kuh (um nicht zusagen: das Goldene Kalb) der kapitalistischen Gesellschaft. Wer Demokratie nicht toll findet und nicht als die einzig vernünftige und erstrebenswerte Regierungsform anhimmelt, ist mehr als verdächtig. Der ist draußen. Nur Nazis und Kommunisten und solches Gesocks sind keine Demokraten. (Wobei man verdrängt, dass Hitler von der „germanischsten Demokratie“ schwärmte und die Bolschewisten ihre Gewaltherrschaft als „demokratischen Zentralismus“ betitelten.)
Undenkbar, dass man auch aus guten Gründen gegen Demokratie, so wie sie ist, etwas haben könnte. Also sage auch ich nicht etwa, ich sei Antidemokrat, sondern bezeichne mich als Demokratiekritiker. Das stimmt allerdings auch in der Sache, denn ich will nicht ja weniger als Demokratie, sondern mehr. Als Anarchist sähe ich gerne das an demokratischen Systemen, was an ihnen noch Herrschaft von Menschen über Menschen ist, überwunden. Wenn man also unter radikaler Demokratie verstehen kann, dass alles, was ihn betrifft, von jedem Mündigen mitbestimmt wird, dann bin ich radikaler Demokrat.

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Viktor Pelewin: Tolstojs Albtraum PDF Drucken E-Mail

Ein phantastisches Buch! Wäre es Jahrzehnte früher erschienen und hätte ich es als Jugendlicher gelesen, hätte es mich wohl ähnlich beeinflusst, wie es „Königrufen“ von Peter Marginter oder „1984“ von George Orwell taten. (Und in meiner Kindheit all die Märchen und Sagen und unter anderem Jan Brzechwas „Akademie des Meister Klecks“. Oder, wesentlich später, „Naked Lunch“ und anderes von Burroughs.) Es hätte mich in meiner Neigung bestärkt, die Unwirklichkeit der Wirklichkeit und die Wirklichkeit des Traumhaften und Wunderbaren für entscheidender zu halten als all das, was alle Welt für wirklich und wichtig zu halten scheint. Anders gesagt, es hätte mich verwirrt zurückgelassen und mich womöglich Verwirrtheit (oder vielmehr: Unglauben an die Unverwirrtheit der anderen) als angemessenes Weltverhältnis begreifen gelehrt. Aber auch so ist es mir zu einem wundervolles Lektüreerlebnis geworden!
Viktor Pelewin gelingt es in „Tostojs Albtraum“ — das Buch heißt im russischen Original schlicht „T“ —, Romanhandlung und philosophischen Diskurs, russische Geistesgeschichte und Momente von action und suspense (und erstaunlich wenig sex) zu verschränken, ja miteinander zu durchdringen. Es stehen so Szenen von verblüffender Komik neben Passagen mit unerwartetem Tiefsinn. Das ergibt eine ebenso unterhaltsame wie anregende Lektüre, jedenfalls für solche, die Sinn für derartige Herausforderungen haben. Übrigens können, auch wenn die deutsche Ausgabe mit hilfreichen Anmerkungen versehen ist, ein paar Kenntnisse in russischer Geschichte, Literatur, Politik und Religionsphilosophie nichts schaden, wenn man möglichst viele Anspielungen und Kontexte verstehen will, sie sind aber, vermute ich, keineswegs zwingend erforderlich, um an dem komplexen, aber nicht komplizierten Buch vielfältigen und nachhaltigen Gefallen zu finden
Für jemanden wie mich jedenfalls, der eine gewisse Anhänglichkeit an das alte, das vorrevolutionäre Russland hat, ist schon das Ambiente des Romans ein Vergnügen. Dass dann auch noch wirklich und wahrhaftig Tolstoj, Dostojewski und Solowjow als handelnde und denkende Figuren auftreten, steigert den Genuss ins Aberwitzige. Zumal die Handlung herrlich belanglos und verschlungen ist — und hier darum auch nicht nacherzählt werden soll oder kann. „Tolstojs Albtraum“ ist, so viel sei immerhin warnend verraten, auch und vielleicht sogar vor allem ein Roman übers Schreiben von Romanen und, mehr noch, über das Lesen eben dieses Romanes, den man gerade liest. Manche mögen dafür das Etikett „postmodern“ benötigen. Ich würde eher sagen, es ist erzählende Literatur auf der Höhe ihrer Möglichkeiten, so, wie sie bei Cervantes und Sterne begann, zugegebenermaßen weniger dicht und schwer als bei Proust, Joyce, Mann, Musil e tutti quanti, aber angereichert um die Erfahrung von Groschenromanen, Comicheften, Kinofilmen und Fernsehserien. Hier ist, einmal mehr in der Literaturgeschichte, das bewundernswerte Kunststück gelungen, Parodie und Original ununterscheidbar werden zu lassen.
Mit „Tolstojs Albtraum“ habe ich jetzt zum ersten Mal (und mit großem Genuss!) ein Buch des, wie ich höre, ungemein erfolgreichen Viktor Pelewin, gelesen. Ich vermute sehr, es wird nicht mein letztes bleiben.

Viktor Pelewin: Tolstojs Albtraum, München (Luchterhand Literaturverlag) 2013, übersetzt von Dorothea Trottenberg. [russ. 2009]

 
Wie falsch kann Wahrheit sein? PDF Drucken E-Mail

Das Internet, dieser Ozean fremder Gedanken, der Stunde um Stunde so viel Bedenkenswertes und Bedenkliches heranspült, hat mir heute auch diesen Satz gebracht: „Es gibt nur eine falsche Sicht: Der Glaube, dass meine Sicht die einzig richtige ist.“ (Als Quelle wird „Nagarjuna“ angegeben.) Ich bin überzeugt, dass dieser Satz vielen Menschen gefällt, dass sie ihm spontan zustimmen. Mir aber leuchtet er ganz und nicht ein, ja ich halte ihn, sofern ich ihn überhaupt verstehe, für falsch. Das möchte ich hier ausführen. Dabei interessiert es mich nicht, ob der Satz tatsächlich von Nagarjuna stammt und was dessen Philosophie eigentlich ist; ich nehme den Satz vielmehr so, wie er dasteht, ohne einen spezifischen Kontext.
„Es gibt nur eine falsche Sicht: Den Glauben*, dass meine Sicht die einzig richtige ist.“ Vielleicht kann man ja diesen Satz auch ganz harmlos und unprätentiös verstehen als Warnung, die eigene Sicht der Dinge nicht zu überschätzen, sondern stets der eigenen Beschränkungen eingedenk zu sein. Jeder ist anfällig für Täuschung und Irrtum, niemand, zumindest kein gewöhnlicher Sterblicher, der im eigenen Namen spricht, ist unfehlbar. Wenn der Satz nur das besagen wollte, wäre er wohl wahr, aber auch ein bisschen banal. Er sagt allerdings, wörtlich genommen viel mehr, nämlich nicht nur: Es ist möglich, dass man sich irrt, sondern er behauptet: Man irrt sich immer, wenn man glaubt, dass man die Wahrheit weiß.
Das ist nun offensichtlich paradox. Wie der Satz, alles sei unwahr, sich selbst widerspricht, denn wenn er selbst unwahr ist, ist nicht alles unwahr, und wenn er wahr ist, ebenfalls nicht, so ist auch die Behauptung, jeder Anspruch auf Wahrheit sei immer falsch, offenkundig widersprüchlich, sofern nämlich dieser Satz doch wohl selbst den Anspruch erhebt, wahr zu sein, und dann ja, sich selbst zufolge, eine falsche Sicht sein müsste, woraus wiederum folgt, dass dann eben doch nicht jeder Wahrheitsanspruch falsch ist. Anders gesagt, die Sicht, dass der Glaube, eine einzige Sicht sei die einzig richtige, sei falsch, ist selbst nur eine Sicht und wäre darum, wenn sie richtig ist, falsch und falsch, wenn sie richtig ist.
Freilich ergeben sich solche Paradoxa nur dann, wenn man an der üblichen zweiwertigen Logik festhält, also daran, dass eine Behauptung und ihr Gegenteil nicht beide wahr sein können. Es mag Menschen geben, die beanspruchen, über dieses gewöhnliche Denken hinaus zu sein und einer Logik zu folgen, nach der eine Aussage zugleich wahr und unwahr sein kann. Ich persönlich allerdings besitze diese erstaunliche Fähigkeit nicht, ich denke noch immer zweiwertig und halte alles andere für Unsinn.

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Arbeit, Sklaverei und Kunst bei Friedrich Nietzsche und Oscar Wilde PDF Drucken E-Mail

Ein haitianisches Sprichwort lautet: „Wenn die Arbeit etwas Gutes wäre, würden die Reichen sie nicht den Armen überlassen.“ Diese Behauptung, so scheint mir, leuchtet unmittelbar ein und ist kaum zu widerlegen. Sie bringt die Erfahrung vieler Generationen sehr armer Menschen zum Ausdruck, deren Vorfahren einst aus Afrika verschleppt worden waren, um sich als Sklaven auf den Zuckerrohrfeldern aus Europa stammender Plantagenbesitzer zu Tode zu arbeiten. Sie erinnert daran, dass Arbeit für diejenigen, die gezwungen sind, sie zu tun, etwas Unangenehmes, Belastendes, Einschränkendes, Schmerzhaftes, ja sogar Tödliches sein kann.
„Wenn die Arbeit etwas Gutes wäre, würden die Reichen sie nicht den Armen überlassen“: Mit dieser Behauptung ist aber auch in Frage gestellt, ob es sich wirklich so und nur so verhält, wie es gemeinhin dargestellt wird, dass nämlich die Neuzeit nach gewissen Vorarbeiten in Mittelalter und Antike ein Ethos der Arbeit entwickelt habe, demzufolge der Mensch arbeiten wolle und nichts als arbeiten, um sich auf diese Weise als moralisches Subjekt zu behaupten.
„Arbeit macht das Leben süß, macht es nie zur Last, der nur hat Bekümmernis, der die Arbeit hasst“, reimte man (1) im ausgehenden 18. Jahrhundert. Dieser pietistischen Schönfärberei hat man im Laufe der Zeit manch flotten Spruch entgegengehalten: „Arbeit macht das Leben süß, Faulheit stärkt die Glieder.” Oder: „Arbeit macht das Leben süß, aber Müßiggang schmeckt auch nicht bitter.“ Und schließlich wird auch schon mal schlicht festgestellt: „Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt.“

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